Archiv flassbeck-economics | 08.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

Die Niederlande und Finnland – Zwei Hardliner auf dem absteigenden Ast – Teil 1

Wir haben in unserer Konjunkturberichterstattung schon mehrfach darauf hingewiesen, dass mit den Niederlanden und Finnland zwei Länder derzeit mit gewaltigen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, deren Regierungen innerhalb der Eurogruppe zu den Hardlinern gehören, also zu den Ländern, die Deutschland in seinem neoliberalen Kurs nahezu bedingungslos unterstützen. Das ist schon deswegen bemerkenswert, weil man entsprechend der Hoffnung der herrschenden Lehre doch erwarten sollte, dass Länder, die den neoliberalen Empfehlungen blind folgen, auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Wenn aber selbst dort das Konzept nicht funktioniert, warum sollten es dann Krisenländer erfolgreich anwenden können?

Wir vergleichen in dieser Analyse immer die Niederlande und Finnland mit Belgien und Deutschland. Bei der Betrachtung der Entwicklung der Industrieproduktion (Abbildung 1) wird deutlich, dass beide Länder in großen Schwierigkeiten stecken. Die Niederlande sind 2015 in eine tiefe Industrierezession geraten, nachdem sie sich schon seit 2011 klar auf einem absteigenden Ast befunden hatten.

Abbildung 1

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Finnland sieht sich einem stetigen Niedergang seiner Industrie ausgesetzt und findet offensichtlich kein Mittel dagegen.

Etwas besser läuft es in der Bauwirtschaft. Die gesamte Bauproduktion ist in Finnland 2015 mit einem Schub kräftig angestiegen und in den Niederlanden hat schon im Jahr vorher eine Aufwärtsbewegung eingesetzt (Abbildung 2). Zuletzt geht es in beiden Ländern aber auch in diesem Bereich nicht mehr aufwärts.

Abbildung 2

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Die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) spiegelt die schwierige Situation dieser Länder wider, wenngleich dort auch immer wieder schwer zu interpretierende Verläufe zu beobachten sind (Abbildung 3). So fragt man sich, auf welche Weise die schwere Industrierezession in den Niederlanden ausgeglichen und sogar überkompensiert worden ist.

Aber auch nach den offiziell errechneten Zahlen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist die Lage alles andere als rosig. Finnland ist auch gemessen am BIP in einer Rezession und das Niveau seines BIP liegt nach weit unter dem Wert, der 2008 erreicht worden war.

Abbildung 3

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Die Niederlande liegen nach diesen Zahlen im Jahr 2015 leicht über dem Wert von 2008, aber auch sie sind gegenüber Deutschland und Belgien erheblich zurückgefallen, die beide doch deutlich über dem Wert von 2008 liegen.

Noch eindeutiger wird die Misere der beiden Länder, wenn man die Investitionstätigkeit betrachtet (Abbildung 4). Seit 2008 hat es in beiden Ländern einen massiven Einbruch der Investitionstätigkeit gegeben, der sich in Finnland auch noch ungebremst fortsetzt, während die Niederlande, die aber 2011 noch einmal einen erheblichen Einbruch hatten, seit 2013 eine Wende nach oben ausweisen.

Abbildung 4

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Bei der Investitionsquote wird der Absturz der beiden Länder besonders deutlich (Abbildung 5). Während Belgien sein hohes Niveau hält und Deutschland auf niedrigem Niveau verharrt, sind Finnland und die Niederlande nach 2008 tief eingebrochen.

Abbildung 5

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Beim realen Konsum (Abbildung 6), der wichtigsten Nachfragekomponente, zeigt sich, dass die Niederlande und Finnland, trotz viele Gemeinsamkeiten, in der Vergangenheit sehr große Unterschiede aufwiesen. Schaut man etwas weiter zurück, als wir es mit diesen Zahlen tun, ist festzustellen, dass die Niederlande eine lange Geschichte des Merkantilismus aufzuweisen haben, also eine Zeit, in der sie versuchten, mit Lohnzurückhaltung und einer Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen (die begann sogar schon vor der deutschen Phase des Merkantilismus, wie Friederike Spiecker und ich schon im Jahr 2002 hier gezeigt haben). Deswegen ist der private Verbrauch seit 1999 ähnlich schwach wie in Deutschland.

Abbildung 6

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Finnland dagegen leistete sich im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts kräftige Lohnsteigerungen (ausführlich dargestellt in Teil 2). Das Land hatte zwar nach der Öffnung Osteuropas ebenfalls massiv auf Exporte gesetzt und war (Nokia lässt grüßen!) erfolgreich, weil die finnische Währung Anfang der 1990er Jahre sehr stark abgewertet worden war, aber die Überschussposition wurden korrigiert, da nach Beginn der Europäischen Währungsunion die Lohnsteigerungen und der private Konsum sehr stark zulegten.

In der Exportentwicklung kommt das sehr klar zum Ausdruck (Abbildung 7). Bis 2008 hielt Finnland selbst mit Deutschland mit, fällt dann aber weit zurück. Die Niederlande dagegen, deren größte Exporterfolge in den frühen neunziger Jahren zu verzeichnen waren, konnten bis 2008 nicht mithalten, erholten sich aber nach der globalen Finanzkrise.

Abbildung 7

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Bei den Importen zeigt sich, dass Finnland im Gegensatz zu Deutschland schon bis 2008 sehr viel importiert, während die Niederlande auch hier nur ein mäßiges Tempo aufweisen.

Abbildung 8

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Fasst man Export- und Importentwicklung in der Leistungsbilanz zusammen, zeigt sich, wie sehr die Niederlande in der Vergangenheit und heute noch auf einen Überschuss in der Leistungsbilanz angewiesen sind (Abbildung 9). Finnland, Belgien und die Niederlande starteten in die Währungsunion schon mit sehr hohen Überschüssen. Die Niederlande haben in den Jahren seit 2008 wiederum auf die Ausweitung des Außenhandelsüberschusses gebaut und waren insoweit erfolgreich. Sie weisen heute einen grotesk hohen Überschuss von über zehn Prozent des BIP auf und müssten, wenn sich alle an die Regeln des MIP (macroeconimic imbalance procedure) halten würden, von der Kommission massiv in die Mangel genommen und zu einer Änderung ihrer Wirtschaftspolitik gezwungen werden.

Abbildung 9

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Stattdessen schreibt die Kommission in ihrer gerade veröffentlichten Frühjahrsprognose zu den Niederlanden lapidar, dass damit zu rechnen sei, dass der Überschuss hoch bleibe.

Finnland, das Anfang der 2000er Jahre ebenfalls noch hohe Überschüsse aufwies, hat inzwischen eine ausgeglichene Bilanz. Auch Belgien ist von seinen hohen Überschüssen deutlich heruntergekommen. Nur Deutschland und die Niederlande kennen offenbar keine Grenzen für ihren Merkantilismus.

Lesen sie im zweiten Teil, wodurch es zu diesem Merkantilismus kam und wie der inzwischen eine wirtschaftliche Erholung praktisch unmöglich macht.

 

 

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