Archiv flassbeck-economics | 20.01.2016 (editiert am 25.05.2016)

Konjunktur in Europa auch im November schwach – Teil 1

Man glaubt es nicht, aber es gibt „Konjunkturexperten“ in „Denkfabriken“, die stellen fest, dass die deutsche Wirtschaft boomt oder brummt, obwohl die offiziellen Zahlen nur ein „mäßiges Wachstum“ vermelden. Zu den Indikatoren, die solche „Experten“ statt der offiziellen Zahlen zum BIP benutzen, gehören dann boomende Aktienmärkte und der Optimismus einiger Menschen in irgendwelchen Umfragen. Ganz anders als wir glauben diese „Experten“, dass die offiziellen Zahlen noch zu niedrig sind (hier). Die Erklärung: Diese Leute nehmen die wenigen harten Zahlen, die es gibt, überhaupt nicht zur Kenntnis, sondern glauben unbesehen, dass sogenannte Stimmungsindikatoren in jedem Fall eine Beziehung zur Wirklichkeit haben. Das ist aber nicht der Fall.

Man muss immer bedenken, dass diejenigen (vor allem die Privaten), die solche Umfragen machen, damit Geld verdienen wollen. Das aber können sie nur, wenn sie geschickt verschleiern, wie irrelevant ihre Umfrage ist. Das wird ihnen systematisch leicht gemacht, weil der „Markt“, was heißt, die Finanzmärkte vor allem, danach hungern, „Informationen“ über die Zukunft zu bekommen, bevor sie irgendjemand sonst hat. Ob diese Daten valide im Sinne einer ernsthaften Vorhersage der harten Daten sind, ist nicht wichtig, weil es ja nur darauf ankommt, dass man davon ausgehen kann, dass sich viele andere Finanzmarktteilnehmer an diesen „Indikatoren“ ausrichten, damit man erahnen kann, wie sich fünf Minuten nach der Veröffentlichung solcher Umfragen die Märkte entwickeln.

So liegt zum Beispiel der sogenannte Markit-Index für das verarbeitende Gewerbe Deutschlands schon seit vielen Monaten über 50, was nach „offizieller“ Interpretation eine Expansion anzeigt, aber es gibt, wie wir immer wieder gezeigt haben und hier unten wieder zeigen, in diesem Bereich seit 2011 keine Expansion.

Dass die Finanzmärkte solche Spiele spielen, müsste man nicht weiter ernst nehmen, bedenklich ist aber, dass immer mehr Journalisten unkritisch auf solche Indikatoren schauen oder Bankvolkswirte als Zeugen für konjunkturelle Entwicklungen zitieren, die diese Indikatoren aus einem ganz anderen Blickwinkel als der normale Konjunkturbeobachter betrachten, nämlich wieder aus dem der Finanzmärkte. So entsteht ein Konjunkturbild, das völlig losgelöst ist von der Wirklichkeit und dass es der Politik leicht macht, ihre wahre Schwäche und ihre eklatante Fehlleistung zu verdecken.

In Deutschland, wir haben das schon mehrfach nach Veröffentlichung der letzten Zahlen gesagt, bestätigt sich das Bild von der Stagnation mit leichten Abschwächungstendenzen. Abbildung 1 zeigt den ifo-Index (dem man, anders als den oben erwähnten Indikatoren, eine gewisses Vertrauen entgegenbringen kann, der aber keinen großen Vorlauf vor den Auftragseingängen hat) und die Auftragseingänge insgesamt im Stagnationsmodus.

Abbildung 1

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Auch die Aufteilung der Auftragseingänge in Inlands- und Auslandsbestellungen (Abbildung 2) belegt, dass es weder aus dem Inland noch aus dem Ausland nennenswerte Impulse gibt. Zwar hat sich der Einbruch bei den Auslandsbestellungen aus dem dritten Quartal nicht fortgesetzt, aber mehr als Stagnation ergibt das nicht.

Abbildung 2

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Wie Abbildung 3 zeigt, ist es vor allem das nicht-europäische Ausland, das verantwortlich für den Einbruch der Bestellungen ist, während die Ordertätigkeit aus der Eurozone sogar noch expandiert.

Abbildung 3

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Gleichwohl, die jüngste Entwicklung im Euroland insgesamt (Abbildung 4), gibt keinen Anlass zu Hoffnung. Die Industrieproduktion hat sich sogar wieder abgeschwächt, was vor allem von Frankreich und von Deutschland ausgehen dürfte.

Abbildung 4

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Auch in Südeuropa hat es im November keinen Fortschritt gegeben (Abbildung 5). Portugal hat im November einen Einbruch erlebt und für Spanien ist jetzt klar, dass die leichte Erholung, die Mitte 2014 in der Industrie eingesetzt hatte, nicht weitergegangen ist. Griechenland ist und bleibt hoffnungslos.

Abbildung 5

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Österreich, Belgien und die Niederlande belegen, wie schwer sich auch die nördlichen Kernstaaten tun, Fortschritte zu erzielen. Die Niederlande sind und bleiben in einer tiefen Rezession, weil trotz aller „Reformen“ keine Impulse für eine Belebung der Wirtschaft gesetzt werden. Dass der niederländische Finanzminister Djisselbloem meint, mit seinen Rezepten Europa kurieren zu können, obwohl er zu Hause vollkommen versagt, kann man nur als tragisch für Europa bezeichnen.

Abbildung 6

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In Nordeuropa bietet sich praktisch das gleiche Bild (Abbildung 7). Dänemark konnte sein kurzfristiges Momentum nicht halten und fällt wieder zurück. Schweden steht etwas besser da als vor Monaten, aber von einem wirklichen Durchbruch kann nicht die Rede sein. Es ist interessant, das sich die schwedische Reichsbank praktisch einen Freibrief dafür hat geben lassen, um am Devisenmarkt einzugreifen, wenn es sich als notwendig erweisen sollte, die Krone zu schwächen. Wir werden dazu am Ende von Teil zwei dieses Berichtes Stellung nehmen. Auch Finnland, eines der Länder mit den größten „Reformbefürwortern“ in der Eurogruppe, kommt nicht von der Stelle. Im Gegenteil, es geht sogar weiter bergab.

Abbildung 7

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Auch das Baltikum kann aus seiner Stagnationsfalle nicht entkommen (Abbildung 8). Insbesondere Estland, das ebenfalls zu den harten „Reformern“ in Brüssel gehört, sieht sich einer rezessionsartigen Entwicklung ausgesetzt. Litauen und Lettland hatten beide einmal einen Schub nach oben, aber das scheint, jedenfalls in Lettland, nicht von Dauer zu sein.

Abbildung 8

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In den übrigen osteuropäischen Staaten (Abbildungen 9 und 10) ist einzig die Slowakei auf einem stetigen Aufwärtspfad. In Ungarn, Tschechien und Polen geht es zwar auch leicht aufwärts, aber doch in einem weit geringeren Tempo als in der Slowakei. Slowenien stagniert schon wieder.

Abbildung 9

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In Rumänien geht die extrem schwache Aufwärtsbewegung allmählich in eine Stagnation über, in Bulgarien und Kroatien stagniert die Industrie.

Abbildung 10

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Lesen Sie im zweiten Teil wie es in der Bauwirtschaft und im Einzelhandel läuft, wie sich Arbeitslosigkeit und Preise entwickeln und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen zu ziehen sind.

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