Archiv flassbeck-economics | 08.01.2016 (editiert am 09.01.2017)

Der Roboter als Jobkiller? – 1

Ein neues altes Thema macht rasend schnell die Runde. Automation, die Verdrängung des Menschen durch Roboter, wird als große Gefahr an die Wand gemalt und die uralte Konfusion „On Machinery“, wie der englische Ökonom David Ricardo es vor 200 Jahren genannt hatte, feiert fröhliche Urständ.

Wie weit neben der Spur die aktuelle Diskussion dieses Themas ist, hat Philip Plickert in der FAZ (hier) gezeigt. Vor allem die dort zitierten „Experten“, die Studien über die Automatisierungsmöglichkeiten anfertigen, begreifen offenbar nicht, dass sie einem uralten Vorurteil aufsitzen. Der Autor der FAZ scheint das zwar zu erkennen, kann aber die offenkundigen Schlussfolgerungen wegen anderer Vorurteile offenbar nicht ziehen.

Die FAZ zitiert den Arbeitsforscher Richard Freeman von der Harvard-Universität, der sagt: „Sobald Roboter und Computer etwas billiger erledigen können, nehmen sie den Menschen die Jobs ab – außer, diese sind bereit, weniger Lohn zu akzeptieren.“ Das ist der Kern der Konfusion. Natürlich werden immer wieder bestimmte Jobs (nicht aber „ Jobs schlechthin“) von Maschinen vernichtet, weil Maschinen etwas besser, zuverlässiger und schneller können. Das hat sich seit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht geändert. Und wenn die Menschen von Beginn der Rationalisierung an (die weit vor der Industrialisierung begann) erfolgreich versucht hätten, den Verlust eines bestimmten Arbeitsplatzes (ihres Arbeitsplatzes) durch Lohnsenkung zu verhindern, hätte es den steigenden Wohlstand einfach nicht gegeben.

Der Autor der FAZ stellt zwar richtigerweise fest: „Auf die Dauer hat sich nicht bewahrheitet, dass die neue Industriewelt keine Arbeitsplätze mehr bietet – im Gegenteil. Durch steigende Produktivität nahm mit der Zeit der Wohlstand auch in der Breite der Bevölkerung zu. Der Einsatz moderner Maschinen verbilligte die Produktion, die Preise fielen, und damit konnte auch die Nachfrage zunehmen. Statt der alten Berufe in Landwirtschaft und Handwerk, die überflüssig geworden waren, bildeten sich neue Industrieberufe heraus.“ Aber warum schreibt er so schwammig über „steigenden Wohlstand und steigende Produktivität“? Und warum müssen die Preise fallen, damit der Wohlstand steigen kann? Immerhin erkennt jetzt auch ein Autor der FAZ, dass es steigende Nachfrage als Jobschaffer geben kann. Danke, das werden wir ins Buch der ewigen Wahrheiten schreiben.

Doch der Reihe nach. Der Zusammenhang, um den es geht, ist ganz einfach und wir haben ihn hunderte Male beschrieben. In dem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ haben Friederike Spiecker und ich es so gefasst:

„Ist es nicht eindeutig? Arbeitslosigkeit ist ein unabwendbares Schicksal: Was gestern noch mehrere Arbeiter am Fließband bewerkstelligten, erledigt heute ein Roboter. Wo gestern Arbeiterinnen die fertig produzierte Ware wenigstens noch verpacken und beschriften mussten, packt und adressiert heute eine von Computern gesteuerte Verpackungsmaschine. Immer mehr Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz und finden – möglicherweise trotz mehrfacher Umschulung – keine neue Verdienstmöglichkeit und werden zu (Langzeit-) Arbeitslosen. Machen wir uns nicht durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen systematisch arbeitslos? Wer einmal einen Blick in die fast menschenleere Werkshalle eines Automobilherstellers geworfen hat, ist nachhaltig beeindruckt und ertappt sich dabei, wie er Sympathie aufbringt für diejenigen, die vor einem Jahrhundert die Maschinen stürmten, um ihrer Arbeitsplatz vernichtenden Wirkung zu entgehen.

Doch manchmal täuschen die Eindrücke. Dass wir alle auf einer großen Kugel sitzen und uns, gehalten von der geheimnisvollen Kraft der Gravitation, um die Sonne drehen, hat bis vor 400 Jahren fast niemand glauben können, weil der Eindruck der auf- und untergehenden Sonne so unglaublich prägend für unser normales Vorstellungsvermögen ist. Der Mechanismus, wie aus Kapital, aus Maschinen, die Menschen verdrängen, Wohlstand entsteht, scheint fast so geheimnisvoll wie die Gravitationskraft und ist so zentral für unsere komplexe Wirtschaft wie die Gravitationskraft für die komplexen natürlichen Vorgänge auf der Erde.

Weil die Sache komplex ist, müssen wir sie einfach machen, um sie zu verstehen. Stellen wir uns einmal Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel vor. Er ernährt sich mühsam vom Fischfang. Um aber die Fische nicht für alle Zeit mit der Hand fangen zu müssen, baut er sich eine Angel. Das bedeutet nichts anderes, als dass er investiert. Warum tut er das? Damit er sich ein paar Stunden mehr am Tag auf die faule Haut legen kann, falls die Sache mit der Angel funktioniert. Oder damit er Zeit hat, sich eine Hütte zu bauen ohne verhungern zu müssen. Oder beides. Sein Ziel ist eine Verbesserung seiner Lebenslage, ein Wohlstandsgewinn. Ob er die beim Fischfang durch die Investition eingesparte Zeit für mehr Freizeit nutzt oder zur Herstellung anderer Güter einsetzt, bleibt ihm überlassen. Auf jeden Fall wird sich Robinson nicht als arbeitslos betrachten, denn er gewinnt durch das schnellere Fangen der Fische (die Steigerung seiner Arbeitsproduktivität) entweder neue Güter (z. B. die Hütte) und/oder Freizeit hinzu.“

Mit anderen Worten: Dadurch, dass Menschen etwas klüger machen als vorher, sich also das Leben mit Hilfe von Maschinen (Kapital) erleichtern, wird niemand arbeitslos und das lässt sich vollkommen klar zeigen.

(Wie gestern schon erwähnt, wird das von unseren Lesern immer wieder nachgefragte Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ in einigen Tagen vom Westend-Verlag neu als E-Book herausgebracht und kann danach aber auch als Print-on-Demand-Buch direkt beim Buchhandel als Hardcopy bestellt werden)

Weil durch die Zunahme der Produktivität das reale Einkommen der Gesellschaft insgesamt steigen kann, ist es für alle möglich, sich mehr Güter oder mehr Freizeit zu leisten. Im Fall der zusätzlichen Güternachfrage muss folglich dafür gesorgt werden, dass diejenigen, die vorwiegend Nachfrage in einer Wirtschaft entfalten werden und den entsprechenden Bedarf haben, die Einkommen in die Hand bekommen, die sie brauchen, um die zusätzliche Produktion zu kaufen.

Der Fall der Zunahme an Freizeit ist etwas komplizierter, weil es zunächst nicht einfach ist herauszufinden, ob die Option der Verkürzung der Arbeitszeit wirklich von der großen Mehrheit der Arbeitnehmer gewollt wird. Ist das jedoch der Fall, muss man dafür sogen, dass diese Möglichkeit dann allen gleichermaßen zugute kommt. Man muss aber gleichzeitig verhindern, dass die Nachfrage einbricht und es zu leerstehenden Kapazitäten bei den Unternehmen kommt (vgl. dazu unsere Diskussion um Arbeitszeitverkürzung, z. B. hier).

Nun ist noch die Frage zu beantworten, auf welche Weise es zu den steigenden Einkommen und zu der steigenden Nachfrage kommt, die man unbedingt braucht, um rationalisierungsbedingte Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Bei der FAZ-Position gibt es nur einen Weg, nämlich den der fallenden Preise wegen steigender Produktivität. Der Weg ist in der Tat möglich. Ist der Wettbewerbsdruck im Unternehmenssektor groß genug, führt die Rationalisierung bei den Unternehmen, die sie erfolgreich durchführen, zu dem Zwang, die Preise zu senken oder zumindest weniger als die Konkurrenten zu erhöhen. Sinkt dadurch das Preisniveau generell, kommt es bei konstanten Nominallöhnen zu steigenden Reallöhnen. Steigende Reallöhne werden in der Regel (bei unveränderter Sparneigung) zu steigender Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führen, die – für sich genommen – zu positiven Arbeitsplatzeffekten führt und damit den (für sich genommen) negativen Effekt der Rationalisierung ausgleicht.

Warum aber müssen – wie die FAZ es in ihrem Artikel unterstellt – die Preise (bzw. das Preisniveau) bei einer Steigerung der Produktivität absolut sinken, um den Zuwachs der Reallöhne zu erzeugen, der notwendig ist, um genau die Nachfrageausweitung zu erlauben, die es wiederum möglich macht, bei unveränderter Zahl der Beschäftigten die vergrößerte Produktionsmenge auch abzusetzen?

Die Antwort ist einfach: Es muss nicht sinken, es hängt von der Entwicklung der Nominallöhne ab, ob das Preisniveau sinkt, konstant bleibt oder leicht steigt, so wie es zumeist den positiven Inflationszielen entspricht, die sich die westlichen Gesellschaften gegeben haben.

Wir haben den entscheidenden empirischen Zusammenhang, um den es hier geht, schon viele Male gezeigt (Abbildung 1). Die Reallöhne steigen auch dann genau so stark wie die Produktivität, wenn die Nominallöhne Jahr für Jahr so zulegen wie die Produktivität plus die jeweilige Inflationsrate bzw. das Inflationsziel (hier gemessen am BIP Deflator). Gelingt es, eine solche Zuwachsrate der Nominallöhne zu realisieren, kann die Gesellschaft eine leicht positive Inflationsrate realisieren. Deutschland etwa lag zwischen 1970 und 1991, also bis zur deutschen Vereinigung, bei etwa 3,5 Prozent, hat aber in der Phase des großen Lohndrucks (seit Mitte der neunziger Jahre) die Nominallohnzuwächse so stark reduziert, dass nur noch ein Prozent Inflation aus dem Zusammenspiel von Nominallöhnen und Produktivität resultierte.

Abbildung 1

Roboter1

Über so lange Fristen, wie sie hier betrachtet werden, sorgt der Wettbewerbsdruck auf den Gütermärkten in der Regel dafür, dass die Inflationsrate zurückgeht, wenn die Löhne nicht entsprechend der Regel erhöht werden, die wir die „goldene Regel“ nennen, nämlich Produktivitätstrend plus Inflationsziel.

Das Ergebnis des Drucks auf die Nominallöhne ist folglich über sehr lange Zeit eine niedrige Inflationsrate oder sogar Deflation (wie in Japan seit Beginn der neunziger Jahre), viel weniger (oder sogar gar nicht) aber ein Zurückbleiben der Reallöhne hinter dem Produktivitätszuwachs. Folglich ist es absolut rational, auf Umverteilungsversuche via Druck auf die Nominallöhne zu verzichten und von vorneherein die Nominallöhne so stark zu erhöhen wie es dem Produktivitätstrend und der Zielinflationsrate entspricht.

Das ist natürlich eine Botschaft, die bei einer Zeitung wie der FAZ nicht beliebt ist. Man setzt doch auf die Flexibilität der Löhne, die natürlich eine Flexibilität der Reallöhne bedeutet und im Zweifel immer auf ein Zurückbleiben der Reallöhne hinter dem Produktivitätszuwachs hinausläuft. Bleiben aber die Reallöhne hinter der Produktivität zurück, wie das in Deutschland in den letzten fünfzehn Jahren der Fall war, dann kann der Zuwachs der Gütermenge, der potentiell möglich ist, von der eigenen Bevölkerung nicht mehr gekauft werden und Arbeitslosigkeit ist die Folge.

Lässt ein Land das Zurückbleiben der Löhne zu, muss es darauf setzen, dass das Ausland über seinen Verhältnissen lebt, also einen Leistungsbilanzüberschuss des lohndrückenden Landes durch eigene Leistungsbilanzdefizite ermöglicht. Das war die Variante, die Deutschland im Rahmen der Europäischen Währungsunion so „erfolgreich“ gemacht hat, weil die anderen Länder sich mit Abwertungen ihrer Währungen dagegen nicht mehr wehren konnten. Sie ist allerdings auf längere Sicht unhaltbar, weil die Defizit-Länder ständig steigende Schuldenstände nicht verkraften können.

Für die Welt als solche oder eine relativ geschlossene Volkswirtschaft wie die USA oder Europa insgesamt ist das Ergebnis vollkommen eindeutig: Sinkende oder hinter der Produktivität zurückbleibende Reallöhne erhöhen die Arbeitslosigkeit. Wenn die von den Robotern geschaffenen Produktionsmöglichkeiten (das ist der mögliche Zuwachs der Produktivität) nicht durch zusätzliche Nachfrage genutzt werden, entlassen die Unternehmen Arbeitskräfte. Weil das vollkommen klar ist, braucht man nicht auf den sehr unvollkommenen und mit großen negativen Nebenwirkungen behafteten Marktprozess zu warten, bei dem am Ende die Reallöhne durch Preissenkung steigen, sondern kann (von Seiten der Tarifpartner oder des Staates, falls nötig) von vorneherein dafür sorgen, dass die Nominallöhne so stark steigen wie es der trendmäßigen Zunahme der Arbeitsproduktivität plus dem Inflationsziel entspricht. Jeder, der ein von der Zentralbank gesetztes Inflationsziel für vernünftig hält, muss auch dafür sein, die Nominallöhne auf diese Weise zu steuern. Ist er nicht dafür, hat er nicht verstanden, worum es geht oder er ist ein Ideologe.

 

Erfahren Sie im zweiten Teil, wie erstaunlich sich die Arbeitsproduktivität tatsächlich entwickelt und warum das so ist.

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