Archiv flassbeck-economics | 22.01.2016 (editiert am 08.06.2016)

Die Schweiz wird deindustrialisiert – so oder so

Viele reden wieder über die De-Industrialisierung der Schweiz. Kann man etwas dagegen tun? Von der Antwort auf diese Frage hängt der Erfolg der Industriepolitik ab. Man kann aber auch anders fragen: Werden die Industrie-Arbeitsplätze im Wesentlichen ins Ausland verlagert oder „bloss“ wegrationalisiert?

Nach dem angekündigten Abbau von 1300 Stellen bei Alstom geht in der Schweiz wieder einmal die Angst vor der Deindustrialisierung um. „Der Prozess der Verlagerung, vom kontinuierlichen Stellenabbau wird weitergehen“, zitiert CASH etwa Daniel Kalt, den Chefökonomen der UBS. Eine schleichende Deindustrialisierung sei bereits in Gang gewesen, nun laufe sie beschleunigt ab. Und in der Aargauer Zeitung kommentiert der Ressortleiter Wirtschaft Andreas Schaffner wie folgt: „Man muss nicht das Wort Deindustrialisierung bemühen, um zu zeigen, worum es geht: Jeder kann es in Echtzeit verfolgen. Es findet in einem rasanten Tempo statt, und das erst noch vor der Haustür. Was anderswo billiger gefertigt, gezeichnet, geplant, geforscht werden kann, wird verlagert.“

Das ist typisch Tagesjournalismus. Da wird aus einen Einzelfall ein Muster herausgelesen, das es so nicht gibt – zumindest noch nicht. Im Gegenteil. Noch ist es die Schweiz, die den anderen Ländern die Industrie-Jobs abspenstig macht. Obwohl die Finanz- und Rohstoffdrehscheibe Schweiz seit jeher hohe Überschüssse in der Dienstleistungsbilanz und bei den Kapitaleinkommen erzielt, kommt seit bald 20 Jahren noch ein stetig steigendes Plus im Warenhandel dazu.

Die neueste Aussenhandelsstatistik weist von Januar bis November 2015 Exporte im Wert von 187 Milliarden und Importe von 152 Milliarden Franken aus. Die grössten Überschüsse gab es in der Chemie, mit Abstand gefolgt von den Uhren und Bijouterie. In der Maschinen und Elektroindustrie sowie bei den Nahrungsmitteln halten sich Ex- und Importe in etwa die Waage. Dabei könnte sich die Schweiz in Anbetracht der chronischen Überschüsse bei den Dienstleistungen und Kapitalerträgen über eine defizitäre Handelsbilanz nicht beklagen. Bis vor der Jahrtausendwende war dies in der Tat noch die Norm.

Auch punkto Produktion hat die Industrie nichts eingebüsst. Seit 1999 ist der Ausstoss der Industrie um rund 60 Prozent gestiegen. Die Beschäftigung hingegen bliebt mit rund 620’000 Vollzeitstellen in etwa gleich. Gemessen an der Gesamtbeschäftigung ist der Anteil der verarbeitenden Industrie allerdings deutlich auch in der Schweiz allmählich geschrumpft – von 23,8 Prozent anno 1991 auf 17,6 Prozent heute. In dieser Periode sind per Saldo sämtliche zusätzlichen Stellen im Gesundheitswesen, in der Bildung und der Verwaltung und Polizei geschaffen worden.

In diesem Sinn kann man von Deindustrialisierung sprechen. Und man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass dieser Prozess noch lange nicht an seinem Ende angelangt ist. Zinsrechnen genügt: Wenn die Produktivität der Industrie weiterhin um jährlich 3,2, der Verbrauch aber nur um 1% steigt, dann werden in zehn Jahren 120’000 Industriearbeitsplätze nicht (ins Ausland) verlagert, sondern wegrationalisiert. Zudem kann die Schweiz nicht erwarten, dass wir unsere Exportüberschüsse auf ewig erhalten können. Es werden also wohl noch ein paar tausend zusätzliche Jobs verlagert.

Für die Betroffenen (heute bei Alstom, morgen bei Siemens oder ABB) ist es letztlich egal, ob ihre Jobs wegrationalisiert oder verlagert worden sind. Weg ist weg. Für die Wirtschaftspolitik hingegen ist diese Unterscheidung zentral. Wenn die Verlagerung die Folge einer Niederlage im Standortwettbewerb wäre, müssten wir intern abwerten und unsere Wettbewerbsfähigkeit zurück gewinnen. Ist die Deindustrialisierung hingegen bloss die logische Konsequenz der anhaltenden Produktivitätssteigerung, dann geht diese Rechnung nie auf. Wir könnten mit Lohnsenkungen, Steuersenkungen und Subventionen im besten Fall den Rückgang der Industriebeschäftigung verlangsamen und einen Teil der Exportüberschüsse retten. Doch der Preis dafür wäre viel zu hoch – Wir würden mit dieser Sparpolitik ausgerechneten die Branchen (sprich öffentlichen Dienstleistungen) abwürgen, die bisher noch für Beschäftigung gesorgt haben.

Wie Heiner Flassbeck in seiner Serie zum Jobkiller Automatisierung gezeigt hat (hier der dritte Teil), braucht man steigende Löhne (oder – unter bestimmten Umständen – sinkende Arbeitszeiten), nicht sinkende Löhne, um die Folgen der Rationalisierung für die Gesamtwirtschaft aufzufangen. An dem Rückgang der Industriebeschäftigung ändert das aber nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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