IW „Studie“ zu Lohnstückkosten: Viel Lärm um eine reine Lobbyarbeit

Das Interessenvertretungsinstitut namens Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat wieder zugeschlagen und, wie nicht anders zu erwarten, die deutsche Presse (hier die FAZ) zitiert das Werk (das man hier findet) landauf landab und zumeist, ohne klar dazu zu sagen, wer hinter diesem „Institut“ steckt.

Viele Leser haben uns spontan geschrieben und gefragt, was jetzt los ist. Nach den Aussagen der Kölner „Forscher“ (wissenschaftlich verbrämte Interessenvertreter wäre der bessere Ausdruck) sind die Lohnstückkosten in Deutschland gar nicht hinter der internationalen Entwicklung zurückgeblieben, weswegen es jetzt auch keinen Grund gäbe, die Lohnzurückhaltung aufzugeben. Die Arbeitgeber, also die Besitzer und Auftraggeber dieses „Instituts“, haben das sofort aufgegriffen und eine mäßige Lohnrunde gefordert. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt!

Zunächst verwendet das IW bei seiner „Analyse“ wieder einmal die Lohnstückkosten in der Industrie, die man einfach so nicht verwenden darf, weil die Vorleistungsstrukturen in den Ländern ganz unterschiedlich sind. Sind beispielsweise in einem Land viele Vorleistungen, die von der Industrie bezogen werden, aus dem Bereich ausgelagert, der von der Statistik zur Industrie gezählt wird und in einem anderen Land nicht, dann kann man die beiden Länder schon nicht mehr vergleichen. Auch wenn die Industrie eines (kleinen) Landes sehr viel mehr Vorleistungen aus dem Ausland bezieht als die eines anderen Landes, sind die Ergebnisse nicht mehr vergleichbar.

Aber das IW verwendete einfach die Industrie, weil die Ergebnisse besser passen. Doch trotz aller Versuche, ein für den Auftraggeber „schönes“ Ergebnis hervorzuzaubern, zeigen die Berechnungen bei genauerem Hinsehen im Prinzip das, was wir die ganze Zeit sagen: Es gab und gibt eine gewaltige Wettbewerbslücke zugunsten Deutschlands in der Europäischen Währungsunion, die ohne Zweifel durch deutsche Lohnzurückhaltung seit Beginn der 2000er Jahre entstanden ist.

Die unten aus dem Original kopierte Abbildung zeigt das sehr klar. Die relative Lohnstückkostenposition Deutschlands gegenüber dem Euroraum sinkt fast stetig seit 1999, was heißt, dass sich die deutsche Wettbewerbsposition fast ständig verbessert. Auch ist klar, dass der Wettbewerbsvorsprung weiterhin sehr groß ist und deswegen hohe Lohnsteigerungen in Deutschland angemessen sind. Nun kommt wieder ein wunderbarer Trick des IW, es vergleicht einfach das jetzt erreichte Niveau mit dem Niveau von 1991 und siehe da, die Lohnzurückhaltung ist als Problem verschwunden, weil das heutige Niveau ja nicht tiefer liegt als 1991.

IW

Das ist einfach Mumpitz, weil ja 1991 die deutsche Position vielleicht auch schon zu günstig war, es damals aber noch keine Währungsunion gab. Hat es nicht 1992 eine große Krise des Europäischen Währungssystems gegeben, in der Italien die Lira stark abgewertet hat, vor allem, um seine Wettbewerbsposition gegenüber Deutschland zu verbessern. Was sagt dann der Vergleich (bis 1999 ist in dem Bild in nationaler Währung gerechnet) mit 1991 für die Verhältnisse in der EWU? Nichts!

Außerdem hat Deutschland tatsächlich im Zuge der Vereinigung ganz kurz einmal etwas höhere Lohn- und Lohnstückkostenzuwächse als einige andere gehabt. Kurz vorher hatten aber einige Länder wiederum deutlich höhere Lohnstückkosten und Inflationsraten, deswegen gab es ja die Krise von 1992. Finge man mit 1985 an, sähe das Bild ganz anders aus.

Diese Art von „Analyse“ ist aber vor allem deswegen sinnlos, weil die Aussage, Deutschland sei heute nicht wettbewerbsfähiger als 1991 (genau wie die Aussage, Deutschland habe in der EWU nur an Wettbewerbsfähigkeit aufgeholt, was es vorher verloren hatte), einfach mit der Realität kollidiert. Wenn Deutschland nur aufgeholt hätte, was es vorher verloren hatte, hätte es ja gerade nicht die unbestreitbaren enormen Exporterfolge und die großen relativen Marktanteilsgewinne gegenüber den europäischen Nachbarn geben können, denn all das beruht unzweifelhaft auf absoluten Vorteilen und die gewinnt man nicht, wenn man gerade absolute Nachteile ausgleicht. Die Logik lässt sich auch mit raffiniert gerechneten Zahlen nicht aushebeln.

So ist das, was da IW schreibt, ein schönes Stück Lobbyarbeit. Gesellschaftlich ist es ein ganz schlimmes Stück, weil es zeigt, dass die deutschen Arbeitgeber überhaupt nicht verstanden haben, was in Europa vorgeht (siehe das Stück von Martin Höpner von heute).Sind alle europäischen Nachbarn nur eingebildete Kranke, die einfach nicht begreifen wollen, dass Deutschland eigentlich immer noch schwach ist und lediglich versucht, seine Schwächen aus der Vergangenheit auszugleichen? Merken die Arbeitgeber wirklich nicht, wie ihr Versuch, die anderen Länder – zusätzlich zu all dem Frust und Zorn, den die sowieso haben – auch noch zu veräppeln, sich zu einem furchtbaren Schuss nach hinten verwandelt.

 

 

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