Ver(w)irrter Angriff von links – aber auch glatt an der Sache vorbei

Es ist schon amüsant zu sehen, wie und von wo man überall angegriffen wird. Gerade wird Costas Lapavitsas und mir vorgeworfen, in der Eurokrise neoklassisch zu argumentieren (hier, dazu erscheint eine Antwort unsererseits in Kürze), da wird uns von linker Seite vorgehalten, keynesianisch zu argumentieren, wobei sich diese (marxistische?) Linke dann schnurstracks die Argumentation von Hans-Werner Sinn zu eigen macht (hier ist der Artikel von Thomas Sablowski und Frederic Heine zu finden). Wenn das kein Durcheinander ist?

In der Tat geht so einiges durcheinander. Aber der Reihe nach. Es geht um die Frage, die uns hier schon häufig beschäftigt hat, nämlich, was die entscheidende Ursache der Eurokrise ist. Während Neoklassiker wie Hans-Werner Sinn üblicherweise argumentieren, die Kapitalströme in der EWU seinen entscheidend für die Entstehung der Ungleichgewichte gewesen, haben Costas Lapavitsas und ich (aber lange vorher schon Friederike Spiecker und ich) argumentiert, die Ursache sei bei den Güterströmen zu suchen und diese seien von einer großen realen Abwertung Deutschlands (infolge von Lohndumping in der Währungsunion) ausgelöst worden. Die Kapitalströme seien dem gefolgt.

Diese Argumentation keynesianisch zu nennen, ist insofern richtig, als wir konsequenterweise argumentieren, die Anpassung von Sparen und Investieren erfolge bei den Außenhandelssalden genauso wie im Inland, nämlich vom Investieren hin zum Sparen bzw. von den Ausgaben für Exporte und Importe hin zu den Kapitalströmen. Allerdings, wie ich kürzlich am Beispiel von Joe Stiglitz angedeutet habe, folgen die wenigsten Keynesianer dieser Regel (hier). Daher glauben manche, es sei sinnvoll, unsere Argumentation neoklassisch zu nennen, weil hier Löhne und Preise bedeutsam sind, und zum Beispiel Lohnsenkungen wirklich dazu führen können, dass die Beschäftigung steigt.

Preise, Löhne und Lohnstückkosten sind offensichtlich auch den Marxisten unheimlich (wie man an einem nur extrem wirr zu nennenden Abschnitt über Lohnstückkosten – aus marxistischer Perspektive – erkennen kann, auf Seite 569 oben), weswegen sie sich lieber auf die neoklassische Seite begeben und den Kapitalströmen die entscheidende Rolle zusprechen. Ist es einfach so, dass nur das böse Kapital so etwas Schlimmes anrichten kann wie die Eurokrise, niemals aber der gute Arbeiter? Ich habe es sicher missverstanden, aber wer verstanden werden will, muss auch so schreiben, dass es verständlich ist!

Auch sollte man versuchen, Schnellschüsse zu vermeiden, mit denen man versucht, frühe Punkte zu machen, die sich schon bei kurzem Nachdenken als Rohrkrepierer erweisen. So schreiben unsere marxistischen Kritiker (aus Seite 579 oben): „Wäre nur der Handelsbilanzüberschuss Deutschlands gegenüber den Krisenländern das Problem, wäre es bereits gelöst, denn der Überschuss Deutschlands gegenüber den Krisenländern hat sich auf nahezu Null reduziert.“ Das ist kompletter Unsinn, weil der Ausgleich für sich genommen gar nichts sagt, weil er nur Ergebnis der schweren Krise ist, wie ich vor einigen Tagen gezeigt habe (hier). Es kommt darauf an, dass in einem Aufschwung die Defizite nicht wieder neu entstehen können und das geht nur mit Preisänderungen. Kurz darauf wird jedoch von den Autoren ihre eigene Aussage wieder kassiert, ohne aber den entscheidenden Punkt des „expenditure switching“, der nur über Preise und Löhne laufen kann, zu erkennen. Ich habe versucht, den zweiten Absatz auf dieser Seite zu verstehen. Es ist mir leider nicht gelungen.

Generell ist das ganze Hin- und Hergeschiebe von irgendwelchen dogmatischen Schubladen sinnlos. Keynes wurde übrigens in der entscheidenden Diskussion dieser Fragen, bei der Auseinandersetzung um das berühmte Transferproblem ebenfalls vorgeworfen, wie ein Klassiker zu argumentieren. So what? Man muss genau diese Diskussion aber lesen (Keynes gegen Bertil Ohlin in mehreren Runden im Economic Journal Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts), um zu verstehen, wie eine Konstellation der Handels- und Leistungsbilanzsalden entsteht, die auf Dauer (nicht in einem Augenblick) für das Defizitland untragbar ist. Auch das von Keynes klar erkannte Transferproblem war nur über Preis- und Lohnanpassungen lösbar (in meinem Buch „Preise, Zins und Wechselkurs“ aus dem Jahre 1987 gibt es dazu ein ganzes Kapitel, das die Logik des Problems veranschaulicht).

Wer etwas zu dieser Debatte beitragen möchte, ist aufgefordert, es zu versuchen. Aber das geht nicht mit dubiosen Anwürfen und wirren Formulierungen, sondern nur auf der Basis einer ruhigen nüchternen Analyse. Um den Ausgangspunkt noch einmal deutlich zu machen, beiliegend ein Text, der das Problem von der Sache her und erkenntnislogisch erläutert. Er ist im vergangenen Jahr (hier) erschienen:

„Wichtig ist vorab klarzustellen, was die Nettoposition eines Sektors bedeutet, so wie wir sie in der Statistik vorfinden. Alle Größen, die in diesen Finanzierungsrechnungen (so nennt die Deutsche Bundesbank diese Statistik) dargestellt sind, sind sogenannte ex-post Größen. Das bedeutet, es sind die Resultate von Vorgängen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Vorab wissen wir immer nur, dass die sektoralen Salden, um die es hier geht, im Nachhinein bestimmten Bedingungen genügen müssen. Betrachtet man die ganze Welt, ist immer richtig, dass sich diese Salden, wie wir in den ersten Beiträgen diskutiert haben, zu Null aufaddieren, weil in der geschlossenen Wirtschaft der Welt niemand über seine Verhältnisse leben kann (also mehr ausgibt als er einnimmt), wenn nicht ein andere unter seinen Verhältnissen lebt (also weniger ausgibt als er einnimmt).

 Welche Anpassungsvorgänge zu diesen Salden führen, sagt uns die makroökonomische Buchhaltung (um nichts anderes geht es in der Finanzierungsrechnung) nicht. Um zu erklären, wie es zu den Salden bzw. zu den Verschiebungen der Salden gekommen ist, braucht man ökonomische Theorie. Das gleiche gilt für den Zusammenhang von Sparen und Investieren insgesamt.

 Zu sagen, Sparen und Investieren sei gleich, ist richtig in dem Sinne, dass man im Nachhinein immer feststellen wird, dass die Teile des Einkommens, die nicht konsumiert wurden, investiert wurden. Das ist so, weil es einfach nur diese beiden Kategorien von Ausgaben für die Welt als Ganzes gibt. Was dabei passiert ist, wie also die Sparpläne im Ablauf der Zeit mit den Investitionsplänen in Übereinstimmung gelangt sind und wie sich dabei das Einkommen insgesamt verändert hat, sagt der saldentechnische Zusammenhang in keiner Weise.

 Um das für Europa wichtigste Beispiel zu nehmen: Die Bewegung des deutschen Außenhandelssaldos von einer leichten Überschussposition Ende der neunziger Jahre zu einer massiven Überschussposition in den letzten 15 Jahren kann man nicht mit den Bewegungen der Salden gegeneinander erklären, wie das viele Neoklassiker und vorneweg Hans-Werner Sinn tun. Zu sagen, die deutschen Ersparnisse seien ins Ausland geflossen, weil man im Vergleich der Salden sieht, dass der Kapitalexport in dieser Zeit zugenommen hat, ist keine Erklärung im eigentlichen Sinne, es ist lediglich die Verbalisierung der Identität, die sich aus der reinen Saldenbetrachtung ergibt, also eine Beschreibung der Vorgänge, keine Begründung.

 Um den Vorgang wirklich zu verstehen, muss man sich anschauen, wie und wo sich Veränderungen ergeben haben, die nicht per Definition bereits in den Salden enthalten sind, aber Einfluss auf sie genommen haben (könnten). Haben sich zum Beispiel Preis- oder Zinsverhältnisse fundamental verändert, so dass Konsum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und der Unternehmen davon berührt waren? Wer also das Anschwellen des deutschen Kapitalexports wirklich erklären will, muss nach Faktoren suchen, die das verursacht haben können, und den Wirkungszusammenhang erläutern. Vor allem kann es nicht um wohlfeile Behauptungen gehen wie etwa die, in Deutschland lohne sich das Investieren eben nicht und daher fließe Anlage suchendes Kapital ins Ausland, wenn man das „Sich-nicht-Lohnen“ nicht an konkreten Fakten festmachen kann. Hat der Exodus des Kapitals zugenommen, müssten sich auch die Bedingungen, die für den Exodus verantwortlich sind, verschärft haben.

 In Deutschland im Verhältnis zu seinen Nachbarn beobachtet man eine starke Veränderung bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Lohnmoderation in Deutschland (politisch gewollt und auch angestoßen) hat zu einer realen Abwertung geführt und das, so schon die allereinfachste Markttheorie, könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben, deren Preise relativ günstiger geworden sind. Und in Deutschland wurden weniger Produkte der anderen gekauft, weil die relativ teurer geworden sind. Man beobachtet also einerseits die Veränderung der Preisrelationen nach einem exogenen Anstoß (hier der Lohnabschlüsse) und die Veränderung von Warensalden, die in diesem Fall dazu passt.

 Bleibt nur noch die Frage, wie das finanziert wurde, wie also die Kapitalströme zu den Güterströmen passend „gemacht“ wurden. In einer Währungsunion ist das aber keine Schwierigkeit, weil alle grenzüberschreitenden Transaktionen genauso leicht finanziert werden können wie rein nationale Transaktionen. Wenn ein französischer Bürger ein deutsches Auto kaufen will, geht er zu seiner Bank, nimmt einen Eurokredit auf und kauft das Auto bei einem Händler der deutschen Marke in Frankreich. Der bezahlt den Wagen der deutschen Firma mit den Euros, die er von seinem Kunden bekommen hat. Machen das sehr viele Franzosen, müssen die französischen Banken, die die Kredite vergeben, vielleicht irgendwann einen Kredit bei deutschen Bank aufnehmen, zu denen die Mittel geflossen sind…

Nun versuchen wir den Fall im neoklassischen Sinne umzudrehen, wir unterstellen also, deutsche Anleger wollten ihre Ersparnisse aus irgendeinem Grund nach Frankreich exportieren, ohne dass sich die Preisverhältnisse zuvor geändert hätten. Zunächst ist die Frage, warum sie das mit dem Beginn der Währungsunion vermehrt hätten tun wollen. Denn an den Zinsverhältnissen, die für Spar- bzw. Anlageentscheidungen relevant sein könnten, hat sich mit dem Beginn der Währungsunion nichts an der relativen Attraktivität Frankreichs geändert. Im Gegenteil, der französische Zins ist noch näher an den deutschen herangerückt, so dass die beiden für einige Jahre fast vollständig gleich waren. Hier fehlt also schon der Ausgangsimpuls, der dafür hätte sorgen können, dass sich die Kapitalströme umdrehen und Frankreich in eine Verschuldungsposition gerät.

 Aber auch die realwirtschaftliche Seite passt in diesem Fall überhaupt nicht. Denn selbst wenn die Kapitalströme der Ausgangspunkt gewesen sein sollten und die Güterströme ihnen gefolgt wären, wie hätte das gehen sollen? Der französische Bürger kauft ja nicht deswegen mehr deutsche Autos, weil seine Bank ihm anbietet, sie mit deutschen Ersparnissen zu finanzieren. Und der deutsche Bürger verzichtet – ohne Relativpreisänderung – schon gar nicht auf den Kauf von französischem Rotwein zugunsten deutschen Weins oder, weil er nicht mehr genügend Einkommen für den französischen Wein hat; denn warum sollte er sich aus heiterem Himmel (also ohne exogenen Anlass bei Warenpreisen oder Zinsen) dazu entschließen, die gleiche Menge an Ersparnissen wie zuvor zu bilden, sie aber nicht mehr zu Hause anzulegen, statt dessen aber in Frankreich, wenn das – zumindest für alle Konsumenten zusammen genommen – technisch gesehen nur dann klappt, wenn sie gleichzeitig ihren Konsum an französischen Waren reduzieren?

Die Güterströme mit den Kapitalströmen erklären zu wollen, funktioniert einfach nicht: Die Geschichte wird nie plausibel. Es ist erstaunlich, dass der Großteil der deutschen Ökonomen diese von Hans-Werner Sinn aufgestellte These teilt. Freilich hat er sie auf den Fall Spanien bezogen. Dort gab es einen Hauspreisboom, der scheinbar eine gute Erklärung dafür bot, warum Deutsche ihre Ersparnisse ins Ausland transferieren wollten. Aber eine gute Erklärung ist auch das nicht, weil die Frage unbeantwortet bleibt, wie die güterwirtschaftliche Seite dazu passt: Warum kauften Spanier von dem Geld, das deutsche Anleger in den spanischen Wohnungsbau (also etwa in die Löhne spanischer Maurer) steckten, zunehmend mehr ausländische als spanische Güter? Denn ausweislich des Handelsdefizits war es so. Außerdem sollte eine stichhaltige Erklärung nicht nur Einzelfälle (wie Spanien) erfassen, sondern möglichst viele Fälle (wie Frankreich, Portugal, Griechenland etc.) abdecken, wo es eine solche gravierende Verschiebung der Salden eben auch gegeben hat.“

Gerade den Fall Frankreich, das haben Paul Steinhardt und ich in unserer Auseinandersetzung mit Professor Sinn klargestellt (hier), muss man behandeln, wenn man ernsthaft etwas erklären will. Hier aber bricht die Argumentation von Heine und Sablowski vollständig in sich zusammen. Sie stellen allen Ernstes fest, dass sich die deutsche und die französische Handelsbilanz massiv auseinanderentwickeln (S. 582), sagen aber nicht, warum Frankreich zurückgefallen ist und gerade nicht in der Lage war – genau wie Deutschland – „globale Märkte zu erobern“. Und das, obwohl die gesamte Portfolio-Kapital-Argumentation vorher so tut, als seien Deutschland und Frankreich gleichartig als Kapitalexporteure zu behandeln. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum Frankreich zurückgefallen ist: Es hat gegenüber Deutschland real aufgewertet! Und das war nichts anderes als die unmittelbare Folge des deutschen Lohndumpings.

Mehr als erstaunlich ist dann aber wieder, dass die Autoren am Schluss ihres Artikels schreiben (S. 585): „Währungsabwertungen, wie sie für weniger konkurrenzfähige Länder charakteristisch sind, scheiden in der Eurozone als Anpassungsmechanismus an veränderte Weltmarktbedingungen aus, so dass der Anpassungsdruck auf Löhnen und Arbeitsbedingungen lastet“. Was ist denn charakteristisch? Notwendig sind sie, sonst nichts! Und wenn solche Abwertungen heute notwendig sind, dann war die deutsche reale Abwertung der Grund dafür, daran besteht nach so einer Aussage überhaupt kein Zweifel. Die anderen sind wegen des deutschen Lohndumpings unter Anpassungsdruck geraten. Jetzt muss man nur noch sagen, wer sich mit den Löhnen anpassen soll: Deutschland nach oben oder die anderen nach unten. Wer das weiß, der hat es geschafft. Na dann, willkommen in der schönen klaren Welt eines scheuklappenlosen Keynesianismus.

 

 

 

 

 

 

 

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