Archiv flassbeck-economics | 04.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

Warum sich die Leistungsbilanz in einigen europäischen Defizitländern verbessert hat – und warum das wenig aussagt

Immer wieder fragen Leser, ob es denn kein gutes Zeichen für Europa sei, dass sich die Leistungsbilanzsalden in einigen Ländern umgedreht haben, also von Defizit zu Überschuss geworden sind, wie das etwa für Italien gilt. Tatsächlich wird dieses Argument auch in den Medien (z. B. hat in der Financial Times Martin Sandbu daraus am 9. 12. 2015 eine große Geschichte gemacht; nur im Abonnement) und in der Politik verwendet, wo man darauf verweist, wie weit die Anpassung doch inzwischen gegangen sei.

Wir haben dazu schon mehrfach Stellung genommen, z. B. hier. Wir haben aber auch im vergangenen Sommer (hier) schon gesagt, dass der deutsche Handels- und Dienstleistungsüberschuss gegenüber dem Euroraum schrumpft, dass daraus aber keine Entwarnung abzuleiten ist. Heute will ich am Beispiel von vier Ländern empirisch zeigen, in welcher Weise die Importe auf die Wachstumsveränderungen reagieren.

In unserem Bericht vom Juli hieß es:

„Insgesamt zeigt sich allerdings, dass es einen deutlichen Rückgang des Überschusses Deutschlands mit dem Euroraum gibt, der mit der lang anhaltenden Rezession im Euroraum zusammenfällt. Die deutschen Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt entwickeln sich hingegen vollständig anders. Zunächst leidet auch der Rest der Welt unter der Krise von 2008 und 2009 – die deutschen Exportüberschüsse von Waren und Dienstleistungen dorthin nehmen 2009 gegenüber 2007 ebenfalls ab, wenn auch viel weniger gravierend (nämlich nur um 6 Mrd. Euro) als die in die EWU im selben Zeitraum (40 Mrd. Euro).

Aber anschließend sinken die Überschüsse mit dem Euroraum weiter, während die deutschen Überschüsse mit der ganzen Welt steigen (vgl. die blauen Kurven in den Abbildungen). D.h. die Netto-Nachfrage nach deutschen Gütern aus dem Rest der Welt (ohne Euroraum) kompensiert die rückläufige Nettonachfrage aus den EWU-Partnerländern nicht nur, sie wächst noch erheblich stärker, als es die blaue Kurve in Abbildung 2 und 3 veranschaulichen, die ja für die deutschen Überschüsse mit der gesamten Welt, also unter Einschluss des Euroraums, stehen.

Abbildung 3

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Das zeigt deutlich, dass sich die Länder außerhalb des Euroraums von der Finanzkrise, die sie ähnlich getroffen hat wie den Euroraum, rasch erholt haben, sonst wäre deren Importnachfrage nicht so beeindruckend und für Deutschland vorteilhaft gestiegen. Der Euroraum hingegen hat seit 2011 eine Konjunkturkrise zusätzlich zu den Folgen der Finanzkrise zu verzeichnen, die er sich selbst eingebrockt hat: Er hat sich bis heute nicht wirklich von der großen Rezession 2008/2009 erholt hat, weil mit Austeritätspolitik und Lohnkürzungen jeder Ansatz einer Erholung zunichte gemacht wurde.

Insofern besagt der Rückgang der Überschüsse Deutschlands mit dem Euroraum, ganz gleich, ob er bis Null geht oder darüber bleibt, eben nicht, dass sich die Handelszustände innerhalb der EWU wirklich normalisiert haben. Erst wenn Euroland wieder normal wachsen würde und kein erneuter Anstieg der deutschen Überschüsse zu beobachten wäre, könnte man davon reden, dass sich „strukturell“ etwas zum Besseren geändert hat. Dann müssten wir aber auch eine „strukturelle“ Änderung bei den Lohnstückkostenverhältnissen innerhalb der EWU beobachten – also konkret eine klare Annäherung des deutschen Lohnstückkostenniveaus an das der beiden großen EWU-Partner Frankreich und Italien. Ja, man müsste sogar eine zeitweilige Umkehr der Niveauverhältnisse erreichen, wenn die im Ausland verschuldeten EWU-Partner beginnen sollen, ihre Auslandsschulden zurückzuzahlen. Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Solange nicht einmal ein Niveauausgleich in Sicht ist, braucht man nicht auf eine wirkliche Wende bei den Güterströmen zu hoffen.“

Ich will heute zeigen, dass die obige Behauptung, die Handelsbilanz hinge sehr stark von der konjunkturellen Entwicklung ab, auch empirisch belegt werden kann. Wir betrachten den Verlauf des BIP und der Importe in vier Ländern, die im Laufe der ersten Jahre der EWU klar in eine Defizitposition bei der Leistungsbilanz gerutscht sind: Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland. Abbildung 1 zeigt diese Entwicklung.

Abbildung 1

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Die großen Bewegungen in der Leistungsbilanz finden dort statt, wo auch die größten Einbrüche in der Wirtschaftstätigkeit zu verzeichnen waren, in Spanien und in Griechenland. Italien, wo seit einigen Jahren Rezession herrscht, wo es aber keinen großen Einbruch gab, liegt in der Mitte und in Frankreich ist fast nichts passiert, dort ist auch die Wirtschaft am wenigsten eingebrochen.

Zwei dieser vier Länder (Spanien und Griechenland) haben große Anstrengungen im neoklassischen Sinn unternommen, also „Strukturreformen“ durchgeführt, was konkret in erster Linie hieß, sie haben Druck auf die Löhne gemacht, wie wir schon oft gezeigt haben. In den beiden anderen Ländern ist in dieser Hinsicht eher wenig passiert.

Betrachtet man zunächst Frankreich sieht man einen extrem engen Zusammenhang zwischen der Bewegung des BIP und der Bewegung der Importe (wir haben das aus Gründen der Illustration auf zwei Skalen dargestellt). Sowohl beim Rückgang 2009 als auch bei der schwachen Aufwärtsbewegung verhalten sich die Importe vollkommen synchron.

Abbildung 2

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Auch in Italien gibt es einen engen Zusammenhang. Im Zuge der lang anhaltenden Rezession sind auch die Importe absolut gesunken und, eben anders als in Frankreich, nach 2011 erneut, weil das Land wieder in eine Rezession geriet.

Abbildung 3

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Noch einmal anders in Spanien und in Griechenland. Dort gab es im Zuge der „Reformen“ einen extrem tiefen Einbruch des BIP, dem auch ein gewaltiger Einbruch der Importe folgte (Abbildungen 4 und 5).

Abbildung 4

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Abbildung 5

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Daraus folgt, dass der relativ starke Anstieg der Leistungsbilanzsalden in der Reihenfolge Italien, Spanien, Griechenland genau der Reihenfolge beim Einbruch der Wirtschaftstätigkeit entspricht. Für die Frage, ob die Anpassungsprogramme gewirkt haben, bietet offenbar der Leistungsbilanzsaldo kein Indiz.

Dieses Ergebnis ist genau in Übereinstimmung mit der Logik, die uns sagt, dass solche Salden sich dadurch verändern, dass es entweder zu Mengenanpassungen kommt oder zu Preisanpassungen, etwas Drittes gibt es nicht. Es gibt, so nannte man das früher (als es noch denkende Ökonomen gab!), von der Nachfrageseite her expenditure reduction, also geringere Nachfrage, ausgelöst durch geringeres Einkommen oder es gibt expenditure switching, also verändertes Nachfrageverhalten, ausgelöst durch Preisänderungen. Mengenanpassungen kommen in den BIP Veränderungen zum Ausdruck, denen die Importe passiv folgen. Preisanpassungen werden in der Regel durch Lohnanpassungen ausgelöst oder, in Systemen änderbarer Währungsverhältnisse, durch Änderungen der Wechselkurse (genauer reale Ab- und Aufwertungen).

So einfach ist das und doch so schwer. Wer wirklich etwas zum Positiven ändern will für die Defizitländer, kann natürlich nicht auf Mengenanpassungen bauen, sondern muss auf Preisänderungen setzen. Ein BIP, das am Boden liegt und dort bleibt, kann ja nicht das Ziel der Politik sein. Soll das BIP aber steigen und der Leistungsbilanzüberschuss sich nicht sofort wieder in ein Defizit verwandeln, ist expenditure switching unumgänglich. Und das, um es ganz klar zu sagen, ist richtig, ganz gleich, was kleine Ökonömchen an sogenannten Preiselastizitäten von Importen und Exporten in großen Berechnungen herausfinden.

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