Die Gedankenspiele der Ökonomen und ihre reale Bedeutung (Teil 1)

Günther Grunert hat in einem ausgezeichneten Artikel (hier) knapp Michal Kaleckis Analyse über den Ursprung von Gewinnen vorgestellt. Das Ergebnis der salden-mechanischen Analyse Kaleckis hat er wie folgt zusammengefasst:

„(Die) Bruttogewinne (von Unternehmen) nach Steuern (Pn) sind gleich den Brutto-investitionen (I) plus dem staatlichen Budgetdefizit (G – T) plus dem Exportüberschuss (NX) plus dem Konsum der Kapitaleigner (Cp) minus der Ersparnis der Arbeitnehmer (Sw). Oder anders ausgedrückt: Die Bruttogewinne nach Steuern sind umso höher, je höher die Bruttoinvestitionen, je größer das staatliche Haushaltsdefizit, je höher die Exportüberschüsse, je höher der Konsum der Kapitaleigner und je geringer die Ersparnisse der Arbeitnehmer sind.“

Das sind reine Identitäten. Man kann also die von Kalecki behaupteten Zusammenhänge nicht ernsthaft bestreiten (übrigens hat ein Deutscher, Wilhelm Lautenbach, genau diesen Zusammenhang etwa zur gleichen Zeit erkannt). Es gibt allerdings Kritiker einer solchen Auffassung, die glauben, man könne sich über diese Logik einfach hinwegsetzen, nur weil man einen bestimmten ideologischen Überbau hat. So ist z.B. Albert Reiterer der Meinung, dass Kaleckis Überlegungen zwar einen „höchst anregenden Ausgangs-Impuls“ geben, aber wie alle ökonomischen Theorien als ein „längeres Gedankenspiel“ erachtet werden sollten, dessen wirtschaftspolitische Implikationen das für kapitalistische Gesellschaften typische Problem der Unterkonsumption nicht zu überwinden erlaubt (hier). Die „vordergründige Betonung des Kreislaufs“, führt nach seiner Meinung dazu das „viel fundamentalere Problem der Verteilung“ nicht zu erkennen und daher zu versäumen die „Rück-Umverteilung“ zu fordern.

Das ist starker Tobak, aber leider ohne jede Logik. Es gibt nicht beides getrennt, die Logik und die Theorie. Wer glaubt, der unbestreitbar logische Kreislauf sei vordergründig und die Verteilung sei unabhängig vom Kreislauf, hat einfach nichts verstanden und muss, um ein modernes beliebtes Wort zu gebrauchen (es wurde fast zum Unwort des Jahres gewählt), seine „Hausaufgaben“ machen. Herr Reiterer hat allerdings in einem vollkommen Recht: Die Mitglieder des Flassbeck Teams, von Herrn Reiterer als „Genossen aus der linkskeynesianischen Tradition“ bezeichnet, wählen in der Tat diesen Zugang, weil es der einzig sinnvolle ist, denn ohne Logik, siehe oben, gibt es keine Theorie. Ohne Theorie aber braucht man sich gar nicht äußern.

Dass ein solcher Zugang von einer in gesamtwirtschaftlichem Denken ungeübten politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit als links gebrandmarkt wird, ist unbestreitbar. Wer über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge aufklären will, muss das aber hinnehmen, selbst wenn er weiß, dass eine solche politische Kategorisierung nur der Versuch ist, eine inhaltliche Auseinandersetzung zu vermeiden. Beim „Keynesianismus“ oder auch dem „Linkskeynesianismus“ handelt es sich jedoch nicht um eine Theorie, die bestimmte normative Vorgaben macht und sich deswegen im politischen Spektrum als „links“ verorten lässt, sondern um eine Theorie, die über Zusammenhänge aufklärt, die in einer Geldwirtschaft eben gelten und die jeder Art von Wirtschaftspolitik ihre Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt.

Obwohl Reiterers Kritik schon an der Logik scheitert, lohnt es sich dennoch, sich mit seinen Argumenten einen Moment lang auseinanderzusetzen, weil seine Denkfehler bei Kritikern des Neoliberalismus weit verbreitet sind und sie zu wirtschaftspolitischen Forderungen führen, die zum Scheitern verurteilt sind.

Reiterer schreibt:

„Keynesianismus will die Nachfragelücke in einer Unterkonsumtions-Situation füllen: Die kann durchaus auch ein “Gleichgewicht” auf zu tiefer Ebene sein, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Dazu ruft er den Staat auf, sich zu verschulden. In Kaleckis Gedankengang und in der Wirklichkeit heißt das: indem er nochmals die Profite erhöht. Damit sollte aber klar sein: Das heißt den Teufel mit Beelzebub austreiben. Das kann auf Dauer gar nicht funktionieren. Irgendwann muss der Staat die Schulden zurückzahlen. Mit welchen Mitteln?“

Das ist vollständig falsch. Man muss fragen, wie die Volkswirtschaft in die „Unterkonsumtions-Situation“ kommt. Nun, sie kommt dadurch zustande, dass die privaten Haushalte versuchen, einen Teil ihres Einkommens (das sie von den Unternehmen und dem Staat erhalten) zu sparen, dass sie also weniger ausgeben als sie einnehmen. Dadurch sinken jedoch (in der „Kalecki-Gleichung“ ist das offensichtlich) unweigerlich die Gewinne der Unternehmen und die Wirtschaft bricht ganz schnell zusammen, wenn es nicht ein Gegengewicht gibt, das heißt, wenn es niemanden gibt, der sich in Höhe der Ersparnisse der privaten Haushalte verschuldet und das Geld ausgibt.

Nun könnten sich auch die Unternehmen selbst verschulden (oder, in einer offenen Volkswirtschaft, das Ausland, ein Fall, den wir hier aber einmal ausklammern wollen) und damit die Lücke füllen. Und tatsächlich, es gibt dynamische Situationen, in denen die Unternehmen genau das tun, obwohl die Ersparnis der privaten Haushalte dem scheinbar entgegensteht. Die Unternehmen können sich also im Prinzip (auch das kann man der Kalecki-Gleichung entnehmen) durch Investitionen selbst die Gewinne verschaffen, die durch das Sparen der privaten Haushalte verlorengegangen sind. Offensichtlich ist das aber – anders als Neoklassiker glauben – nicht selbstverständlich, weil es keinen Markt-Mechanismus gibt, der das zuverlässig gewährleistet (siehe dazu Heiner Flassbecks Diskussion mit Thomas Mayer, hier).

Offensichtlich ist aber hier schon, dass es Schulden eines Sektors genau so lange geben muss, wie es Ersparnisse gibt, soll die Wirtschaft nicht zusammenbrechen. Dieser einfache Zusammenhang gilt übrigens für jede Art von Geldwirtschaft – Marktwirtschaft oder Planwirtschaft oder was sonst auch immer – wenn die Menschen in dieser Wirtschaft versuchen, durch Sparen für die Zukunft vorzusorgen. Gelingt es der Wirtschaftspolitik nicht, eine dynamische Situation zu schaffen (die viel mit Verteilung zu tun hat, wie wir auf dieser Seite immer wieder betonen), in der die Unternehmen investieren und sich verschulden, kann der Staat wählen, ob er die Wirtschaft zusammenbrechen lässt (was ihn früher oder später wieder enorm belasten wird, weil er weniger Steuern einnimmt oder höhere Ausgaben für Arbeitslosigkeit hat), oder ob er sofort eingreift und sich selbst verschuldet, um die von den Ersparnissen gerissene Lücke zu füllen. Dann steigen in der Tat die Gewinne der Unternehmen, die daraufhin vielleicht investieren und dem Staat seine Aufgabe durch eigene Verschuldung wieder erleichtern.

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