Archiv flassbeck-economics | 16.02.2016 (editiert am 25.05.2016)

Westliche Vorbehalte zu chinesischen Firmenkäufen

In den letzten Wochen sorgen chinesische Firmenkäufe im Westen regelmäßig für Schlagzeilen. Dazu gehört etwa die Übernahme des Hafens von Piräus durch Cosco, der Kauf von Legendary Entertainment („Jurassic World“) durch Dalian Wanda oder die Akquisition der Hausgerätesparte von General Electric durch Haier.

Auch deutsche Unternehmen sind von dieser Entwicklung betroffen: In Jahr 2016 wurde bereits der in Europa führende Kunststoffmaschinenbaukonzern KraussMaffei durch den chinesischen Staatskonzern China National Chemical Corporation (ChemChina) übernommen sowie der niedersächsische Abfallverbrennungskonzerns EEW durch Beijing Enterprises.

Die Akquisitionen sind Teil des Umbaus der chinesischen Wirtschaft, weg von der billigen Massenproduktion, hin zu Industrien mit einer höheren Wertschöpfung und Wissensintensität. Durch diese Transaktionen kann vermutlich auch ein Teil des aktuell massiven Kapitalabflusses aus China erklärt werden, es wird über 110 Milliarden Dollar alleine im Januar 2016 berichtet.

Eine besonders große Transaktion wäre die Übernahme des Schweizer Agrounternehmens Syngenta (Pestizide, Saatgut), ebenfalls durch ChemChina. Der Staatskonzern hat den Syngenta-Aktionären ein Angebot gemacht, dass mit 43 Milliarden Dollar deutlich über dem Börsenwert des Unternehmens liegt und der Syngenta-Verwaltungsrat hat den Aktionären empfohlen, das Angebot anzunehmen.

Während die chinesischen Akquisitionen zunächst mit großer Gelassenheit hingenommen wurden, mehren sich in jüngster Zeit die Sorgen. So fragt die NZZ: „Wollen wir sie reinlassen?“ und referiert eine Reihe von Vorbehalten gegen den Deal, die vor allem darauf beruhen, dass ChemChina ein Staatsunternehmen ist und nun eine „gewinnträchtige private Firma verstaatlicht wird“, was unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten von der NZZ klar abgelehnt wird. So würde das Unternehmen in Zukunft weniger transparent sein und – besonders verwerflich – nicht mehr auf die Erhöhung des Shareholder Values ausgerichtet. Zudem drohen Konflikte mit den USA, da Syngenta in den USA eine Reihe von Forschungslabors und Produktionsstätten unterhält, die „unter chinesischer Kontrolle möglicherweise höchst suspekt“ erscheinen.

Der Deal muss daher nun unter anderem die Hürde des „Committee on Foreign Investments in the United States (CFIUS)“ nehmen, von der NZZ amüsanter weise (und recht treffend) charakterisiert als „obskures Gremium, dessen Entscheidungen ähnlich undurchschaubar und schwer vorauszusagen sein dürften wie jene der künftigen Syngenta-Schaltzentrale in Peking“. Der chinesische und der amerikanische Kapitalismus haben in Bezug auf das Bedürfnis nach nationaler Kontrolle offenbar mehr gemein als üblicherweise vermutet.

Die Vermutung, dass hinter chinesischen Unternehmen der Staat steht, ist nicht unbegründet, selbst in weniger offensichtlichen Fällen als beim Staatskonzern ChemChina (nähere Informationen hier). Trotzdem sind die von der NZZ erhobenen Bedenken eine typische Ausgeburt der westlichen Scheinheiligkeit gegenüber den aufstrebenden Unternehmen aus den großen Schwellenländern. Fairerweise räumt die NZZ immerhin ein, dass auch die Schweiz noch bis Mitte der achtziger Jahre im Rahmen des „Alpenfestungs“-Regimes durch Kreuzbeteiligungen und vinkulierten Aktien dafür gesorgt hatte, dass „der Einfluss ausländischer Investoren auf die Schweizer Firmen minimal blieb“. Erst danach setzte sich die laut NZZ „bewährte liberale und offene Wirtschaftsordnung“ durch.

In einer breiteren Perspektive ist die enge Zusammenarbeit zwischen Staat und nationalem Kapital schon immer Teil wirtschaftlicher Aufholvorgänge gewesen. Nur die Form ist historisch unterschiedlich: während beim Aufstieg der USA und Deutschlands im späten 19. Jahrhundert vor allem der Schutz junger Unternehmen durch Zollschranken im Vordergrund stand, dominierte bei der zweiten Welle des Staatskapitalismus in der Mitte des 20. Jahrhundert eine zentral koordinierte Modernisierung der Wirtschaft, typisch verkörpert durch das japanische Planungsministerium MITI. Die dritte Welle des Staatskapitalismus, nun vor allem von China, aber auch Indien und Brasilien ausgehend, zeichnet sich insbesondere durch eine Vielzahl von staatlicher Fördermaßnahmen für die in diesen Ländern entstehenden multinationaler Unternehmen aus (nähere Informationen hier).

Westliche Restriktionen gegenüber diesen Unternehmen, etwa in Form des amerikanischen CFIUS oder auch der analogen Genehmigungsverfahren in Deutschland, wie sie 2009 auf Betreiben des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch eingeführt wurden, sind aus dieser Perspektive hochgradig unfair und ein Musterbeispiel an wirtschaftspolitischer Scheinheiligkeit. Sie fügen sich aber ein in die neoliberale Strategie des „kicking away the ladder” (Ha-Joon Chang), bei der den aufstrebenden Schwellenländern nun unter Anrufung der „Ordnungspolitik“ vom Westen genau jene Strategien untersagt werden, die den letzteren erst groß gemacht haben.

Ironischerweise hält übrigens auch der deutsche Staat noch immer sehr gewinnträchtige Unternehmen, insbesondere die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die die private Konkurrenz von Deutscher Bank und Commerzbank in Bezug auf ihre Profite auch im letzten Jahr deutlich abhängte (hier ein Bericht dazu aus der FAZ).

Anmelden