Archiv | 18.03.2016 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 9

Ich hatte im letzten Teil angekündigt, mich noch einmal etwas intensiver mit der deutschen Energiewende zu beschäftigen und die Frage zu beantworten, ob die nicht zeige, dass alles gut werden kann, wenn man nur global die Preise für Energie entsprechend anpasst, also Öl, Gas und Kohle teurer macht und/oder die erneuerbaren Energien billiger macht.

Ich hatte zu Beginn dieser Serie von einem Klimawunder in Deutschland gesprochen, das die Energiewende, also vor allem das Erneuerbare Energiegesetz (EEG), das Anfang des Jahrhunderts in Kraft trat, in Deutschland bewirkt hatte. Das ist in Bezug auf die Wirkung des Preiseffektes für sich genommen auch weiterhin richtig. Einige Leser haben, und das sicher zu Recht, jedoch kritisiert, das ich nicht die Gesamtwirkung dieser Wende gewürdigt habe, weil dann das Bild anders aussähe. Ein Leser, Reinhard Lange, (danke dafür!) hat mir umfangreiches Material und Argumentationen zur Verfügung gestellt, anhand dessen er mich bat, meine Aussage noch einmal zu überprüfen. Das will ich heute tun.

In der Tat ist, darauf hatte ich mich mit meiner Bemerkung bezogen, der Anteil der Erneuerbaren Energieträger an der gesamten Stromerzeugung rasant gestiegen. Von 6,7 Prozent im Jahre 2000 ist er bis 2014 auf 27 Prozent gestiegen und wird für Mitte 2015 auf 33 Prozent geschätzt. Das ist, gemessen an dem Tempo, mit dem solche Prozesse üblicherweise ablaufen, eine wirklich sehr schnelle Wende.

Entscheidend für die Beurteilung eines Preiseffektes, wie er mit der Energiewende eingetreten ist (die Erzeugung erneuerbare Energien wird seitdem vom Staat durch die Einspeisevergütungen hoch subventioniert), ist allerdings die Frage, ob sich der Ausstoß von CO2 pro Kilowattstunde bei der Stromerzeugung im Gefolge der Preisveränderung spürbar verringert hat. Darüber gibt die beiliegende Tabelle, die ich vom Umweltbundesamt übernommen habe, Aufschluss (hier).

Wachstum9

Der sogenannte CO2-Emmissionsfaktor Strominlandsverbrauch (die lindgrüne Spalte) ist von 638 Gramm pro Kilowattstunde im Jahr 2000 auf 609 im Jahr 2014 gefallen. Angesichts erheblicher Schwankungen von Jahr zu Jahr und der Unsicherheit bezüglich der letzten Ergebnisse ist das in der Tat weit weniger beeindruckend als der bloße Anteil der Erzeugung von Strom mit erneuerbaren Energien. Geht man von durchschnittlich 650 in den Jahren um die Jahrtausendwende aus und nimmt 600 als Wert für die Zeit etwa zehn bis fünfzehn Jahre danach, dann ist das eine Reduktion der CO2 Emissionen pro Einheit Strom von etwas weniger als zehn Prozent.

Der gesamte Stromverbrauch ist in dieser Zeit (wenn man die Zahlen wieder etwas glättet) um etwa zehn Prozent gestiegen (gelbe Spalte). Das Gesamtergebnis dieser beiden Effekte findet sich dann in der lila und in der roten Spalte, nämlich die gesamten Kohlendioxidemissionen der Stromerzeugung (ohne oder unter Berücksichtigung des Handelssaldos). Das ist dann allerdings sehr ernüchternd, denn ob mit oder ohne Handelssaldo (der Strom, der exportiert wird, wird nicht in die inländische Emission eingerechnet) und unter Berücksichtigung der Schwankungen von Jahr zu Jahr, ist der Rückgang seit dem Jahr 2000 sehr bescheiden.

Bedenken muss man dabei, darauf weist Reinhard Lange explizit hin, dass: „Stromproduktion und Inlandsverbrauch von 1990 bis zum Inkrafttreten des EEG nahezu identisch sind; Stromimport und –Export sind in dieser Zeit nahezu ausgeglichen. Das ändert sich ab dem Jahre 2000. Ab da gibt es einen wachsenden Exportüberschuss. Dieser Überschuss ist bei der derzeitigen Konstruktion des deutschen Strommarktes systembedingt. Wind- und Sonnenstrom werden tageszeit- und wetterabhängig produziert und vorrangig eingespeist. Konventionelle Kraftwerke müssen den fluktuierenden Wind- und Sonnenstrom ausgleichen, sind aber sehr träge und können nur bis zu einem bestimmten Grade herabgeregelt werden. Das führt, will man Blackouts vermeiden, zwangsläufig zu mit der installierten Kapazität an Wind- und Solarkraftwerken steigenden Exportüberschüssen. Technisch gilt hier übrigens das Gleiche wie bei anderen Exportüberschüssen: nicht alle Länder können gleichzeitig Überschüsse erzielen. Stromspeicher könnten eine Lösung sein. Aber die gibt es nicht im benötigten Maßstab. Mit unseren Stromexporten drängen wir übrigens aktuell im Ausland zuerst die modernen – aber relativ teuer produzierenden – Gaskraftwerke aus dem Markt.“

Er folgert daraus, und das ist sicher schwer zu bestreiten: „Man kann dank der garantierten Einspeisevergütung für 20 Jahre Biogasanlagen oder Windparks projektieren und bauen und mit guten Profiten betreiben, aber konventionelle Kraftwerke, die für die Stabilität des Strommarktes unverzichtbar sind, rechnen sich nicht mehr. Deshalb geht der Staat jetzt dazu über, diese Kraftwerke auf Kosten der Stromkunden zwangsweise zu betreiben. Sie müssen z.B. auch am Laufen gehalten werden, selbst wenn bei schwacher Stromnachfrage Wind- und Sonnenstrom die deutsche Last allein decken könnten.“

Was heißt das nun für eine Politik, die Klimawandel verhindern will? Zunächst muss man sehen, dass wir hier nur über den Strommarkt sprechen, wo wirklich etwas erreicht wurde, wenn auch wenig. Daran gemessen kann man übrigens die staatlichen Subventionen, die auf 200 Milliarden Euro geschätzt werden, tatsächlich für einen sehr hohen Preis halten.

In allen übrigen Bereichen ist viel weniger umstrukturiert worden. Obwohl die Entwicklung der Ölpreise in der Zeit seit der Jahrhundertwende eine solche Umstrukturierung stark begünstigte und die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland sehr schwach war, sind die gesamten Emissionen von Kohlendioxid kaum gesunken. Deutschland wird seine selbst gesetzten Ziele nicht erreichen. Wobei man immer hinzufügen muss, dass die Rechnung ab 1990 schon die erste große Sünde war, denn Deutschland, das sich in den internationalen Verhandlungen stark für dieses Jahr als Ausgangsjahr eingesetzt hatte, hat allein durch das Herunterfahren der Industrie der ehemaligen DDR schon eine erhebliche Reduktion geschafft.

Das heißt natürlich, dass ein Industrieland wie Deutschland noch sehr viel mehr tun müsste, um eine wirkliche Wende zu erreichen, also eine merkliche absolute Reduktion der Emissionen, die mit den international vereinbarten Zielen kompatibel ist. Es müsste eben nicht nur einzelne Bereiche wie die Stromerzeugung angehen, sondern es der gesamten Wirtschaft zur obersten Aufgabe machen, den Verbrauch fossiler Energie systematisch und dauerhaft zu reduzieren. Machen wir uns nichts vor: Ohne eine massive und erwartbar dauerhafte Verteuerung fossiler Energie ist es unmöglich, alle Wirtschaftssubjekte gleichzeitig in diese Richtung zu bewegen. Doch auch dann ist das, wie im letzten Teil erläutert, nur erfolgreich, wenn alle Länder der Welt einschließlich der Produzenten von fossiler Energie das gleiche Ziel mit gleicher Intensität verfolgen.

Mehr noch: Wer auf diesem Wege versucht, den globalen Strukturwandel hin zu erneuerbaren Energien zu zwingen, muss bereit sein, global und national für einen sozialen Ausgleich der Wirkung der Preisänderungen zu sorgen, wie ich es in einem früheren Teil dieser Serie ausführlich erläutert habe. Das geht nicht mit Alibiaktionen wie den berühmten 100 Milliarden Dollar, die man den Entwicklungsländern pauschal ab 2020 zur Verfügung stellen will. Erstens sind die nämlich noch lange nicht bezahlt und in internationalen Vereinbarungen ist schon viel „Geld geflossen“, das hinterher niemand gesehen hat. Zweitens und wichtiger: Sozialer Ausgleich in einer Dimension wie sie bei einer globalen Energiewende wirksam und notwendig wäre, ist bei vielen der derzeitigen Regierungen der westlichen Welt ein absolutes Tabu – allerdings eines, das sie sich wegen ihre wirtschaftspolitischen Ideologie selbst auferlegt haben.

Nimmt man alles zusammen, ist das Ergebnis einfach, aber ernüchternd: Der Vertrag von Paris steht auf dem Papier und genau da wird er bleiben. Die Welt ist aus vielen Gründen unfähig, das zu tun, was sie sich selbst zum Ziel gesetzt hat. Unsere Regierungen werden weiterhin etwas Optimismus verbreiten, aber nicht wirklich zu den Mitteln greifen, die man bräuchte, um eine Wende herbeizuführen. Wenn es zu spät ist, werden sie auf andere verweisen und sagen, die haben es ja auch nicht geschafft.

Lesen sie im nächsten Teil, was im wirtschaftlichen Bereich notwendig wäre, um andere Länder davon zu überzeugen, mehr für Umweltschutz und gegen den Klimawandel zu tun.

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