Archiv flassbeck-economics | 19.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

Die europäische Konjunktur zum Jahresende 2015 – Das Elend wird offensichtlich – Teil 2

Der erste Teil hat ja schon gezeigt, wie trostlos die aktuellen Indikatoren für Europa sind. Im zweiten Teil werden wir das ergänzen und einmal grundsätzlich Stellung beziehen zu der Frage, die uns oft von Lesern gestellt wird, nämlich wieso wir so sicher sein können, dass die aktuellen Entwicklungen von den offiziellen Zahlen der statistischen Ämter nicht angemessen erfasst werden. Immer wieder wird gesagt, aber es gibt doch so viele andere Indikatoren, die nach oben zeigen, die darf man doch nicht ignorieren. Das aber stimmt meistens nicht.

Der entscheidende Fehler wird sehr häufig auch von Journalisten gemacht. Hier ein Beispiel aus der Financial Times (hier, aber im Abonnement vermutlich). Man sagt, einerseits sei zwar die deutsche Industrieproduktion rückläufig gewesen, andererseits aber sei vom Statistischen Bundesamt gemeldet worden, dass die Inlandsnachfrage stark sei und auch die Investitionen gestiegen wären.

Man setzt sozusagen gleich in ihrer Aussagekraft die Daten, die auf der sogenannten Entstehungsseite des BIP erhoben werden und diejenigen, die auf der Nachfrageseite aus der Rechnung des Bundesamtes herausfallen. Das ist ein grober Fehler, aber dazu am Ende mehr.

Wie schon bei der Industrieproduktion, kann man auch bei der Bauproduktion weiterhin nur Stagnation konstatieren. Auch in Deutschland, wo doch angeblich der Immobilienmarkt überhitzt ist, führt das nicht zu steigender Produktion. Wobei man sagen muss, dass das sogenannte Bauhauptgewerbe etwas besser läuft als das Ausbaugewerbe. Frankreich findet nicht einmal jetzt einen Boden.

Abbildung 1

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In Südeuropa sieht es nicht besser aus (Abbildung 2). Spanien stagniert auf seinem (niedrigen) Hochplateau, in Italien sinkt die Bautätigkeit immer noch leicht und auch in Portugal geht es auf extrem niedrigem Niveau wieder bergab. Und das alles bei Zinsen, die am langen Ende immer noch weiter fallen. Wenn das nicht der endgültige Beweis ist, dass die europäische Wirtschaftspolitik in die Irre führt.

Abbildung 2

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Der Einzelhandel, der lange der einzige Lichtblick war, im Dezember aber im entscheidenden Land, Frankreich, auch einen Einbruch verzeichnet hatte, hat sich genau dort wieder gefangen (Abbildung 3). Für die EWU insgesamt bedeutet das aber auch nicht mehr als Stagnation. In Deutschland stagniert der Einzelhandel nahezu auf dem Niveau von Anfang 2015. In Italien ist der leichte Aufschwung schon wieder zu Ende.

Abbildung 3

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Noch trostloser ist es in Südeuropa (Abbildung 4). In Portugal sinkt der Einzelhandelsumsatz aktuell, in Spanien ist selbst die vorherige leichte Aufwärtsbewegung nicht mehr zu erkennen und Griechenland ist vollkommen ohne Hoffnung. Man muss sich vorstellen, was die Troika in diesem Land angerichtet hat!

Abbildung 4

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Auch bei der Arbeitslosigkeit ist in Südeuropa kein Land in Sicht (Abbildung 5). Zwar sinken die offiziell gemessenen Quoten, aber das bedeutet sicher nur, dass die Menschen sich nicht mehr arbeitslos melden, weil sie ohnehin keine Chance haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Aber die Tatsache, dass ein Land wie Spanien dennoch immer noch über 20 Prozent aufweist, sagt alles über die katastrophale europäische Wirtschaftspolitik.

Abbildung 5

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Auch für die EWU insgesamt liegt die Arbeitslosigkeit immer noch über zehn Prozent, und das im achten Jahr nach Beginn der globalen Krise.

Abbildung 6

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Eine grandiose Zielverfehlung ist auch weiterhin bei der Preisentwicklung zu konstatieren (Abbildungen 7 und 8). Sowohl die Erzeugerpreise als auch die Verbraucherpreise bleiben weit unterhalb dessen, was sich die Währungsunion zum Ziel gesetzt hat. Die EZB hat zwar angekündigt, noch mehr zu tun, um die Inflationsrate in die Nähe von zwei Prozent zu bringen, doch ihre Möglichkeiten sind eng begrenzt.

Abbildung 7

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Abbildung 8

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Schlussfolgerungen

Mario Draghi hatte mit seinen Ausführungen vor dem europäischen Parlament vollkommen Recht. Die Lage in Europa verschlechtert sich auf tiefem Niveau und das lässt nichts Gutes erwarten. Doch die stoische Ruhe, mit der das in Berlin hingenommen wird, zeigt, wie wenig man dort von dem sich zusammenbrauenden Sturm in Europa ahnt. Man scheint in Berlin nicht einmal zu verstehen, dass die Blockadehaltung vieler Länder in der Flüchtlingsfrage die mittelbare Folge der deutschen Blockadehaltung in Sachen Wirtschaftspolitik ist. Wir haben es schon oft gesagt, aber man muss es wiederholen: Wer mit zehn Prozent Arbeitslosigkeit oder mehr kämpft und gegen die Abwanderung der eigenen Bevölkerung, dem kann man nicht erklären, dass er aus Solidarität mit Deutschland einen auch nur gleichartigen Anteil an Flüchtlingen aufnehmen muss.

Nun aber zu dem oben angesprochenen Problem mit der BIP Berechnung. Als Ausgangspunkt muss man wissen, dass BIP-Prognosen immer auf Einschätzungen zur Nachfrageseite basieren. Nur da kann man vernünftigerweise etwas vorhersagen. Dagegen, und das ist eben der entscheidende Unterschied, beruhen die ex post Berechnungen der vierteljährlichen Entwicklung des BIP ausschließlich auf Daten zur Entstehungs- oder Produktionsseite. Nur hier hat man eine zeitnahe Erfassung dessen, was geschehen ist. Das gilt also für die von uns beschriebenen Daten zur Produktion in der Industrie, dem Bau und den Umsätzen des Einzelhandels. Letztere sind aber schon nicht mehr originär Produktion, weil das, was verkauft wurde, ja entweder vorher produziert oder importiert worden ist.

Das gilt in gleicher Weise natürlich für die gesamte Nachfrageseite. Zu sagen, der Konsum sei ja gestiegen und so zu tun, als sei das ein Gegenargument gegen gesunkene Produktion ist Unsinn, weil der Konsum ja erst einmal produziert werden musste. Gab es keine Produktionszunahme, kann es – in einer geschlossenen Volkswirtschaft jedenfalls – keine Konsumzunahme gegeben haben (es sei denn, vom Lager, was nur einmal gilt). Folglich muss man ex post immer mit der Entstehungsseite argumentieren, weil man sonst über Prognosen redet und die kann man nicht gegen Fakten auf der Entstehungsseite anrechnen.

Das Problem für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auf die kurze Frist ist (also für die Berechnung des BIP ein Quartal vorher), dass es für große Teile der Produktionsseite keine aktuellen Daten gibt. Das gilt für praktisch alle Dienstleistungen, wo man sowieso keine wirklichen Produktionsdaten erheben kann, sondern wo man sich üblicherweise mit den Verdiensten der dort angestellten Arbeitskräfte und einer Schätzung der Beschäftigung behilft. All diese Bereiche werden einfach fortgeschrieben in der Annahme, dass es dort keine großen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität gibt. Das Gleiche gilt für den gesamten Staat. Wenn also, so wie das in den vergangenen Monaten war, die erhobenen Produktionsdaten sehr schwach sind, die berechneten Daten des BIP aber Wachstum ausweisen, dann kann das nur daher stammen, dass das Statistische Bundesamt glaubt (oder hofft), dass alle übrigen Bereiche weiter gewachsen sind. Dafür gibt es anhand der Daten für die Beschäftigung und die Arbeitslosen vielleicht einige schwache Anhaltspunkte, aber keinerlei wirklich wetterfeste Daten.

Insofern wäre es zumindest angemessen, das Bundesamt würde seine „Vorhersage“ als Projektion oder Ähnliches bezeichnen, aber nicht mit diesen „Berechnungen“ so tun, als sei das alles in Stein gemeißelt.

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