Archiv | 27.01.2016 (editiert am 23.08.2017)

Eine gute Spekulationsstop-Initiative in der Schweiz und warum unsere Finanzmärkte immer noch nicht verstanden werden

Denjenigen unserer Leser, die die Sendung „Arena“ zur Spekulationsstop-Initiative im Schweizer Fernsehen (SRF 1) gesehen haben (hier zum nachschauen), ist sicher nicht entgangen, dass einige grundlegende Zusammenhänge immer noch nicht verstanden werden und auch im Rahmen einer solchen Sendung (bedauerlicherweise) nicht erklärt werden können. Deswegen will ich es noch einmal in Ruhe erklären und damit begründen, warum die Schweizer Jusos mit dieser Initiative vollkommen richtig liegen (die Abstimmung findet Ende Februar statt). Dabei stütze ich mich auf den vor einiger Zeit hier erschienenen längeren Beitrag, der schon fast alles Wichtige enthielt (ich habe den Beitrag hierfür extra freigeschaltet, weil offenbar viele – einschließlich der Berater des Schweizer Bundesrates – die 20 Cent nicht haben, die er bisher gekostet hat).

Beginnen wir mit einem beliebten, aber unhaltbaren Vorurteil, das in der Sendung von dem zweiten eingeladenen Experten vertreten wurde. Er sagte sinngemäß, dass es an den Rohstoffmärkten bei jedem Geschäft immer zwei Seiten gebe und wollte damit irgendwie zum Ausdruck bringen, dass die Preise ja gar nicht steigen könnten, wenn immer einer kauft und einer verkauft. Letzteres ist allerdings an allen Märkten so und dennoch sehen wir Preissteigerungen und Preissenkungen. Besonders an den Finanzmärkten gibt es heftige Preisschwankungen, obwohl immer einer kauft und einer verkauft.

Das Missverständnis kommt vermutlich daher, dass man sich nur schwer vorstellen kann, wie beispielsweise eine allgemeine Marktdynamik, die praktisch alle Finanzmarktpreise (also Aktien, Rohstoffe, Währungen und deren Derivate) massiv nach oben drückt, zustande kommen kann und warum dann überhaupt jemand seine Positionen verkauft. Nehmen wir die Hausse an den Rohstoffmärkten, die nach 2005 einsetzte und erst jetzt zusammengebrochen ist. In der Phase der Entstehung der Blase war die weit an den Märkten vorherrschende Meinung, es gebe jetzt einen „Rohstoffsuperzyklus“, weil China und andere aufstrebende Länder einen ungeheuren Rohstoffhunger hätten. Folglich war die überwiegende Mehrzahl der Marktteilnehmer darauf aus, long zu gehen, also Positionen zu halten, mit denen man von steigenden Preisen profitieren kann, weil man billig kauft und teuer verkauft. Wie lange man die Positionen wirklich hält, ist eine andere Frage. Im Hochfrequenzhandel kann das nur einige Minuten oder auch Sekunden sein, die Logik bleibt aber immer gleich.

Wenn ganz viele long gehen wollen, können sie entweder Rohstoff-Terminkontrakte kaufen, die auf steigende Preise setzen oder Rohstoff-Derivate, also z. B. Wetten, die so konstruiert sind, dass man gewinnt, wenn wirklich die Rohstoffhausse noch lange weitergeht. Natürlich muss jeder, der einen Terminkontrakt kauft oder auf steigende Preise mit einem Derivat wettet, jemanden finden, der den Terminkontrakt verkauft oder gegen die steigenden Preise wettet. Doch hier kommt es wie an jedem anderen Markt auf die Dynamik beider Seiten an.

Wenn sich vor einem Kartoffelstand auf einem Markt lange Schlangen bilden, weil alle Leute eine besonders gute Kartoffelsorte haben wollen, wird der Verkäufer irgendwann den Preis erhöhen. Noch immer steht dann bei jeder Transaktion einem Kauf ein Verkauf gegenüber und dennoch steigt der Preis. Wenn an den finanzialisierten Rohstoffmärkten eine Kauf-Hype entsteht, weil jeder glaubt, er müsse jetzt long gehen, dann gibt es selbstverständlich noch Verkäufer, die dagegenhalten, weil sie die Erwartungen der großen Masse für überzogen halten oder aber, weil sie in die Rallye schon früh eingestiegen sind und die Sicherheit, einen bestimmten Gewinn zu erzielen, der Unsicherheit eines noch höheren Gewinns vorziehen. Aber das reicht eben nicht, um eine massive Preissteigerung zu verhindern. Vielleicht steigen die Verkäufer auch kurz nach dem Verkauf wieder als Käufer ein, weil auch sie inzwischen überzeugt sind, dass die Preissteigerung weitergeht.

An den Rohstoffmärkten wie an den anderen Finanzmärkten wird in einer solchen Situation, wie in dem oben angeführten Papier gezeigt, die gesamte Preisstruktur von Kassa- und Terminmärkten nach oben gezogen. Die Futures-Preise haben dann überhaupt nichts mehr mit der Zukunft zu tun. Genau die gleichförmige Entwicklung von future und spot Preisen (wie in den früheren Aufsatz am Beispiel Öl und einer Währung gezeigt) belegt, dass die Art von Geschäften, die beide Preise zugleich nach oben treiben, absolut nichts mit den klassischen Absicherungsgeschäften zu tun haben.

Halbherzig halten zwar immer einige gegen diesen Trend, aber es gibt in dieser Situation gerade nicht eine große Gegenbewegung der shorter, also derjenigen, die auf sinkende Preise setzen, so dass die Preise gerade konstant bleiben könnten. Das liegt eben daran, dass die Unsicherheit über den „richtigen“ Preis groß ist und es keinen „Gleichgewichtspreis“ (wie in manchen Theorien perfekt effizienter Märkte angenommen) gibt, an dem man sich orientieren und als shorter zugleich absichern könnte.

Man muss sich einmal vorstellen, wie unrealistisch eine Theorie ist, die unterstellt, dass genau in der Situation, wo die halbe Welt mit riesigen Summen auf steigende Preise setzt, sich unmittelbar etwa gleich viele mit gleich viel Geld daran machen, eine Gegenposition aufzubauen, weil sie sich sicher sind, dass sich die halbe Welt irrt und es der halben Welt auch mit den größten Summen nicht gelingt, die Preise in die Höhe zu treiben.

Besonders absurd ist das an den Rohstoffmärkten, wo es nach 2005 ganz neues Geld war, das „investiert“ wurde, und wo es viel mehr Geld war, als vorher jemals an diesen Märkten bewegt wurde. Genau das Gegenteil passiert: Kommt eine solche Blase einmal in Gang, springen immer mehr auf, die Herde beginnt zu rennen, weil die Erzählung, die der Blase zugrunde liegt, in den ersten Jahren noch absolut überzeugend klingt. Wer sich dagegen stellt, verliert für lange Zeit und scheidet aus dem Markt aus.

Erst ganz spät, also nach einigen Jahren, das zeigt der Film „The big short“ sehr schön, wenn die Spekulation auf steigende Preise vollkommen verrückt wird, so dass man mit gesundem Menschenverstand und etwas Recherche erkennen kann, dass die Blase kurz vor dem Platzen ist, kann man realistischerweise dagegen halten und mit einer short Position, also etwa einer Versicherung nach Art der berühmten credit default swaps (CDS) mit Aussicht auf Erfolg gegen die Masse spekulieren. Aber auch das tun in der Regel nur einige wenige und die, wie im Film sehr gut dargestellt, zweifeln lange Zeit an ihrem eigenen Verstand, weil auch sie nicht glauben können, dass die halbe Welt komplett daneben liegt.

Jede Blase, die einige Jahre aufgepustet wird, platzt irgendwann. Dann, so wie jetzt an den Rohstoffmärkten, fallen die Preise rasant, weil nun alle auf sinkende Preise setzen. Ist doch toll, wird mancher Ökonom sagen, da wird der Gleichgewichtspreis langfristig doch wieder erreicht. Ja, langfristig ist alles wieder in Ordnung, nur, wenn es um Spekulation (oder besser Investments) mit Nahrungsmitteln geht, sind die Preise kurzfristig zu hoch und kurzfristig sind auch die Menschen tot – oder Kinder sind unterernährt und leiden ihr Leben lang an den Folgen.

Das alles sollten für die Wissenschaft längst bekannte Einsichten sein, die man dann, wenn es notwendig erscheint, der Politik zur Verfügung stellt. Doch das ist nicht so. Die sogenannte Wissenschaft hat sich Jahrzehnte in den Beweis der Effizienz der Märkte verrannt und versucht auch heute – nach dem Platzen der ultimativen Blase im Jahr 2008 – noch, dieses absurde Paradigma zu verteidigen. Dass die Finanzmärkte systematisch falsche und gefährliche Preise erzeugen, dass gewaltige Fehlallokation und ungeheure Kapitalvernichtung das Ergebnis „liberalisierter Finanzmärkte“ sind, ist weiterhin ein Tabu, das zu brechen in der Regel mit dem Ausschluss aus der akademischen Gemeinschaft bestraft wird.

Die Politik hat leider immer noch nicht verstanden (oder will es teilweise auch nicht verstehen), dass man mit den traditionellen „wissenschaftlichen“ Einsichten nichts anfangen kann. Besonders absurd ist, dass der Schweizerische Bundesrat (also die Regierung) eine Studie in Auftrag gegeben hat, die die Position der Wissenschaft zur Spekulation mit Nahrungsmitteln in Form einer Meta-Studie eruieren soll. Meta-Studie, das ist nicht nur die Frage, wo lassen sie denken, sondern die Frage, wo lassen sie über das Denken nachdenken. Und dann wird mit einfacher Mehrheit entschieden, was richtig ist. Sagen von 100 Studien 51, dass Spekulation (aber, was das ist, wird von den Studien schon nicht einheitlich definiert) unschädlich ist, hat man das für die Wahrheit zu nehmen.

Es ist nur komisch, bei einer Währungsspekulation, sagen wir einer Spekulation, die auf Aufwertung des Schweizer Franken setzt, würde der Schweizer Bundesrat keine Studie brauchen und schon gar nicht eine Meta-Studie. Er würde auch keiner Studie glauben (auch nicht einhundert Studien), die behauptete, es gebe eine solche Spekulation eigentlich nicht und wenn es Spekulation gäbe, dann würde die niemals dazu führen, dass die Wechselkurse überschießen. Jeder weiß einfach, auch der Wirtschaftsminister der Schweiz, Johann Schneider-Amman, dass es riesige Spekulationswellen am Devisenmarkt gibt, die zu vollkommen unsinnigen und gefährlichen Kursen führen. Und die Schweizer Notenbank hat jahrelang den shorter gespielt, weil niemand dem Markt zutraute, den angemessenen Kurs zu finden. Auch hier gilt, lässt man dem Markt seinen Lauf, richtet er realwirtschaftliche Schäden an, die oft überhaupt nicht mehr gutzumachen sind.

Was an den Rohstoffmärkten einschließlich vieler Nahrungsmittelmärkte passiert, ist genau das gleiche Phänomen. Es ist genau die gleiche Art von Investment, die dazu führt, dass eine Herde ins Rennen kommt, die niemand stoppt außer dem Abgrund. Und genau deswegen ist die Volksinitiative, die von den Jusos initiiert wurde, vollkommen richtig und verdient die volle Zustimmung des Volkes.

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