Der Roboter als Jobkiller? – 3

Wir haben in Teil 2 gesehen, dass die Investitionstätigkeit in den westlichen Industrieländern historisch schwach ist. Und das, das muss man sich vorstellen, nach vierzig Jahren neoliberaler Revolution. Im Gefolge der Theorie also, die angetreten ist, die Investitionstätigkeit sozusagen zu verselbständigen, abzukoppeln von solchen „Kleinigkeiten“ wie der Entwicklung der Nachfrage, ist die Investitionstätigkeit so schwach wie nie zuvor nach dem zweiten Weltkrieg.

Das Angebot, so der unsägliche deutsche Sachverständigenrat in unzähligen Gutachten seit den siebziger Jahren, müsse die „Führungsrolle“ in der wirtschaftlichen Entwicklung übernehmen, nur so sei dauerhaft eine befriedigende wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. „Leistung müsse sich wieder lohnen“ haben sie daraus auf der politischen Ebene gemacht. Alles Unsinn! Alles nur die Folge davon, dass man Mikro- und Makroökonomie nicht sauber getrennt hat. Das hat der deutschen und der europäischen Wirtschaft inzwischen unzählige (in der Größenordnung von vielen hundert) Milliarden Euro gekostet hat. Bravo, wenn das keine Leistung ist.

Betrachtet man die entscheidende Determinante des gesamtwirtschaftlichen Nachfragewachstums, die Reallohnentwicklung (Abbildung 1), wird schnell klar, warum eine Nachfragedynamik, die ausreichen würde, die Produktionskapazitäten voll auszulasten und die Unternehmen zu Erweiterungsinvestitionen anzuregen, nicht zustande kommt.

Abbildung 1

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In den letzten Jahren ist die Reallohnentwicklung in fast allen Ländern zum Stillstand gekommen. In den USA gibt es seit dem Ende der Krise von 2008/2009 kaum Zuwächse, in Großbritannien sinken die Reallöhne, In Japan stagnieren sie, in Italien, das eine fünfzehnjährige Geschichte stagnierender Reallöhne hat, sinken sie weiter leicht. In Deutschland, wo die Reallöhne zwischen 2001 und 2007 stagnierten, gibt es zuletzt eine leichte Aufwärtsentwicklung. Nur in Frankreich steigen die Reallöhne pro Stunde fast kontinuierlich, wenn man von dem kurzen Stillstand während der Krise 2008/2009 absieht.

Noch deutlicher sieht man die jüngsten Entwicklungen, wenn man als Basis 1999 benutzt (Abbildung 2). Die Basis 1991 schmeichelt vor allem Deutschland, weil während der deutschen Vereinigung die Reallöhne in Ost und West noch einmal kräftig stiegen, bevor die großen Lohnmoderationsversuche begannen. Man muss bei dem Vergleich von Frankreich, Italien und Deutschland zusätzlich immer bedenken, dass die nominale Lohnzurückhaltung Deutschlands sich teilweise in sinkenden Preisen niederschlug, so dass die Ergebnisse beim Reallohn weniger Abstand zu Frankreich signalisieren als die nominalen Ergebnisse und die Ergebnisse bei den Lohnstückkosten.

Abbildung 2

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Setzt man die Reallöhne direkt in Beziehung zur Produktivität (zieht man also praktisch die Zuwachsrate der Produktivität pro Stunde von der der Reallöhne pro Stunde ab), ergibt sich ein Verteilungsmaß, das man einst, dem Sachverständigenrat folgend, die Reallohnposition nannte (Abbildung 3 und 4).

Die Aussage dieser Größe ist im Prinzip die gleiche wie die einer Lohnquote, sie zeigt, um wie viel in jedem Jahr die Zuwachsrate der Reallöhne unter oder über dem Produktivitätsfortschritt geblieben ist – unterhalb bedeutet sinkende Kurve, oberhalb bedeutet steigende.

Wählt man als Beginn der Rechnung das Jahr 1991 (Abbildung 3), sieht man, dass es in den neunziger Jahren in den meisten Ländern schon mit dem Anteil der Arbeitnehmer abwärts ging. Nur in den USA gab es noch einen leichten Anstieg, bei dem man aber bedenken muss, dass er überwiegend denjenigen „Arbeitnehmern“ zugute kam, die an der Spitze der Einkommenspyramide stehen und hier vor allem denjenigen, die in der „Finanzindustrie“ arbeiteten. Ansonsten ging es überall bergab, in Deutschland, wie oben erwähnt, nur wenig gemessen an der Ausgangsbasis 1991, weil sich die Folgen der deutschen Einheit in einem leichten Anstieg der Reallohnposition niedergeschlagen hatten.

Abbildung 3

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Startet man im Jahr 1999, wird die veränderte Entwicklung vor allem in Deutschland klar sichtbar (Abbildung 4). Vom Jahr 2000 an war die so berechnete Lohnquote stark rückläufig, während in Frankreich, Italien und Großbritannien die Position der Arbeitnehmer gehalten wurde oder sich sogar leicht verbesserte. In Deutschland, den USA und Japan ging es bis 2007 steil bergab und erst nach der Krise von 2008/2009 stabilisierte sich die Verteilungsposition der Arbeitnehmer auf niedrigem Niveau. In Großbritannien geht es seit 2009 deutlich bergab.

Abbildung 4

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Wenn die Arbeitnehmer aber so gedämpfte Zukunftserwartungen haben, wie es in diesen Reallohnpositionen zum Ausdruck kommt, wenn die Arbeitnehmer also erwarten, dass sie nicht oder zumindest nicht in voller Höhe am möglichen Fortschritt der Produktivität beteiligt werden, dann gibt es diesen Produktivitätsfortschritt gar nicht, weil wegen schwacher Endnachfrage nicht genügend investiert wird, um die Produktivitätsentwicklung auf einem dynamischen Pfad zu halten. Auch die beste Technik, Roboter und die größten Erfindungen helfen nicht, wenn sie nicht in der gesamten Breite der Volkswirtschaft umgesetzt werden. Das aber geschieht nicht, weil die Industriestaaten sich dem Dogma der flexiblen Arbeitsmärkte verschrieben haben und nicht mehr verstehen, dass stabile Einkommenserwartungen der Masse der Menschen die zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung ist (vgl. unseren Beitrag von Anfang 2013 hier).

Insgesamt gesehen ist also die Produktivitätsschwäche die Folge einer Investitionsschwäche und das Gerede vom Roboter, der die Menschen verdrängt, erweist sich als eine gewaltige Schimäre. Damit erübrigen sich auch alle übrigen Vorschläge, die mit der Roboterisierung unseres Alltags einhergehen. Besonders absurd ist es, jetzt wieder nach einer Maschinensteuer zu rufen, wie das manche auf der Linken für opportun halten (ein Beispiel aus der SPÖ hier). Maschinensteuer ohne Maschinen sozusagen. Die einzige „Maschinensteuer“, die die ganze Welt dringend braucht, sind steigende Reallöhne. Ist Sorge dafür getragen, dass die Reallöhne, wie im ersten Teil beschrieben steigen, und es auch die Erwartung der Arbeitnehmer gibt, dass sie voll am von ihnen mit erwirtschafteten Fortschritt beteiligt werden, dann ist die zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Rationalisierung und Automatisierung erfüllt. Diejenigen, die die Produkte kaufen sollen, die in einem effizienter werdenden Produktionsprozess entstehen, müssen auch die Mittel haben, um sie zu kaufen, ohne dass man dazu auf fallende Preise warten muss.

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