Warum man gerade für die Arbeiterklasse „klassische“ (keynesianische) Ökonomik betreiben muss

Die Diskussion um Löhne und Produktivität, wie wir sie hier führen, wird von vielen auf der linken Seite des politischen Spektrums von vorneherein abgelehnt, weil sie dort als „Gleichgewichtsökonomie“ eines Systems verstanden wird, das man grundsätzlich nicht für geeignet hält, die gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Manche glauben gar, die Diskussion solcher Fragen habe höchstens „pädagogischen Wert“, sage aber nichts über die konkreten Möglichkeiten gewerkschaftlicher Arbeit aus. Folglich lehnt man es ab, sich mit den Zusammenhängen „in diesem falschen System“ und mit den Grenzen, die scheinbar „von dem System“ für die Erhöhung der Löhne gesetzt werden, auseinanderzusetzen.

Das ist eine extrem ignorante Vorgehensweise, die der Arbeiterklasse nicht nur nicht hilft, sondern unmittelbar schadet. Man verweigert sich dabei nämlich auch dem Verständnis von Zusammenhängen, die ohne Zweifel in jedem wirtschaftlichen System gelten. Man schiebt das falsche System vor und lässt die Werktätigen allein mit der Lösung eines komplexen Problems. Dann schreibt man über Wolkenkuckucksheime und tut so, als seien es nur die ignoranten klassischen (was in dem Fall die keynesianischen mit einbezieht oder sogar besonders meint) Ökonomen, die mit ihrer Systemkonformität verhindern, dass sich die Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen verbessern.

Nehmen wir die Produktivität. In keinem System hatte – übrigens auch in der Kommunikation der Regierenden mit dem Volk – die Produktivität für die Werktätigen eine so überragende Bedeutung wie im real existierenden Sozialismus. Alles war auf die Steigerung der Produktivität ausgerichtet und jeder Erfolg dabei wurde frenetisch gefeiert.

Was heißt das? Das heißt ganz einfach, dass es kein wirtschaftliches System (außer den Wolkenkuckucksheimen) gibt, wo die Möglichkeiten des Volkes, seinen Lebensstandard zu erhöhen, nicht durch die Zunahme der Produktivität begrenzt ist. Selbst wenn man annimmt, dass die Verteilung immer zugunsten von Arbeit ausfällt und Kapital nur so weit bedient wird, dass es überhaupt reproduzierbar ist (was zur Steigerung der Produktivität sicher nicht ausreicht), ist die Möglichkeit der Arbeitnehmer, ihren Wohlstand aus der erwirtschafteten Produktivität heraus zu erhöhen, doch immer noch klar begrenzt. Folglich muss es auch in einem solchen System Regeln dafür geben, wie stark die Löhne steigen, will man nicht in Inflation enden will bzw. in der Form der unterdrückten Inflation, wie sie für die DDR und die übrigen Staaten des ehemaligen Ostblocks typisch war.

Jeder verantwortungsvolle Ökonom, der etwas für die Arbeitnehmer tun will, muss sich zudem offensiv mit den Vorstellungen der ganz anderen, der Neoklassiker nämlich, befassen, weil die das geistige Rüstzeug bieten für die Kapitalseite. Das mit Erfolg zu tun, ist auch nicht so schwer, wenn man bereit ist, zentrale Elemente des gesamtwirtschaftlichen Denkens zu Hilfe zu nehmen, die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt worden sind. Wer das als „keynesianisch“ ablehnt, findet allerdings überhaupt keine Zugang mehr zur relevanten heutigen Diskussion. Das mag man sich ja wünschen, weil es in den Wolkenkuckucksheimen doch am schönsten ist. Man sollte dann nur nicht vorgeben, man wolle etwas für die Arbeiterklasse tun.

Für alle, die sich mit den Zusammenhänge wirklich auseinandersetzen wollen, beiliegend ein Link zu einem kleinen Beitrag von mir aus dem Jahre 2000 (eine massive und immanente Kritik an den lohnpolitischen Vorstellungen des Sachverständigenrats aus dem Wirtschaftsdienst). Das ist sicher klassische keynesianische Ökonomie und leider auch nicht ganz so leicht zu verstehen wie das, was wir sonst hier schreiben, aber für den, der sich in diese Themen vertiefen will, lohnt es vermutlich. Für Gewerkschaftsberater und all diejenigen, die sich ernsthaft an der Debatte beteiligen wollen, sollte es unabdingbar sein.

http://www.flassbeck-economics.de/app/uploads/2016/02/SVRFlassbeckWiDienst.pdf

 

 

 

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