Köln oder das irrsinnige Spiel mit den Vorurteilen

Die einen wollen im Zusammenhang mit Köln nicht über Flüchtlinge reden, weil sie fürchten, etwas loszutreten, die anderen beklagen sich, dass nicht darüber geredet wird, denn sie wollen unbedingt etwas lostreten. Dritte reden nicht dauernd darüber, weil sie es nicht für so wichtig halten, aber das ist natürlich vollkommen unkorrekt, denn schlimm muss man es auf jeden Fall finden, sonst macht man sich sofort verdächtig, nur zu schweigen, um nicht etwas lostreten zu wollen.

Der Punkt ist: Auf ein Ereignis wie Köln hat offenbar der Teil der Gesellschaft „gewartet“, der in der Zuwanderung und den Flüchtlingen ein gewaltiges, ein unüberwindliches Problem sieht. Wobei unwichtig ist, wie groß das Ereignis wirklich ist. Dass man es mit Paris vergleicht, ist grotesk. Ich bin gespannt, wie viele Übergriffe von „normalen deutschen“ Männern es in der gerade anlaufenden Kölner Übergriffssaison, üblicherweise Karneval genannt, geben wird und wie viele davon in der Öffentlichkeit offen diskutiert werden.

Der andere Teil der Gesellschaft hat immer gefürchtet, dass es ein solches Ereignis geben wird, das dann von denen, die darauf gewartet haben, ausgeschlachtet wird. Also hat dieser Teil sich in der Tat bemüht, nicht sofort alle ausländerfeindlichen Vorurteile abzurufen. Letzteres wird aber wieder von denen, die darauf gewartet haben, ausgeschlachtet als „Schweigekartell“ eines Teils der Presse, so zu beobachten in bester Ausprägung bei Berthold Kohler in der FAZ (hier).

Wer weniger rechte Vorurteile als die FAZ hat, irrlichtert in der Tat umher, weil es keine Lösung gibt, wie man es auch macht. Schlägt man sich auf die Seite der „Verharmloser“, ist man verdächtig, einseitig zu urteilen, weil es um Flüchtlinge geht. Schlägt man sich auf die Seite derer, die alle „Härte des Gesetzes“ fordern und oft neue Härten dazu, gerät man in den Verdacht, doch klammheimlich an die Gefahren durch den Zustrom der Flüchtlinge zu glauben. In dieser Atmosphäre der gegenseitigen Verdächtigungen geraten einigen die Maßstäbe vollkommen durcheinander. Dass eine Zeitung wie die SZ ein Bild druckt (Focus nicht minder, aber von dem haben wir es ja erwartet), das alle rassistischen Vorurteile bedient, ist eine Entgleisung ersten Ranges, die auch nicht durch die inzwischen nachgeschobene Entschuldigung geheilt wird (hier).

Denkt man einen Moment ruhig darüber nach, was in Köln geschehen ist, verliert es sehr schnell viel von seiner Dramatik im Hinblick auf die Frage nach dem Zusammenleben verschiedener Kulturen. Wenn es sich bestätigen sollte, dass es vor allem junge Männer nordafrikanischer Herkunft waren, die Frauen bedrängten, dann stimmt das in noch stärkerem Maße. Kann sich einer von uns den Kulturschock vorstellen, den gerade junge Männer erleben, die aus Gesellschaften kommen, wo alles, was Frauen und Sexualität betrifft, in der Öffentlichkeit ein absolutes Tabu ist und die hier in genau dieser Öffentlichkeit überflutet werden mit einem Sexismus, der keinerlei Tabus zu kennen scheint?

Das entschuldigt natürlich weder die Taten noch spricht es die Täter frei. Aber Verstehen muss dennoch versucht werden. Man muss nur durch die Kölner Innenstadt laufen, um sich auch als „normaler Nordeuropäer zu fragen, ob die Menschen, die dauernd über gleiche Rechte für Frauen reden und gleichzeitig Frauen in der Art der Sklavenhalter zur Schau stellen, noch alle Tassen im Schrank haben. Auch hier vom Karneval und dem Internet ganz zu schweigen. Jedenfalls ist die hinter unserer hohen Moral stehende Vorstellung, diese jungen und in höchstem Maße verunsicherten Menschen könnten von uns „zivilisierten Weißen“ prinzipiell und dazu noch in ganz kurzer Zeit lernen, wie man angemessen mit Frauen umgeht, nicht nur fragwürdig, sondern falsch.

Es bleibt das, was wir von Anfang an in der Flüchtlingsfrage gesagt haben. Mit „wir schaffen das“ alleine geht es nicht. „Wir machen das“, hätte die Bundeskanzlerin sagen sollen, und sie hätte erklären müssen, was es bedeutet, eine Million oder mehr Menschen zu integrieren. Sie hätte laut und deutlich sagen sollen, dass das viel Geld kostet, dass es nicht damit getan ist, so zu tun, als müsse man nur das Essen ein wenig strecken und schon seien die Gäste gut versorgt. Sie hätte aber auch sagen müssen, dass es in der gegenwärtigen Situation in Europa und in Deutschland das Beste ist, was Deutschland passieren kann, wenn es gezwungen ist, viel Geld auszugeben, weil das aus europäischen und heimischen Gründen sowieso notwendig war.

Sie hätte aber auch sagen müssen, niemand solle sich einbilden, die Integration von so vielen Menschen aus vollkommen anderen sozialen und kulturellen Verhältnissen sei einfach. Sie hätte betonen müssen, dass es ein sehr schwieriger und sehr langwieriger Prozess ist, der überhaupt nur dann gelingen kann, wenn alle gemeinsam konstruktiv miteinander arbeiten und auch gemeinsam miteinander erfolgreich sind. Sie hätte sagen müssen, dass viele Missverständnisse und Fehler auf beiden Seiten unvermeidbar sind. Sie hätte aber dennoch um Verständnis werben sollen und das durchaus auf beiden Seiten für die jeweils anderes Seite: Für diejenigen, denen alles Fremde gefährlich erscheint und für diejenigen, denen die Fremde gefährlich erscheint. Immer nach dem alten Motto: Alle Menschen sind Ausländer – irgendwo.

 

 

 

 

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