Die Weissagungen des Herrn Schäuble

Mit einer Anmerkung von Heiner Flassbeck

Blicken wir für einen Moment zurück in das Jahr 1972, in eine Welt ohne heutiges Internet, ohne Smartphones, Tablets, PKW-Navigationssysteme oder Spielkonsolen, in eine Welt, in der dieser Beitrag auf einer klappernden Schreibmaschine hätte getippt werden müssen, denn privat genutzte PCs waren damals noch unbekannt. Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen war zu dieser Zeit Karl Schiller (bis Mitte 1972) im ersten Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt. Nehmen wir an, Karl Schiller wäre auf die Idee gekommen, Anfang 1972 die Staatsverschuldung in Deutschland im Jahr 2016 vorauszuberechnen. Was hätte er in seiner Prognose berücksichtigen müssen?

Zu beachten ist zunächst natürlich, dass für die Entstehung und/oder die Vergrößerung der Staatsverschuldung unmittelbar die staatlichen Budgetdefizite verantwortlich sind (der Schuldenstand ist die Summe der über die Jahre angehäuften Budgetdefizite). Das Budgetergebnis ist aber nicht einfach vom „Sparwillen“ des Staates abhängig, sondern wird größtenteils endogen durch die konjunkturelle Entwicklung bestimmt und liegt damit weitgehend außerhalb der Kontrolle des Staates. Will man die Entwicklung des Budgetsaldos resp. der Staatsverschuldung abschätzen, muss man folglich die wirtschaftliche (incl. der demografischen) Entwicklung vorausschätzen. Wie sah die ökonomische Ausgangssituation im Jahr 1972 aus?

Anfang der 1970er Jahre ging gerade das „goldene kapitalistische Zeitalter“ zu Ende, [...]

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