Archiv flassbeck-economics | 25.01.2016 (editiert am 25.05.2016)

Uwe Jean Heusers kleine Globalisierungslehre

Der Wirtschaftschef der ZEIT, Uwe Jean Heuser, nimmt sicher für seine Kommentare in Anspruch, ganz großes Kino zu sein und unmittelbar dem Fortschritt der Menschheit zu dienen. Da kann man, gerade in den Zeiten, wo der Davos-Mensch die Welt rettet, nicht weniger bieten als einen globalen Rundumschlag, der alles anspricht, was gut und wichtig ist (hier). Vom Ölpreis bis nach China reicht die argumentative Keule, die Schulden der Welt werden natürlich verdammt und die niedrigen Zinsen dazu. Die Roboterisierung, die Globalisierung bzw. deren baldiges Ende, alles wird zu einem gewaltigen Brei verrührt, der sich mit hoher Geschwindigkeit um sich selbst dreht.

Das aber geschieht natürlich, wie es die Art der Journalisten ist, ohne sich in irgendeiner Frage festzulegen, Fakten zu Rate zu ziehen oder eine auch nur halbwegs konsistente Theorie zu benutzen. Hauptsache, es dröhnt laut und beängstigend. Nachdem man so ziemlich alles erfahren hat, was derzeit in den Medien en voque ist, von 3-D-Druckern über Roboterisierung und völlig neuen Formen der Globalisierung, kommt der Höhepunkt:

„Gleich zwei Drogen zieht sich der Globus intravenös rein: riesige öffentliche Schulden, die höchsten der Geschichte, und extrem niedrige Zinsen von Frankfurt bis Tokio. Trotzdem kommt das Wachstum nicht zurück. Kann es sein, so lautet dann die Frage, dass die Welt einfach satt ist? Kann es sein, dass Stillstand einfach unser Schicksal ist und wir uns darauf einstellen sollten?“

Intravenös also zieht sich der Globus die öffentlichen Schulden und die niedrigen Zinsen rein. Man erstarrt, welch ein Bild, welch eine Sprachkraft! Und die Welt, man überlege, könnte satt sein. Von welcher Welt redet der Mann? Doch dann fängt er sich schnell:

„Aber wahrscheinlich ist es gar nicht so. Wahrscheinlich sind die „Grenzen des Wachstums“ heute so wenig erreicht wie in den siebziger Jahren, als der Begriff prominent wurde. Viel von der Schwäche in der globalen Wirtschaft hat die Welt selbst erzeugt, weil sie sich in gigantische Schuldenabenteuer gestürzt hat – übrigens auch die Chinesen. Die niedrigen Zinsen verführen viele Länder zudem, weitere Schulden aufzunehmen, statt sich zu reformieren. Frankreich ist das beste Beispiel dafür. Außerdem suchen Nationen heute ihr Heil vielfach nicht im freien globalen Wettbewerb, sondern sie versuchen, mit neuen Handelsbarrieren und der Abwertung der eigenen Währung die heimische Wirtschaft zu stützen. All das mag für ein einzelnes Land Vorteile bringen, der globalen Wirtschaft schadet es.“

Wieder sind es die Schulden. Nicht nur, dass die Schulden die Schwäche der globalen Wirtschaft erzeugt haben; nein, die Welt verführt sich selbst durch die niedrigen Zinsen zu immer neuen Schulden, anstatt sich zu „reformieren“. Das ist nahezu genial. Die „gigantischen Schuldenabenteuer“ der Welt sind schuld an der Wachstumsschwäche. Wer aber hält die Forderungen gegen die Schulden der „Welt“? Gibt es vielleicht in der neuen Heuserschen Welt Verbindlichkeiten ganz ohne Forderungen?

Fast noch toller: Obwohl die öffentlichen Schulden so hoch sind („die höchsten der Geschichte“), sind die Zinsen so niedrig. Weil aber die Zinsen niedrig sind, macht die Welt immer neue Schulden. Die unausgesprochene Erklärung: Alle Zentralbanken der Welt sind verrückt geworden. Wie könnten die sonst auf Nullzinsen setzen, wo doch Verschuldung das entscheidende Problem der Welt ist?

Stark ist auch der zweite Teil. Frankreich sei das beste Beispiel für ein Land, das sich nicht reformiert, sondern auf Schulden setzt. Außerdem suchten viele ihre Heil in einer Abwertung der Währung. Das ist in der Tat fatal und der Wirtschaftschef der ZEIT erkennt messerscharf, wie schädlich das ist, weil es der globalen Wirtschaft schadet.

Ganz anders dagegen Deutschland.

„Schon in der alten Globalisierung, die in den achtziger Jahren fast zeitgleich mit dem chinesischen Aufbruch begann, sahen die Deutschen lange wie die Opfer aus. Vor 15 Jahren galt das so mühevoll wiedervereinigte Land als kranker Mann Europas, und so fühlte es sich auch. … Vielmehr sparten die deutschen Unternehmen kräftig Kosten, weil sie Fabriken nach Osteuropa und China verlagerten, konnten dadurch neue Märkte gewinnen und über die Mehrproduktion auch mehr Leute in Deutschland einstellen.“

Die Unternehmen in Deutschland sparten Kosten (weil, wie wir seit langem wissen, die Kosten immer das teuerste sind) und Deutschland konnte neue Märkte gewinnen. Das hatte natürlich nichts mit Abwertung zu tun, denn sonst hätte es ja auch der Weltwirtschaft geschadet und der ZEIT-Autor hätte es sicherlich als schädlich gebrandmarkt.

Dumm nur, dass es Logik und Zahlen gibt. Schaut man den sogenannten realen effektiven Wechselkurs Deutschlands an (hier ab 1995 im Vergleich zu einigen anderen Ländern), sieht man, dass Deutschland massiv abgewertet hat. Die Logik ist leicht zu verstehen: Wer seine Kosten mehr senkt als seine Konkurrenten und einen festen Wechselkurs bzw. eine einheitliche Währung hat, der wertet ab; er wertet real ab, wie es im Ökonomenslang heißt.

Heuser

Doch solche Kleinigkeiten stören nur das große Bild, das da entworfen wurde. Würde man den Lesern vorführen, dass Schulden immer ein absolut notwendiger Bestandteil einer Wirtschaft sind, in der Menschen sparen wollen (siehe unsere Diskussion in der vergangenen Woche), hätte man den schönen Popanz der Schulden nicht mehr, mit dem man den Menschen Angst machen und den Staat prima im Zaum halten kann. Wäre man gezwungen zu erklären, wie Wachstum entsteht, wenn alle sparen oder „reformieren“, dann wäre es schnell aus mit den tollen Formulierungen und dem großen Habitus.

Verblüffend an all dem ist, dass jeder „kluge Schreiberling“ von den normalen Menschen erwartet, dass sie sich mit Elan den „Herausforderungen der neuen Zeit“ stellen, sich extrem gut bilden und super anpassungsfähig sind. Das einzige, was sich offenbar niemals ändern muss, ist der Journalismus. Genau wie vor hundert Jahren darf man ohne Skrupel unverdauliches Zeug aufeinanderhäufen, man darf alle Erkenntnisse über die Dynamik wirtschaftlicher Systeme ebenso wie entscheidende Fakten ignorieren, man darf die Menschen verwirren und verängstigen und zudem für sich in Anspruch nehmen, mit dem leichtfertig zusammengerührten Quark der Demokratie zu dienen.

In der ZEIT kann man in anderem Zusammenhang gerade auch lesen, niemand werde zu schlechtem Journalismus gezwungen. Das sollte sich die gesamte Redaktion einmal zu Herzen nehmen.

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