Rohstoffpreise: Die Leitmedien entdecken die Hedgefonds

Wenn man, wie ich das seit Jahren tue, die Entwicklung der Rohstoffpreise intensiv mit Blick auf mögliche Einflüsse der Finanzmärkte verfolgt, wundert einen nichts mehr. Bis vor wenigen Tagen fielen die Preise so, als ob es kein Morgen gäbe. Jetzt steigen sie wieder, als wäre der größte Konjunkturboom aller Zeiten ausgebrochen.

Das einzige, worüber man sich noch wundert, sind die deutschen (aber auch einige internationale) Medien, die bis vor ein paar Tagen geschrieben haben, dass die globalen Läger für Öl überquellen und die Produzenten produzieren, was das Zeug hält. Und nun? Stimmt das alles seit vergangenen Donnerstag um 13.59 Uhr nicht mehr? Ist sozusagen über Nacht die weltweite Nachfrage angesprungen und hat die Öllager ruckzuck geleert? Und genau das gleiche gilt für Stahl und für Kupfer und noch einige Rohstoffe mehr und alles exakt zur gleichen Zeit?

Offensichtlich ist das alles Unsinn. Wenn sie dann wenigstens aber einmal sagen würden, dass sie ihren Lesern jahrelang Unsinn erzählt haben. Nehmen wir die Süddeutsche Zeitung. Die schreibt jetzt klammheimlich (hier), dass Hedgefonds ihre Hände im Spiel haben könnten bei der schnellen Preiswende. Oder das Handelsblatt, das ist die Zeitung, die fast jeden Tag mit ungeheurer Phantasie beschreibt, was an den Märkten los ist, wenn man Finanztransaktionen ignoriert, die entdeckt auf einmal, dass es solche doch geben könnte (hier).

Wie kann das sein, wo doch die Medien einschließlich dieser beiden Zeitungen in den letzten Monaten fast täglich zu beschreiben versuchten, wie das große Ölangebot auf der Welt auf die Preise drückt?

Vor einiger Zeit (nachdem sich die Deutsche Bank aus einigen Aktivitäten zurückgezogen hat) hat die Süddeutsche Zeitung ein Streitgespräch mit mir und Ingo Pies gebracht, dem Wirtschaftsethiker und unheimlichen Verteidiger der Marktwirtschaft (hier). Man lese einmal nach, wie die Argumente sich im Lichte der heutigen Erfahrungen anhören. Dazu noch ein weiterer Beitrag (hier).

Aber ich wette, all das wird niemanden daran hindern, insbesondere nicht aufrechte Kämpfer für die Marktideologie wie den Herrn Pies, bei der nächsten Gelegenheit wieder davon zu reden, dass es gar keinen Einfluss der Finanztransaktionen auf den Marktpreis geben kann, weil die guten Spekulanten (so wie es gerade der Schweizer Bundesrat seinem Volk vor einer Abstimmung zu Nahrungsmittelspekulation verkauft hat, hier) ja nur dem Bauern helfen, seine Ernte gut und sicher in die Scheune zu bringen.

Man sieht, all darf man dem Leser zumuten, aber niemals darf man ihm direkt etwas sagen, was ihn den Glauben an die weisen Märkte verlieren lässt. In Zeiten der größten Not wie jetzt, kann man einmal alibihaft zugeben, dass „ganz kurzfristig“ auch andere Kräfte am Werk sein könnten, aber sicher wird morgen um 18.23 Uhr der Markt schon wieder zur Normalität zurück finden und einen Gleichgewichtspreis ausweisen, der dann wieder einmal beweist, wie überlegen doch der Markt gegenüber allen anderen Institutionen ist. Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

 

 

 

 

 

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