Der Roboter als Jobkiller? – 2

Zu dem Bild vom Roboter als Jobkiller, der in den letzten Jahren so richtig in Fahrt kam, passt unzweifelhaft ein Bild, bei dem die Produktivität der Arbeit durch die Decke geht. Denn wenn tatsächlich Roboter in ungekanntem Ausmaß Menschen in der Produktion ersetzen, dann, das ist die einzig vernünftige Schlussfolgerung, muss die Arbeitsproduktivität weit stärker als in der Vergangenheit zunehmen.

Doch die empirischen Ergebnisse sprechen eine ganz andere Sprache. Wir betrachten in Abbildung 1 die Entwicklung der Arbeitsproduktivität (hier zunächst als Index auf der Basis 1991) pro Stunde in den fünf größten Industrieländern. Tatsächlich kommt dabei zutage, dass sich das Wachstum der Produktivität in unglaublicher Weise abgeschwächt hat. Insbesondere seit dem Ende der großen Krise von 2008/2009 stagniert die Produktivität nahezu in diesen Länder, die doch, so glaubt es jedenfalls jeder normale Beobachter, an der Spitze des technischen Fortschritts stehen.

Abbildung 1

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Selbst in den USA, wo die wirtschaftliche Entwicklung noch am besten läuft, ist der Produktivitätszuwachs zum Erliegen gekommen (die USA weisen allerdings einen seltsamen Sprung von 2008 auf 2009 auf, der schwer erklärlich ist, weil in der Rezession wie in den anderen Ländern zu sehen, die Produktivität normalerweise sinkt, aber nicht steigt, weil kurzfristig mehr Arbeitskräfte von den Unternehmen gehalten werden als benötigt). Besonders eklatant ist die Entwicklung in Italien, wo mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts (und der Europäischen Währungsunion) ein dramatischer Bruch in der Entwicklung aufgetreten ist.

In Abbildung 2 haben wir die gleichen Daten als Zuwachsrate zum Vorjahr aufgezeichnet, was die Abschwächung noch besser zum Ausdruck bringt. Von etwa zwei Prozent Zuwachs in den 90er Jahren geht die Rate seit Beginn des neuen Jahrhunderts zurück und liegt in allen Ländern zuletzt deutlich unter einem Prozent.

Abbildung 2

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Das ist sicher nicht nur mit einer grandiosen Überschätzung der Auswirkungen der technologischen Revolution in der Informationstechnologie zu erklären. Dass es diese Revolution gibt, daran besteht kein Zweifel. Und es besteht auch kein Zweifel daran, dass die Auswirkungen dieser Revolution für den einzelnen Arbeitsplatz genauso gravierend sein werden wie die der früheren technischen Revolutionen. Was heute aber fehlt, ist offenbar die Umsetzung der technischen Möglichkeiten in einem Tempo, das mit früheren von der Umstellung der Technik getriebenen Investitionszyklen vergleichbar wäre. Die Aussage vom Roboter als „Jobkiller“ gilt also in der Gesamtwirtschaft so wieso nicht, weil es die im ersten Teil beschriebenen Gegenkräfte bei der Nachfrage gibt, es gilt aber auch im Sinne der direkten Umsetzung der Technik in höhere Produktivität viel weniger als die meisten glauben.

Woran liegt das? Die Antwort ist einfach: Die Investitionstätigkeit ist schwach. Abbildung 3 zeigt die Entwicklung aller Investitionen (also der Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen und die Bauinvestitionen). Dabei zeigt sich seit Beginn der neunziger Jahre schon mit Ausnahme der USA (wobei in den 2000er Jahren dort vor allem die Bauinvestitionen sehr stark in der sogenannten housing bubble expandierten) eine allgemeine Investitionsschwäche. Besonders Deutschland und Japan haben sich weitgehend von einer positiven Entwicklung, wie sie etwa für Frankreich noch zu verzeichnen ist, abgekoppelt. Seit der großen Krise ist es aber nur in den USA (und ein wenig Großbritannien) zu einer Belebung der Investitionstätigkeit gekommen. Italien stürzt seit Mitte der 2000er Jahre regelrecht ab.

Abbildung 3

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Das zeigt sich auch bei den Investitionsquoten (Abbildung 4). Japan erlebt den ganz großen Abstieg, die USA holen in den neunziger Jahren von ganz niedrigem Niveau aus auf, Großbritannien ist historisch schwach und auch Deutschland erlebt seit über zwanzig Jahren einen langsamen, aber stetigen Abstieg. Frankreich steht im längerfristigen Vergleich im Prinzip gut da, kommt aber aktuell, wie praktisch alle Länder, nicht aus der Krise heraus. Italien erlebt auch in dieser Betrachtung einen verhängnisvollen Absturz und es verwundert nicht, dass mehr und mehr italienische Ökonomen diesen Absturz unmittelbar mit der Mitgliedschaft in der EWU in Zusammenhang bringen.

Abbildung 4

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Dass Deutschland so schwach ist, wir haben das immer wieder gesagt (hier zum Beispiel), muss man angesichts massiver „Investitionsförderung“ durch Steuersenkung als politischen Skandal erster Güte bezeichnen. Es wird aber kaum darüber geredet. Und wenn einmal darüber geschrieben wird (wie von DIW Präsident Marcel Fratzscher hier und hier), dann darf man den entscheidenden Zusammenhang offenbar nicht nennen. Dass die Nachfrage im Inland seit Jahren extrem schwach ist, darf offensichtlich weder das DIW sagen, noch das ifo-Institut, dessen Ökonomen gar von einem „Rätsel“ sprechen. Klaus Wohlrabe von ifo sagte laut FAZ: „Die Rahmenbedingungen sind ja seit Jahren sehr gut“. Der Forscher verweist auf den niedrigen Ölpreis, die niedrigen Zinsen und die guten Finanzierungsbedingungen für die Firmen und sagt: „Jedes Jahr denkt man, jetzt geht es los, aber dann doch nicht so recht.“

Ja, liebe Kollegen, wenn man sich Denkverbote auferlegt, dann klappt das nicht so gut mit den wissenschaftlichen Erklärungen. Klaus Wohlrabe hat bei seinen „guten Rahmenbedingungen“ sogar die niedrigen Steuern für Unternehmen und die niedrigen Löhne noch vergessen. Dass gerade die letzteren die Ursache dafür sein könnten, dass die Investitionen so schwach sind, ist natürlich für einen Mainstreamökonomen vollkommen absurd. Doch genau darum geht es.

Lesen sie im dritten Teil, warum die Investitionen so schwach sind.

 

 

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