Archiv flassbeck-economics | 17.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

Die europäische Konjunktur zum Jahresende 2015 – Das Elend wird offensichtlich – Teil 1

Mario Draghi hat bei einer Anhörung des Europäischen Parlamentes am Montag laut Handelsblatt gesagt, die ersten Wochen des Jahres hätten gezeigt, dass die Euro-Zone und die Europäische Union mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert seien. Im Originaltext sagte er: „The first weeks of this year have shown that the euro area and the Union at large face significant challenges. A strong effort by all policy makers will be needed in the months ahead to overcome them. (Die ersten Wochen des Jahres haben gezeigt, dass die Eurozone und die EU vor signifikanten Herausforderungen stehen. Eine große Anstrengung aller Politikbereiche wird notwendig sein, diese zu überwinden)

Draghi sagt zudem, dass die Investitionen schwach bleiben, da gestiegene Unsicherheiten hinsichtlich der Weltwirtschaft und weitergefasste geopolitische Risiken die Stimmung der Investoren belasten. Um die Euro-Zone widerstandsfähiger zu machen, seien Beiträge aller Politikbereiche erforderlich. Die EZB stehe bereit, ihren Teil zu tun. Noch einmal wörtlich: „In parallel, other policies should help to put the euro area economy on firmer grounds. It is becoming clearer and clearer that fiscal policies should support the economic recovery through public investment and lower taxation. In addition, the ongoing cyclical recovery should be supported by effective structural policies. In particular, actions to improve the business environment, including the provision of an adequate public infrastructure, are vital to increase productive investment, boost job creations and raise productivity.” (Parallel zur Geldpolitik sollten andere Politikbereiche helfen, die Europäische Wirtschaft auf eine festere Grundlage zu stellen. Es wird immer klarer, dass die Finanzpolitik die Erholung durch mehr öffentliche Investitionen und niedrigere Steuern unterstützen muss. Zusätzlich sind strukturelle Maßnahmen notwendig. Insbesondere sollte das Umfeld der Unternehmen durch eine adäquate öffentliche Infrastrukturverbessert werden, um produktive Investitionen zu erhöhen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Produktivität zu erhöhen.)

In der diplomatischen Sprache des Präsidenten der EZB – und für einen Vertreter des ökonomischen Mainstream – sind das wirklich klare Worte. Er gesteht nicht weniger ein, als dass alle bisherigen Versuche der EZB, die Krise zu beenden, gescheitert sind. Und die Tatsache, dass er die Finanzpolitik direkt anspricht und öffentliche Investitionen anmahnt (sogar als Hauptpunkt unter „strukturellen Maßnahmen), zeigt, wie groß seine Sorge um die europäische Wirtschaft ist.

Und er hat Recht. Die wirtschaftliche Lage in Europa ist in Gefahr, aus dem Ruder zu laufen. Was schlicht heißt, dass nach der langen Rezession gerade wieder eine Rezession droht. Das gilt auch für Deutschland. Abbildung 1 zeigt, dass der Auftragseingang in der deutschen Industrie für den Dezember eher nach unten als nach oben zeigt. Inland wie Ausland bringen jedenfalls keine neuen Impulse.

Abbildung 1

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Das ist in Übereinstimmung mit dem ifo-Index, der im Januar und Dezember gesunken ist und damit die horizontale Entwicklung, die er schon seit 2011 beschreibt, fortsetzt (Abbildung 2). Allerdings ist auch hier angesichts der jüngsten globalen Turbulenzen ein Absturz in den nächsten Monaten nicht ausgeschlossen.

Abbildung 2

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Der Auftragseingang im deutschen verarbeitenden Gewerbe jedenfalls, lässt alle Möglichkeiten zu (Abbildung 3). Zwar hat sich der Einbruch der Aufträge aus dem Nicht-EWU-Ausland wieder etwas gefangen, doch nun sind die Aufträge aus der EWU eingebrochen. Setzt sich die Krise in den großen Schwellenländern fort und bleibt die Lage in Europa fragil, ist ein Einbruch beider jederzeit möglich und damit eine Rezession auch in Deutschland.

Abbildung 3

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Die Industrieproduktion ist im Dezember jedenfalls mit einem vollen Prozentpunkt (saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat) erheblich zurückgegangen. Frankreich und Deutschland waren davon gleichermaßen betroffen, aber auch Italien, das von den großen Ländern mit Abstand am schlechtesten da steht, musste erneut einen Rückschlag hinnehmen. Es ist kein Wunder, das die italienische Regierung zunehmend nervös wird, weil der immer wieder versprochene Aufschwung sich nicht einstellen will (hier ein Beleg).

Abbildung 4

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Aber auch das besonders gebeutelte Südeuropa zeigt bis zuletzt keine Anzeichen einer Besserung. Zwar melden die deutschen Medien zuletzt (hier) enorme Wachstumszahlen bei den Autokäufen, aber die Autos müssen alle auf Halde gestanden haben, denn in den Produktionszahlen ist nichts zu sehen, was auf eine neue Entwicklung hindeutet. Portugal geht zurück, Spanien stagniert, nur in Griechenland (dort gilt das aber nicht mit den boomenden Autoverkäufen) ist eine leichte Besserung zu sehen.

Abbildung 5

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Das gilt auch für die meisten Nordländer (Abbildungen 6 und 7)

Abbildung 6

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Weder in Österreich, Niederland und Belgien auf der einen Seite noch in Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland gibt es irgendein ernsthaftes Anzeichen für einen Aufschwung.

Abbildung 7

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Extrem bedenklich, wir haben das immer wieder gesagt, ist die Tatsache, dass auch in den weit rückständigeren osteuropäischen Regionen wie im Baltikum nicht mehr als Stagnation zu beobachten ist (Abbildung 8). Wo soll das hinführen, wenn solche Regionen über einige Jahre nicht von der Stelle kommen?

Abbildung 8

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Das gilt im Prinzip auch für mitteleuropäische Staaten wie die in Abbildung 9 dargestellten. Auch Rumänien stagniert nach diesen Zahlen, an deren Ernsthaftigkeit ich aber doch einige Zweifel habe, weil es so stabile Entwicklungen wie in Rumänien eigentlich nicht gibt, insbesondere dann nicht, wenn dahinter kein wirklich stabiler Aufwärtstrend steht.

Abbildung 9

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Auch in den Staaten, wo es bisher etwas besser lief, zeigen sich im Dezember Abschwächungstendenzen. Nur die Slowakei ist es wieder, wo es weiter stabil aufwärts geht. Tschechien, Ungarn und Slowenien müssen Rückschläge hinnehmen (Abbildung 10).

Abbildung 10

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Auch in den kleinsten Ländern sind (Abbildung 11) bewegt sich nicht viel in der Industrie. Auch Irland, das einzige Land in Westeuropa, das einen Aufschwung nach 2011 erlebt hatte, stagniert auf hohem Niveau.

Abbildung 11

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Lesen sie im zweiten Teil, wie sich die übrigen Indikatoren entwickeln und warum wir so skeptisch gegenüber den amtlichen Berechnungen des BIP sind.

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