Archiv flassbeck-economics | 25.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

2016 – Schicksalsjahr der europäischen Banken? Teil 1

Die europäischen Banken haben offenbar gewaltige Probleme. Eines von vielen Anzeichen dafür sind fallende Aktienkurse. Der Euro Stoxx Banks Index (bestehend aus Bankaktien der Eurozone) ist von 77 im August 2015 auf 43 im Februar 2016 gefallen – ein Verlust von 44% in einem halben Jahr (Link). Nur 2009 und 2013 in der Folge der Rezessionen der Eurozone war der Index niedriger. Die Banken kranken – aber was ist die Ursache? Müssen wir erneut eine von den Banken ausgehende Rezession in der Eurozone befürchten?

Keine Frage, die schlechte Wirtschaftslage in Europa nagt an der Substanz der Banken. Europa ist im fünften Jahr einer Stagnation, die einer schweren Rezession als Folge einer globalen Bankenkrise folgte. Nie nach dem Zweiten Weltkrieg hat es seine so lange Phase wirtschaftlicher Stagnation bis – in Italien zum Beispiel – Rezession gegeben. Dadurch werden mehr und mehr Kredite faul, können also vermutlich nicht mehr bedient werden.

All dies ist unmittelbar das Resultat der von Deutschland verordneten Sparpolitik, weil sie die normale Dynamik eines marktwirtschaftlichen Systems, in dem zwar immer wieder Kredite faul werden, aber neue und bessere Kredite gleichzeitig ausgereicht werden, unterbunden hat. Selbst die EZB warnt mit zunehmender Lautstärke vor der extrem einseitigen Ausrichtung der Politik insgesamt. Vor ein paar Tagen sagt EZB-Präsident Mario Draghi vor dem EU-Parlament: “It is becoming clearer and clearer that fiscal policies should support the economic recovery through public investment and lower taxation” (Link). Es wird also klarer und klarer, dass die wirtschaftliche Erholung durch Fiskalpolitik – mehr öffentlichen Investitionen, geringere Steuern – unterstützt werden soll.

Hinzu kommen regulatorische Neuerungen, die geschwächte Banken weiter schwächen können. Am 1. Januar dieses Jahres ist die Abwicklungsrichtlinie der EU in Kraft getreten, welche im Original Bank Recovery and Resolution Directive heißt und wesentlicher Bestandteil der sog. Bankenunion ist (Link). Im Hintergrund dieser Reformen steht ein Streit um die richtige Wirtschaftspolitik. Die Ordnungspolitiker, die überwiegend in Deutschland vorkommen und inzwischen die Eurozone dominieren, wollen, dass Banken und Staaten insolvent gehen können, ohne dass der Steuerzahler belastet wird. Wie allerdings in einer langen Krise der Verlust von Vermögen von Investoren, die Bankaktien oder Staatsanleihen halten, zu begrenzen ist, wissen sie nicht.

Sie sind allein getrieben von der Vorstellung, dass „bail-outs“ in Zukunft verhindert werden müssen. In der globalen Finanzkrise haben viele Staaten Banken gerettet und dafür Anteile an der Bank bekommen, weil sie systemische Probleme befürchteten. Banken, die schlecht gewirtschaftet haben, sollten aus dem Markt ausscheiden. Wenn allerdings ihr Ausscheiden dazu führt, dass sie ihre Schulden gegenüber anderen Banken nicht zahlen können und entsprechend andere Banken dadurch herbe Verluste erleiden, dann kann es zu einem systemischen Problem kommen. Wie bei der Pleite der US-Bank “Lehman Brothers” ist ein sequentiellen Umkippen der Banken zu befürchten und eine moderne monetäre Ökonomie ist nicht mehr möglich. Im Gefolge der bail-outs blieben Banken, die eigentlich insolvent waren, zahlungsfähig und mussten nicht in die Insolvenz gehen. Staaten als Anteilseigner der Bank bedeutet aber die Verstaatlichung, also genau das, was die (deutschen) Ordnungspolitiker nicht wollten.

Die Alternative zum bail-out scheint „bail-in“ zu sein, bei dem die Anteilseigner (soweit möglich) den Verlust der Bank übernehmen. Verlieren die Banken mehr Geld, als sie Eigenkapital halten, müssen sie entweder in die Insolvenz gehen oder, falls „systemrelevant“, doch vom Staat gerettet werden. „Bail-in“ funktioniert allerdings nur, wenn der Anteil an Eigenkapital nicht zu gering ist. Eigenkapital ist für die Banken teuer, und momentan sind die Eigenkapitalquoten bei vielen Banken noch zu gering. Deswegen müssen die Banken einen Risikoaufschlag bei eigenen Anleihen bezahlen und die Aktienkurse sinken. Das macht die weitere Beschaffung von Eigenkapital noch einmal teurer. Gleichwohl hat sich Europa, wieder unter maßgeblicher Beteiligung der Bundesregierung für diesen Weg entschieden. Wird dies funktionieren? Die „Financial Times“ ist sich da nicht so sicher (Link):

Will more regulation help? The push for ever higher capital requirements in theory makes banks safer but in practice makes them uninvestable. Creditors increasingly understand that if a bank cannot earn back its cost of equity, then the cost of bail-in debt should be higher. This, in turn, erodes the return on equity and pushes up the cost of equity further — the opposite of what is desired. The risks of such a negative feedback loop are particularly acute for banks with legacy non-performing loans. The stock of NPLs on European banks’ balance sheets is still about €900bn.

Die „Financial Times“ vermutet, dass die Investoren mit sich selbst verstärkenden Prozessen rechnen. Eine Bank mit einem hohen Anteil fauler Kredite und damit relativ geringen erwarteten Profiten, weist eine höheres Risiko auf, Verluste anzuhäufen, die das Eigenkapital reduzieren. Diese potentiellen Verluste für die Anleger müssen durch einen höheren Ertrag des Eigenkapitals kompensiert werden. Da aber der Ertrag des Eigenkapitals für die Bank ein Kostenfaktor ist und die Gewinne reduziert, entsteht ein Teufelskreis: die niedrigeren Profite führen zu höheren potentiellen Verlusten bei Investoren, was die Zinsen auf Eigenkapital noch weiter hochtreibt. Das führt zu geringeren Gewinnen und so weiter und so fort.

Was also in einer bestimmten Theorie gut aussieht, muss in der Realität nicht funktionieren. Es kommt aber noch dicker für die Banken. Immer lauter wird auch über eine Insolvenzordnung für Staaten nachgedacht. Das würde bedeuten, dass auch Staatsanleihen risikoreiche Anlagen werden und mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Aufbauend auf dem Sondergutachten des Sachverständigenrates vom Juli 2015 zur Weiterentwicklung der Architektur des Euro-Raums (SG 2015 Ziffern 65 ff.) wird vertieft diskutiert, wie die Stabilität im Euro-Raum durch die Einrichtung eines staatlichen Insolvenzmechanismus und die damit verbundene Entprivilegierung von Forderungen gegenüber Staaten gestärkt werden könnte. Das soll das Prinzip der Einheit von Haftung und Kontrolle sowie die Nicht-Beistandsklausel (no-bail-out) stärken.

Die Problematik ist exakt dieselbe wie beim „bail-in“ der Besitzer von Bankanteilen. Die Möglichkeit einer staatlichen Insolvenz führt zu höheren Zinsen, was die Zinslast der zugehörigen Regierung in die Höhe treibt und damit die Gefahr einer staatlichen Insolvenz tatsächlich weiter erhöht, so wie man es in den Krisenstaaten Südeuropas gesehen hat.

Mit der Einrichtung eines staatlichen Insolvenzverfahrens und den „bail-in“ im Bankenbereich sind negative Rückkopplungen im Bankensystem fast unvermeidlich. Durch höhere Zinsen werden die Ratings der Staatsanleihen sinken, was die Banken dazu zwingt, mehr Eigenkapital einzuwerben. Da aber dem Staat eine höhere Insolvenzgefahr bescheinigt wird, ist die Gefahr eines Verlusts bei Staatsanleihen im Portfolio der Bank höher. Insofern steigen auch die Zinsen auf das zusätzlich benötigte Eigenkapital. Dies wird den oben erklärten negativen Kreislauf auslösen, am Ende sind Staat und Banken insolvent und das Experiment Euro ist am Ende. Der britische „Daily Telegraph“ zitiert Peter Bofinger, den ständigen Schreiber von Minderheitsvoten beim Sachverständigenrat, der befürchtet, dass es genau infolge dieser negativen Kreisläufe zu einem Zusammenbruch der Eurozone kommen kann (Link).

Die ganze Bankenproblematik verschärft sich aber in ungeheurem Maße, weil die aktuellen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zur Stimulierung der Wirtschaft für einige Länder die gegenteilige Wirkung haben könnten. Hinzu kommen die unmittelbaren Wirkungen der Deflation. Dazu mehr in Teil 2.

 

 

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