Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 8

Heute soll es darum gehen, wie man angesichts des im vorherigen Teil beschriebenen Mechanismus der Markträumung dafür sorgen kann, dass global weniger fossile Brennstoffe verbraucht werden. Wie wichtig diese Frage ist, zeigt sich schon daran, dass in der Diskussion, die ich vor einer Woche mit der Bundesumweltministerin hatte, vollkommen unklar geblieben ist, ob es für die Einsparung von Öl zum Beispiel besser ist, wenn der Ölpreis hoch oder wenn er möglichst niedrig ist. Das klingt wie eine Frage, die von Kindern im Kindergarten gestellt wird, aber so einfach ist es gar nicht. Es ist aber in der Tat die entscheidende Frage, um die es geht, weil nur dann, wenn man wirksame Instrumente hat, man auch global gesetzte Ziele erreichen kann. Die Zielsetzung allein, wie sie etwa im Pariser Vertrag niedergelegt worden ist, hilft nicht viel weiter.

Über die Frage, wie sich Preise von nicht-erneuerbaren Ressourcen im Zeitablauf entwickeln könnten, sind viele Überlegungen angestellt worden, ohne dass es praktisch verwendbare Ergebnisse gäbe. So ist zum Beispiel die am meisten diskutierte Regel, die sogenannte Hotelling-Regel, nach der die Produzenten mit einer kontinuierlichen Preisentwicklung rechnen und sich unter anderem am Zins für alternative Anlagen orientieren (hier eine Einführung dazu bei Wikipedia), für die Wirklichkeit total unbrauchbar, weil die Produzenten von ganz anderen Motiven geleitet werden als dort unterstellt und vor allem, weil praktisch in jeder Hinsicht hohe Unsicherheit besteht und all die Variablen, die man kennen müsste, um rational zu handeln, nicht bekannt sind.

Die Unsicherheit geht schon bei der Frage los, über wie viele Ressourcen der jeweilige Produzent noch verfügt, das heißt beim Öl zum Beispiel, wie viel davon noch in der Erde lagert. Selbst hier kommt es nämlich zu unvorhersehbarem technischem Fortschritt, der die verfügbaren Ressourcen dramatisch erhöhen kann. Man muss nur an das Beispiel Fracking denken, oder die Möglichkeit vertikal zu bohren, die vielen Ölländern Lagerstätten erschlossen hat, die vorher unerreichbar waren. Angesichts dieser Unsicherheit ist die Neigung, sehr viel zu produzieren und die Ressourcen nicht zu schonen, schon sehr hoch. Hinzu kommt, dass die meisten Rohstoffproduzenten davon ausgehen, dass sie die heutigen und erwartbaren Erträge so intelligent einsetzen, dass sie dann, wenn einst die Quellen versiegen, über eine diversifizierte Wirtschaft verfügen, die nicht mehr von Rohstofferträgen abhängig ist.

Aber auch ganz kurzfristige Erwägungen spielen selbstverständlich eine Rolle. Ist eine Volkswirtschaft sehr weitgehend von Rohstofferlösen abhängig, muss sie in der Regel auf Preisrückgänge mit einer Steigerung der Produktion reagieren, selbst wenn zu erwarten ist, dass dadurch der Preisrückgang noch einmal verstärkt wird. Vollkommen unberechenbar wird das Geschäft mit Rohstoffen, wenn es starke Finanzialisierung gibt, also starken Einfluss der Finanzmärkte auf die Rohstoffpreise. Gerade jetzt kann man das wieder beobachten (siehe hier), aber es ist ein allgemeines Phänomen der vergangenen 15 Jahre (siehe unsere Beiträge hier).

Diese wenigen Faktoren deuten das Dilemma schon an, vor dem die Welt sozusagen steht. Einerseits ist es keine Frage, dass man nur durch hohe Preise die Verbraucher dazu bringt, sparsam mit den Rohstoffen umzugehen, andererseits ist auch klar, dass hohe Preise einen permanenten Anreiz bieten, mehr von den Rohstoffen, deren Nutzung man im Fall der fossilen Energieträger vermindern will, zu fördern. Was tun?

Nun, zunächst geht kein Weg daran vorbei, zur Kenntnis zu nehmen, dass es eine Lösung über den Markt oder die Märkte nicht gibt. Auf der Konsumenten- oder Nachfrageseite wird als Lösung die Carbon Tax angesehen, also eine Besteuerung aller fossilen Energieträger auf den wichtigsten Märkten der Nachfrager. Es ist von vorneherein klar, dass eine solche Steuer nicht das gewünschte Ergebnis erbringen kann, wenn sich nicht alle wichtigen Nachfrager darauf einigen. Das aber bedeutet heute, dass sich Länder in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien auf die gleiche Vorgehensweise einigen müssten. Schon das ist äußerst unwahrscheinlich.

Die Dinge sind aber leider noch wesentlich komplizierter. Denn was passiert auf der Seite der Anbieter? Alles spricht dafür, dass die Rohstoffproduzenten, wenn man sie alleine lässt, alles, was sie bekommen können, auch aus ihrer Erde herausholen und das auch dann aus den oben genannten Gründen, wenn der Preis hoch ist. Dann ist aber jede Steuer, die von den nachfragenden Ländern erhoben wird, um den Preis hoch zu halten und die Nachfrage zu verringern, ein direkter Angriff auf die „Rente“ der Produzenten, also den Teil des Ertrages, den sie dadurch bekommen, dass die Preise höher als ihre Förderkosten sind. Wird der Preis für die Kunden hoch gehalten, ohne mengenmäßige Beschränkungen des Angebots einzuführen, wird der am Markt zu erzielende Preis umso mehr sinken, umso erfolgreicher die Nachfrageländer mit der Zurückdrängung der Nachfrage sind, denn die geförderte Menge wird am Ende doch abgesetzt. Die Nachfrageländer müssen dann dauernd die Steuer erhöhen, um ein Absinken des Preises zu verhindern, was die Rente der Produzenten immer weiter abschmilzt und womöglich wütende Versuche dort auslöst, mit noch größerer Produktion die Erträge hoch zu halten.

Der einzige gangbare Weg, den man sich vorstellen könnte, um Ressourcen zu schonen, wäre eine globale Vereinbarung, die darauf hinausläuft, dass die Nachfrageländer alles tun, um die Preise stabil und hoch zu halten. Das müssen natürlich alle Produzenten mitmachen, es darf also keine Konkurrenzsituation wie beim Fracking von Seiten der Nachfrageländer geschaffen werden. Das heißt, niemand darf in Reaktion auf die günstige Preissituation mit einer Ausweitung der Produktion reagieren, sondern alle müssen sich verpflichten, immer nur so viel fossile Rohstoffe aus der Erde holen wie es mit den Klimazielen in Übereinstimmung steht. Das bedeutet eine vollständige Aufhebung der heutigen Marktkonstellationen und natürlich die strikte Verhinderung des Einflusses jeder Art von Spekulation auf Rohstoffpreise.

Ist das realistisch? Die Antwort ist klar nein, so lange jedenfalls, wie keine gewaltigen Katastrophen passieren, die eindeutig auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Was man von den Politikern aber verlangen muss, ist, dass sie sich mit dieser Thematik intensiv auseinandersetzen und nicht vollkommen unbegründeten Optimismus nach dem Motto verbreiten: Wenn wir uns auf Ziele geeinigt haben, ist schon alles gut. Nichts ist gut und Optimismus hilft überhaupt nicht weiter, sondern schadet, weil er konkrete Versuche, die Dinge doch noch in den Griff zu bekommen, von vorneherein verhindert.

Im nächsten Teil werde ich mich noch einmal, auf Anregung und mit Hilfe eines Lesers mit der Frage auseinandersetzen, ob die deutsche Energiewende wirklich ein durchgreifender Erfolg war.

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