Ver.di fordert mehr Lohnzuwachs als die IG Metall – wie der Wahnsinn zur Normalität wird

In den deutschen Medien ist der Wahnsinn kaum jemandem aufgefallen, so sehr haben wir uns schon an ihn gewöhnt. Ja, es ist Wahnsinn, wenn die Gewerkschaft, deren Mitglieder überwiegend in den Dienstleistungsbereichen einschließlich des öffentlichen Dienstes arbeiten, im Jahr 2016 mehr Lohnzuwachs fordern als die stärkste deutsche Industriegewerkschaft. Doch der Wahnsinn liegt nicht auf der Seite der Dienstleistungsgewerkschaft, sondern auf der anderen Seite. Ich hatte das in der vergangenen Woche (hier) schon angedeutet, nun aber ist es offenkundig.

Ich will hier nicht im einzelnen die Argumente wiederholen, die wir unzählige Male gebracht haben (hier und hier, um nur zwei Beispiele zu nehmen, wer „Lohnpolitik“ in die Suchfunktion eingibt, findet noch viel mehr Artikel dazu), um zu begründen, warum Deutschland wesentlich höhere Löhne und Lohnzuwächse braucht. Daran gemessen ist die Forderung von Ver.di mit sechs Prozent sehr bescheiden, weil man davon ausgehen muss, dass sie höchsten drei Prozent herausholen. Drei Prozent ist aber nach vielen Jahren lohnpolitischer Abstinenz und einer Deflation in Europa wirklich nicht viel, sondern liegt schon unter dem Minimum, was in Deutschland durchgesetzt werden müsste, um dem Euroraum eine Überlebenschance zu geben.

Ver.di beweist mit seiner Forderung zwar Mut, aber es ist der Mut der Verzweiflung angesichts einer Forderung der IG Metall von sage und schreibe 4,5 bis 5 Prozent. In den Bereichen also, wo in unglaublicher Weise durch den vom deutschen Lohndumping induzierten Exportboom Geld verdient wurde, stellt die Industriegewerkschaft eine Forderung, die darauf hinausläuft zu sagen, ja, wir wollen auf jeden Fall, dass unsere Unternehmen ihre internationalen Marktanteile halten, was auch heißt, wir wollen auf keinen Fall, dass unsere Kollegen in anderen Ländern die Chance haben, auch nur ein wenig von dem zurückzugewinnen, was sie in den letzten fünfzehn Jahren verloren haben.

Versüßt wird den Mitgliedern der IG Metall diese Haltung, wie gerade bei Daimler zu beobachten, durch einen Jahresendbonus von über 5000 Euro. Da es so etwas bei den Bediensteten im öffentlichen Dienst nicht gibt, entsteht faktisch eine massive Auseinanderentwicklung der tatsächlichen Entgelte. Da die Boni aber nicht in die Tarife Eingang finden, entkoppelt sich der Tariflohn auf Dauer (also seit Beginn der Lohnzurückhaltung) von der Produktivität plus Zielinflationsrate. Damit wird einerseits die merkantilistische Strategie festgeschrieben, es wird andererseits aber auch verhindert, dass die positiven Wirkungen der höheren Produktivitätsgewinne (und geringen Lohnerhöhungen) in der Industrie sich wenigstens in fallenden Preisen der Industrieprodukte niederschlagen, so dass auch die übrigen Arbeitnehmer im Inland davon profitieren.

Man schafft sozusagen den perfekten closed shop in der Industrie, der den Unternehmen jede Möglichkeit bietet, „flexibel“ auf die Geschäftslage zu reagieren und die Karte der geringen Kosten auszuspielen, wann immer es notwendig ist. Hat man damit Marktanteile gewonnen und hohe Gewinne erzielt, beteiligt man die Arbeitnehmer ein wenig daran, ohne deren Beteiligung festzuschreiben. So koppelt sich das Unternehmen (auch unter dem Schutz des schwachen Euro natürlich) von der internationalen Konkurrenz ab und seine Arbeitnehmer koppeln sich von ihren Kollegen im Inland ab. Für beide ist das scheinbar ein gutes Geschäft.

Es ist in Wirklichkeit aber extrem dumm, weil es dem Handel innerhalb der Europäischen Währungsunion die Geschäftsgrundlage entzieht (wir haben das hier im Detail erklärt) und damit deren Existenz in Frage stellt. Man schafft eine exportlastige Produktionsstruktur in Deutschland (der Exportanteil in Deutschland liegt inzwischen über 50 Prozent am BIP), die absurd ist und niemals Bestand haben kann. Aber das alles kümmert uns wenig. Nach mir die Sintflut, ist schon immer das Motto derer, die nicht bis drei zählen können oder wollen.

P. S.: Die FAZ spricht im Zusammenhang mit der Forderung von Ver.di von „Staatsplünderern“. Man weiß ja schon, dass diese Zeitung nichts anderes als eine Interessenvertretung der Unternehmer ist, aber man fragt sich doch, ob es mittlerweile im Haus der FAZ elektronische Barrieren am Eingang gibt, die systematisch das menschliche Hirn ausschalten und durch ein von der Arbeitgeberlobby gesteuertes Softwareprogramm ersetzen, sobald man das Gebäude betritt.

 

 

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