Es knirscht im Getriebe: Anmerkungen zur US-Konjunktur zur Jahreswende

Das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft hat sich im vierten Quartal weiter abgekühlt. Der im letzten Frühjahr euphorisch vermeldete Wachstumsschwung ist nunmehr gänzlich verflogen. Bereits im dritten Quartal belief sich das Wachstum auf nur 2 Prozent nach 4 Prozent im 2. Quartal. Im 4. Quartal waren es laut der Ende letzter Woche erschienenen Vorabschätzung des Bureau of Economic Analysis nur noch 0,7 Prozent. Die große Unsicherheit und Fragilität, die die Konjunkturlage in wichtigen anderen Regionen der Weltwirtschaft seit geraumer Zeit befällt, betrifft damit heute gleichermaßen auch die US-Wirtschaft. Und damit erscheint auch die geplante Straffung der Geldpolitik seitens der Federal Reserve in einem neuen Licht. Der US-Wirtschaftsmotor läuft einfach nicht rund. Wer von ihr neue Zugkraft für die Weltwirtschaft erhofft hatte, wie etwa Europas in Dauernotlage befindliche Währungsunion, hofft wohl vergeblich. Auch an der Währungsfront wird es immer ungemütlicher. Für die führenden Nationen und Volkswirtschaften der Welt gilt heute immer mehr: jeder für sich, keiner für alle. Die Risiken für eine neue Weltwirtschaftskrise haben deutlich zugenommen.

Die weitere Verlangsamung des Wachstums der amerikanischen Wirtschaft im Herbst im Vergleich zum Wachstum in Sommerquartal betraf dabei alle Ausgabenkomponenten. Selbst der private Konsum, gemeinhin das wichtigste Zugpferd der US Wirtschaft, wuchs mit nur 2,2 Prozent Jahresrate deutlich langsamer als zuvor, wobei insbesondere die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter eine spürbare Verlangsamung erfuhren. Die privaten Investitionen schrumpften sogar mit einer Jahresrate von 2,5 Prozent. Besonders stark war der Einbruch im Wirtschaftsbau. Doch auch die Ausrüstungsinvestitionen sanken um 2,5 Prozent während die Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte zumindest noch schwach mit einer Jahresrate von 1,6 Prozent zulegten. Allein der Wohnungsbau blieb von der allgemeinen Abkühlung bislang anscheinend fast verschont und wuchs weiterhin mit einer Jahresrate von 8,1 Prozent. Im schon länger schwächelnden Außenhandel dagegen verlief die Entwicklung jüngst noch mehr zu Ungunsten Amerikas. Während die Importe im Herbst mit rund einem Prozent zulegten, sanken Amerikas Exporte sogar um 2,5 Prozent Jahresrate. Bei den Staatsausgaben war die Entwicklung gemischt. Auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen, wo es in den letzten Quartalen nach langer Krise eine erfreuliche Erholung gegeben hatte, wurde zuletzt ein Minus von 0,6 Prozent verbucht. Die Ausgaben der Bundesregierung dagegen legten nach einigen Quartalen quasi-Stagnation im Herbst mit 2,7 Prozent zu, wobei das Wachstum besonders bei den Verteidigungsausgaben stattfand, die allerdings sehr volatil sind.

Abbildung 1

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Abbildung 1 zeigt die Entwicklung ab 2013 bis zum konjunkturellen Rand ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen, sie zeigt also welche BIP-Komponenten jeweils wie stark zum Wachstum beigesteuert haben. Wie man sieht: die einzige verbleibende Stütze des BIP-Wachstums war der private Konsum. Doch selbst der steuerte im Herbstquartal nur knapp 1,5 Prozentpunkte Wachstum bei. Der Beitrag der Bruttoanlageinvestitionen war insgesamt null, wobei der Wohnungsbau das Minus der anderen Investitionskategorien ausglich. Auch der Wachstumsbeitrag der Staatsausgaben war mit 0,1 Prozentpunkten kaum nennenswert. Als Wachstumsbremsen wirkten sowohl die Nettoexporte als auch die Lagerinvestitionen, die jeweils knapp einen halben Prozentpunkt Wachstum kosteten.

Abbildung 2

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In Europa ist es gebräuchlicher, das Konjunkturbild in Wachstumsraten gegenüber dem Vorjahresquartal auszudrücken. Auch in dieser Betrachtungsweise ist die jüngste Abkühlung gut erkennbar (s. Abbildung 2). Die leichte Beschleunigung des BIP Wachstums seit Mitte 2013 bis Mitte letzten Jahres war sowohl vom Konsum and den Investitionen getragen gewesen. Gewisse Unterstützung kam aber auch von Seiten der Staatsausgaben, zunächst durch verlangsamtes Schrumpfen ab Mitte 2013, dann durch leichtes Wachstum ab Mitte 2014. Die leichte fiskalpolitische Konjunkturstärkung hat bis zuletzt angehalten. Der Konsum und insbesondere die Investitionen erfuhren dagegen eine deutliche Wachstumsverlangsamung. Die Lage im Außenhandel sieht zunehmend düster aus. Das Wachstum der amerikanischen Exporte befindet sich seit zwei Jahren im Sinkflug und ist nunmehr negativ. Das Wachstum der Importe verhielt sich dagegen entsprechend der Binnenkonjunktur, verzeichnete in den letzten Quartalen also auch eine deutliche Verlangsamung.

Abbildung 3

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Betrachtet auf das Gesamtjahr ist Amerikas Wirtschaft gegenüber 2014 genau wie im Vorjahr mit respektablen, aber nicht berauschenden 2,4 Prozent gewachsen. Der dominante Beitrag des privaten Konsums ist dabei noch größer gewesen als im Vorjahr. Der Kaufkraftgewinn der Konsumenten durch den Ölpreisverfall und sehr niedrige Inflation sowie die freundliche Entwicklung am Arbeitsmarkt sind hierfür als wichtige Faktoren zu nennen. Entsprechend der Preisentwicklung ist das nominale BIP in 2015 auch nur mi 3,4 Prozent nach 4,1 Prozent in 2014 gewachsen. Der kleinere positive Wachstumsbeitrag der Bruttoanlageinvestitionen spiegelt dagegen auch wieder, dass der Ölpreisverfall nicht nur Gewinner produziert hat. Unternehmen der (fossilen) US Energiewirtschaft stecken in der Krise und haben ihre Investitionen radikal zusammengestrichen. Das hat auch Spuren in einigen Bankenbilanzen sowie bei Unternehmensanleihen des Sektors hinterlassen.

Ich habe kürzlich über das wohl wichtigste hausgemachte Wachstumshemmnis in Amerika berichtet: die immer stärker zunehmende Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung (s. flassbeck-economics, 19. Januar 2016). Letztlich ist die Wachstumsbeschleunigung der amerikanischen Wirtschaft aber auch darum ausgeblieben, weil sich das globale Umfeld in 2015 deutlich verschlechtert hat und die Nettoexporte insgesamt als beträchtliche Wachstumsbremse wirkten. Speziell von der Währungsseite her hat diese Belastung im Jahresverlauf weiter zugenommen, und so ist die US Wirtschaft im Jahresverlauf, also im vierten Quartal 2015 gegenüber dem vierten Quartal 2014, auch nur mit 1,8 Prozent gewachsen nach 2,5 Prozent im Jahresverlauf von 2014. Die Währungen vieler Schwellen- und Entwicklungsländer haben mittlerweile gegenüber dem US-Dollar zwischen 20 und 40 Prozent abgewertet. Hinzu kommen die kräftigen Abwertungen des Euro und des japanischen Yen. Neben britischem Pfund und dem Schweizer Franken hat allein der chinesische Renminbi unter den wichtigsten Währungen gegenüber dem Dollar bislang nur geringfügig abgewertet. Doch gerade an dieser Front laufen nunmehr die Spekulationen heiß. Gute Nachrichten sehen anders aus.

Schrumpfende chinesische Währungsreserven deuten darauf hin, dass die chinesischen Behörden keine weitere Abwertung des Renminbi wünschen. Die Angst vor einer großen unkontrollierten Abwertung geht um, wie aus jüngsten Äußerungen zu entnehmen ist. Jetzt hat sich in der letzten Woche auch noch die japanische Zentralbank in den Club der Zentralbanken gesellt, die den internationalen Währungskrieg unter die Nullzinsschwelle getragen haben. Die EZB hat hiermit wichtige Konkurrenz bekommen im Versuch, das Versagen an der heimischen Front noch mehr ins Ausland zu tragen. Doch auch für China ist der Yen-Faktor sehr wichtig. Eine chinesische Währungskrise würde die Karten jedenfalls ganz neu verteilen. Auf der Gewinnerseite wäre da nur ein kleiner Kreis erfolgreicher Spekulanten.

Doch eine neue Asienkrise mit China im Mittelpunkt ist nur eines der wichtigsten Risiken in der Weltwirtschaft heute. Kaum weniger wichtig ist die weiterhin äußerst fragile Situation in der Eurozone. Die akute Flüchtlingskrise mag hiervon zurzeit etwas ablenken. Doch die Risiken der unterhalb der Oberfläche simmernden Krise bestehen fast unverändert fort, zumal die Wirtschaftspolitik die kritischen Probleme ja gar nicht im Visier hat, sondern weiter irgendwelchen Mythen und Märchen hinterherjagt. Hinzu kommt dann noch die allgemeine Konjunkturschwäche in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die weltweit zunehmend weniger Ausnahmen aufweist.

Wie passt in diese Landschaft die erklärte Zinserhöhungsabsicht der Federal Reserve bei anhaltendem Dollaraufwertungsdruck? Die langfristigen Zinsen sind nicht nur in der Eurozone und Japan auf Sinkflug, sondern auch in den USA. Auf den Aktienmärkten dagegen ist die sorglose Zuversicht der letzten Jahre verpufft. Die jüngsten Finanzmarktunruhen bedeuten ein eigenständiges Risiko, das die Federal Reserve vor zusätzliche Herausforderungen stellt. In einer fragilen Weltwirtschaft kann auch die Federal Reserve keine „autonome“ Geldpolitik betreiben.

Meines Erachtens ist die eigene Widerstandskraft der US-Wirtschaft gegenüber Schocks und Krisen in der Weltwirtschaft stark angeschlagen. Hierbei ist ein in den Abbildungen 1 und 3 erkennbares Detail von nicht unerheblicher Bedeutung. Abbildung 1 zeigt, dass die Lagerinvestitionen in den letzten beiden Quartalen beträchtliche negative Wachstumsbeiträge leisteten, also gegenüber dem Vorquartal jeweils Lagerabbau stattgefunden hat. Man könnte daraus zunächst Hoffnungen ableiten, die Unternehmen hätten den Prozess der Lageranpassung heute bereits abgeschlossen. Abbildung 3 zeigt dagegen, dass die Lagerinvestitionen für das Gesamtjahr noch einen positiven Wachstumsbeitrag geleistet haben, also für das Gesamtjahr 2015 betrachtet Lageraufbau stattgefunden hat. Ein gewisser Lageraufbau ist in Aufschwungsphasen wachsender Wirtschaften auch völlig normal. Das galt so etwa auch für die Zeit seit 2010, der Erholung von der „Großen Rezession“ (und weltwirtschaftlichen Krise), in der dagegen zuvor ein sehr rasanter Lagerabbau stattgefunden hatte.

Der Lagerhaltungszyklus ist für Konjunkturwendepunkte und auch als Rezessionsursache von maßgeblicher Bedeutung. Einige Indikatoren deuten darauf hin, dass die Lagerbestände der Unternehmen selbst nach zwei Quartalen Lagerabbaus erhöht oder überhöht bleiben. Die amerikanische Industrie, insbesondere auch bedingt durch den Außenhandel, befindet sich bereits in der Rezession. Eine Industrierezession außerhalb einer allgemeinen Wirtschaftsrezession wäre für Amerika ein Novum, sagen die Pessimisten. Die verarbeitende Wirtschaft macht heute allerdings nur noch kaum mehr als ein Zehntel der US Wirtschaft aus, entgegnen die Optimisten.

Abbildung 4

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In der Tat gibt es kaum Signale, die auf eine akute Rezessionsgefahr für Amerikas Wirtschaft hindeuten. Ich sehe die Wahrscheinlichkeit dafür auch bei nicht höher als 25 Prozent. Der „GDPnow“ Indikator der Federal Reserve von Atlanta hatte das Wachstum im vierten Quartal zuletzt noch leicht zu hoch vorhergesagt. Die erste GDPNow Schätzung für das 1. Quartal 2016 vom 1. Februar lautete magere 1,2 Prozent. Es knirscht gewaltig im Getriebe der US Wirtschaft.

Vermutlich wird Amerikas Wirtschaft aber nicht von sich aus stolpern. Doch die Wahrscheinlichkeit für eine neue große Krise in der Weltwirtschaft in diesem oder dem nächsten Jahr sehe ich bei rund 50 Prozent. Wie würde die Wirtschaftspolitik darauf wohl heute reagieren? Währungskrieger sind von Natur aus Einzelkämpfer. Davon gibt es immer mehr, und sie wirken immer verzweifelter. Die G-20 „Mannschaft“ kann sich kaum noch auf irgendetwas von Gehalt einigen. Die „keynesianische“ Wirtschaftspolitik der letzten Jahre hätte nichts als neue Ungleichgewichte eingebracht, behaupten diejenigen, die, gewollt oder ungewollt, aus Ignoranz oder politisch motiviert, keynesianische mit anti-keynesianischer Wirtschaftspolitik verwechseln. Noch mehr heilsame Sparpolitik und Lohndumping drohte dann wohl. Oder vielleicht mal wieder nationalistische Autobahnbauambitionen? Bei allen wirtschaftlichen Gefahrenherden dieser Zeit wirken die politischen/nationalistischen Auswüchse vielerorts zunehmend noch bedrohlicher. Die Mischung von wirtschaftlichen und politischen Krisen ergibt ein besonders unbekömmliches Gebräu. Wir wollen hier Mut und Zuversicht nicht ganz verlieren. Aber ein gutes Jahr für Amerikas Wirtschaft und die Weltwirtschaft wird 2016 wohl kaum werden.

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