Die Niederlande und Finnland – Zwei Hardliner im freien Fall – Teil 2

Wir hatten im ersten Teil gesehen, dass die beiden Hardliner in großen Schwierigkeiten stecken, obwohl sie recht unterschiedliche Ausgangssituationen aufweisen. Die Niederlande haben es zwar geschafft, ihre Überschussposition im Außenhandel noch einmal zu vergrößern, aber ihre binnenwirtschaftliche Schwäche ist eklatant. Finnland ist von der Überschussposition heruntergekommen, sieht sich aber ebenfalls großem Druck im Inland gegenüber.

Warum ist das so? Welche Fehlentscheidungen der Vergangenheit waren es, die das heutige Dilemma erklären? Diese Fragen wollen wir im zweiten Teil zu beantworten versuchen.

Wir nähern uns der „nominalen“ Seite der wirtschaftlichen Entwicklung von der Inflationsrate her (Abbildung 1). Im Vergleich zu Deutschland und Belgien weisen beide Länder ähnliche Entwicklungen auf (hier in Zuwachsraten gegenüber dem Vorjahr). Zwar hatten beide Länder jeweils im Vergleich zu Deutschland eine oder sogar zwei Spitzen in den 2000er Jahren, aber zuletzt haben sich die Raten stark angenähert.

Abbildung 1

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Schaut man die Determinanten der Inflationsrate an, also in erster Linie die Lohnentwicklung, zeigen sich doch erhebliche Unterschiede. Der nominale Stundenlohn (als Index 1999=100) ist in Finnland und in den Niederlanden seit 1999 wesentlich stärker gestiegen als in Deutschland (Abbildung 2).

Abbildung 2

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Insbesondere bis 2007 ist die Lohnzurückhaltung in Deutschland extrem und die anderen Länder ziehen alle davon. Selbst Belgien, das sich traditionell immer an den deutschen Lohnabschlüssen orientiert hatte (es gab in Belgien sogar Gesetze, die das den Tarifpartnern vorschrieben), machte den Stillstand der Stundenlöhne nicht mit. Finnland leistete sich wesentlich größere Lohnsteigerungen.

Auch bei den Reallöhnen war Finnland einsame Spitze (Abbildung 3), während sich hier Belgien und die Niederlande doch recht nah bei Deutschland hielten. In Deutschland als großer Volkswirtschaft haben die binnenwirtschaftlichen Preise offenbar stärker auf die Lohnmoderation reagiert, so dass der reale Rückstand weniger groß ist.

Abbildung 3

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In Sachen Produktivität entwickelten sich die drei Länder recht ähnlich, wobei Finnland als aufholendes Land bis 2007 doch recht stark zulegte und sich erst danach deutlich abschwächte.

Abbildung 4

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Nominallöhne und Produktivität zusammengenommen, erbringen für die Lohnstückkosten eine eindeutige Entwicklung (Abbildung 5) und die Erklärung der wirtschaftlichen Probleme. Alle drei Länder verlieren gegenüber Deutschland massiv an Wettbewerbsfähigkeit seit Beginn der Europäischen Währungsunion. Auch heute noch beläuft sich die seitdem kumulierte Lücke auf 15 (Belgien) bis 20 Prozent (Finnland).

Abbildung 5

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Auch das Zusammenfügen von Reallöhnen und Produktivität in der sogenannten Reallohnposition (eine Art Lohnquote) zeigt den deutschen Sonderweg selbst im Vergleich zu Ländern, die auf einer ähnlichen wirtschaftspolitischen Linie liegen (Abbildung 6). Nur in Deutschland sind die Reallöhne über die ganze zeit der Währungsunion gesehen pro Stunde gerechnet weit hinter der Produktivität zurückgeblieben.

Abbildung 6

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Schlussfolgerungen

Die Abbildung 5 zeigt eindeutig, wo das Problem der beiden Länder (aber auch Belgiens liegt). Trotz der immer noch hohen Leistungsbilanzüberschüsse sind selbst die Niederlande in Sachen Wettbewerbsfähigkeit weit hinter Deutschland zurückgefallen. Zwar zehrt das Land sicher noch von früheren Phasen der Unterbewertung durch eigene Lohnzurückhaltung, aber es scheint, als sei der niederländischen Politik klargeworden, dass sie nur durch erneutes Gürtel-enger-Schnallen den Abstand zu Deutschland verringern kann.

Ähnliches gilt auch für Finnland. Hier stiegen die Nominal- und die Reallöhne noch kräftig zu einer Zeit, als die Produktivität das schon nicht mehr erlaubte. Finnland hat dadurch wohl endgültig die Vorteile eingebüßt, die es sich durch die Abwertung seiner Währung Anfang der 90er Jahre verschafft hatte.

Was bleibt, ist für beide Länder (aber auch hier wieder für Belgien), Druck auf geringere Lohnsteigerungen zu machen, oder, so wie Finnland das vorhat, die Löhne gar absolut zu senken. Das ist bisher in den Zahlen noch nicht so klar sichtbar (für 2015 gibt es noch keine Arbeitsstunden, so dass man auch keine Stundenlöhne rechnen kann), aber die europäische Kommission (hier) rechnet für die Niederlande für 2015 mit Erhöhungen der Nominallöhne (pro Kopf) von nur 0,3 Prozent und für 2016 mit 2,1 Prozent. Für Finnland lauten die Zahlen 1,2 und 1,3 (für Belgien: 0,5 und 0,4). Die Folge ist auch hier, was man für Griechenland nicht wahrhaben will: Die Inlandsnachfrage bricht ein. Wenn die Finanzpolitik nicht korrigierend eingreift, gibt es keinen Aufschwung, sondern nur fortgesetzte Deflation und Stagnation oder Rezession.

Die Finanzpolitik aber darf nicht korrigierend eingreifen, weil das gegen das Dogma vom armen Staat und die „Tugend der Sparsamkeit“ spricht. Auf diese Weise erleiden die Hardliner unmittelbar die Folgen ihrer unsinnigen Politik. Was immerhin eines zeigt, dass nämlich die Verantwortlichen in diesen Ländern fest an ihr unsinniges Dogma glauben, denn sonst würden sie es sich nicht selbst und ihren Ländern auferlegen.

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