Wozu brauchen Banken Kundeneinlagen?

Wir erhalten immer wieder Fragen zu den Kundeneinlagen der Banken (Sichteinlagen auf Girokonten, Spareinlagen etc.). Wenn die Banken doch – wie von uns immer wieder behauptet – keine reinen Finanzintermediäre seien, die bei der Kreditvergabe Bankeinlagen weiterreichten, sondern vielmehr Geld „aus dem Nichts“ schaffen könnten, warum sind sie dann überhaupt an Einlagen interessiert? Ist da nicht die übliche Vorstellung viel plausibler, dass Banken die Ersparnisse privater Haushalte oder Unternehmen einsammeln und als Kredite an andere Unternehmen oder Haushalte vergeben, die in einem bestimmten Zeitraum mehr ausgeben wollen, als sie einnehmen?

Wie funktionieren Banken?

Intuitiv mag die herkömmliche Vorstellung der Bankentätigkeit einleuchtender sein, allerdings nur auf den ersten Blick. Denn letztendlich wäre – wenn sie denn stimmte – die Kreditvergabe der Banken von der Bereitschaft des Publikums abhängig, ihnen Ersparnisse bereitzustellen. Je mehr in einer Volkswirtschaft gespart, d.h. Geld auf den Bankkonten belassen würde, desto mehr Kredite könnten die Banken gewähren, z.B. an Unternehmen zur Finanzierung von Investitionen. Die Sache hat nur einen Haken: Das Sparen erhöht nämlich nicht aus sich heraus die Bankeinlagen bzw. die (in dieser Sichtweise) den Banken für die Kreditvergabe zur Verfügung stehenden Geldmittel. Denn wenn sich z.B. die privaten Haushalte insgesamt dazu entschließen, mehr Geld auf Bankkonten zu sparen, gehen diese Einlagen zulasten von Einlagen, die andernfalls an Unternehmen zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen gegangen wären (vgl. auch McLeay et al. 2014, S. 15). Sparen erhöht also keineswegs automatisch die Depositen bei den Banken.

Zudem müsste es – wenn die Vorstellung von Banken als bloßen Finanzintermediären richtig wäre – zumindest gelegentlich zu Engpässen bei den Ersparnissen kommen, d.h. die Banken wären dem Risiko ausgesetzt, dass ihnen die eingesammelten Ersparnisse knapp würden (Binswanger 2015, S. 22). Wer aber hätte jemals davon gehört, dass eine Bank ihrem Kunden einen Kredit mit den Worten verweigert hat: „Es tut uns sehr leid, aber wir können Ihnen gegenwärtig keinen Kredit geben, obwohl wir Sie für uneingeschränkt kreditwürdig halten, denn uns sind im Moment die Ersparnisse ausgegangen. Bitte gedulden Sie sich noch einige Zeit, bis wieder Ersparnisse bei uns eingegangen sind.“

Aber warum sind die Banken dann so interessiert daran, dass bei ihnen (und nicht bei der Konkurrenz) Konten eröffnet werden, obwohl doch die Gelder auf den Konten für die Kreditvergabe gar nicht vorab erforderlich sind? Warum gerät eine Bank in Schwierigkeiten, wenn die Kunden mit ihr unzufrieden sind oder ihr nicht mehr trauen und deshalb in großem Umfang Konten bei ihr auflösen und das Geld auf Konten anderer Banken übertragen?

Beginnen wir mit dem letzten Punkt: Nehmen wir an, viele Kunden überweisen aus Unzufriedenheit oder Misstrauen gleichzeitig das Geld von ihren Konten bei einer Bank A auf die Konten anderer Banken, während umgekehrt nur noch relativ wenig Geld von den anderen Banken an die Bank A überwiesen wird. Was ist die Folge? Bank A muss die Differenz ausgleichen und braucht dazu Zentralbankgeld (= Einlagen bei der Zentralbank und Bargeld), da Banken nicht das Giralgeld anderer Banken als Zahlungsmittel akzeptieren. Das heißt, Bank A muss Reserven (Einlageguthaben) von ihrem Konto bei der Zentralbank an die anderen Banken überweisen (der Zahlungsausgleich der Banken läuft über die Konten bei der Zentralbank).[1]

Der Verlust an Kundeneinlagen führt bei Bank A mithin zu einem zusätzlichen Bedarf an Reserven, die sich die Bank von der Zentralbank oder aber von anderen Banken besorgen kann, wofür sie aber (unter normalen Umständen!) in jedem Fall einen Zins zu zahlen hat, was einen negativen Effekt auf die Profitabilität des Bankengeschäfts ausübt. Bank A hat also ein berechtigtes Interesse daran, Kontenauflösungen und Geldtransfers ihrer Kunden zu anderen Banken einzudämmen, auch wenn sie dieses Geld nicht an Investoren und andere Kreditnehmer ausleihen kann.

Darüber hinaus hat sie – und jede andere Bank – auch deshalb allen Grund, einem Reservenabfluss entgegenzuwirken, weil Geschäftsbanken Reserven nicht nur für den Zahlungsausgleich untereinander benötigen, sondern auch, um ihre Mindestreservepflicht erfüllen (d.h. ein festgelegtes Mindestguthaben auf ihrem Zentralbankkonto halten) zu können, um den Bedarf an Bargeld zu befriedigen (ihre Guthaben bei der Zentralbank lassen sich jederzeit in Form von Bargeld abfordern) und um Zahlungen an die Zentralbank und den Staat leisten zu können.[2]

Dies beantwortet auch die Frage, warum die einzelnen Banken an möglichst vielen Kundenkonten interessiert sind, auf die möglichst viel Giralgeld von den Kunden anderer Banken überwiesen wird. Denn mit dem netto zufließenden Giralgeld erhält eine Bank sozusagen „gratis“ zusätzliche Reserven (Binswanger 2015, S. 38f). Und je höher die Zahl der Konten bzw. Kunden einer Bank ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Überweisungen bankintern (d.h. vom Konto des Kunden A bei der Bank X auf das Konto des Kunden B bei der gleichen Bank X) vorgenommen werden können, also keine Reserven benötigt werden.[3]

Eine Zunahme der Kundeneinlagen bzw. eine wachsende Zahl von Kundenkonten hat also zwei positive Effekte auf die Reserveposition einer Geschäftsbank: Erstens fließen der Bank zusammen mit den Überweisungen von anderen Banken – oder genauer: mit einem Netto-Zustrom an Giralgeld von diesen Banken – „Gratisreserven“ zu; zweitens sinkt tendenziell der Bedarf der Bank an Reserven. Zudem kann die Geschäftsbank profitieren, indem sie das Girokonto der Kunden (als „Einstiegsprodukt“) dazu nutzt, die Bankkunden für andere Dienstleistungsprodukte zu gewinnen (sog. „Cross-Selling“) und langfristig an das Kreditinstitut zu binden.

Nun ließe sich gegen diese Argumentation einwenden, dass sie zwar für Sichteinlagen bei Geschäftsbanken, die überwiegend gar nicht oder nur gering verzinst werden, plausibel erscheint, aber nicht zu erklären vermag, warum die Banken Spar- und Termineinlagen einwerben, also z.B. die Bankkunden dazu motivieren, ihre Sichteinlagen in Spareinlagen umzuwandeln, wenn sie doch den Kunden einen Zins auf deren Spareinlagen zahlen müssen. Jedoch bedeutet eine Sichteinlage einen jederzeit abrufbaren Anspruch der Bankkunden auf Barabhebungen und die uneingeschränkte Möglichkeit, Depositen zu anderen Banken zu verlagern, was beides für sich genommen einen Verlust an Zentralbankgeld beinhaltet. Zudem sind Sichtguthaben in den verschiedenen Ländern in der Regel mindestreservepflichtig, während Spar- oder Terminguthaben weniger oder gar nicht von Mindestreserveanforderungen betroffen sind (so beträgt etwa gegenwärtig im Euroraum der Reservesatz für Einlagen mit vereinbarter Laufzeit von über zwei Jahren und solche mit vereinbarter Kündigungsfrist von über zwei Jahren null Prozent). Aus diesen Gründen bieten die Geschäftsbanken ihren Kunden verzinste Spar- und Termineinlagen an, die gleichsam „eingefrorene“ Sichteinlagen darstellen, auf die die Bankkunden nicht mehr uneingeschränkt zugreifen können. Zu beachten ist, dass die Zinszahlungen der Banken hier einfach durch eine Umbuchung von Haben- und Sollzinsen erfolgen: Die betreffende Bank bucht dabei ihr zustehende Zinsen von den Konten ihrer Kreditnehmer ab und einen Teil davon den Spar- und Terminkonten anderer Kunden (= den Konten der Zinsempfänger) zu. Sie benötigt hierfür also kein Zentralbankgeld. Anders sieht es aus, wenn die Bank sich Reserven bei anderen Geschäftsbanken oder bei der Zentralbank ausleiht.[4] Hier muss die Zinszahlung mit Zentralbankgeld geleistet werden, das die Geschäftsbanken nicht selbst schaffen können.

Sparen und Investieren

Aber – so werden jetzt manche fragen – widerspricht unsere Behauptung, dass Banken nicht vorab Ersparnisse für ihre Kreditgewährung z.B. an Unternehmen (zur Finanzierung von Investitionen in Realkapital) benötigen, nicht fundamental der in vielen Ökonomie-Lehrbüchern vertretenen Ansicht, dass einem Investitions- und Wachstumsprozess das Sparen vorangehen muss, dass also das Sparen Voraussetzung für das Investieren ist? So heißt es beispielsweise in dem bekannten Makroökonomie-Lehrbuch von Kampmann/Walter (2013, S. 31): „Die Nettoinvestitionen der Unternehmen, korrigiert um den Außenbeitrag und den Budgetsaldo des Staates müssen der Ersparnis der privaten Haushalte entsprechen. Die privaten Ersparnisse dienen also der Finanzierung der Investitionen der Unternehmen. Darüber hinaus müssen sie eventuelle Budgetdefizite des Staates finanzieren.“

In der Tat halten wir die Vorstellung, dass mehr Sparen mehr Investitionen zur Folge hat, für grundfalsch. Es ist vielmehr genau umgekehrt, wie wir schon öfter erklärt haben (vgl. z.B. hier): Mehr Investitionen führen zu mehr Ersparnissen. Dies lässt sich vergleichsweise einfach anhand der privaten Investitionen zeigen: Es ist nämlich gesamtwirtschaftlich schlicht unmöglich, einen Teil des bisherigen Einkommens nicht zu konsumieren und stattdessen zu sparen, um damit einen Kapitalstock aufzubauen. Denn ein solches vorheriges „Ansparen“ der privaten Haushalte auf breiter Front wäre unmittelbar mit einer Reduzierung des privaten Konsums, damit einem Nachfrageausfall, fallenden Einnahmen der Unternehmen, einer sinkenden Kapazitätsauslastung und schließlich mit einer einbrechenden Konjunktur verbunden, die den Unternehmen jeden Anreiz nähme, Investitionen vorzunehmen.

Dies ist keine ganz neue Erkenntnis. Der US-amerikanische Ökonom Hyman Minsky wies bereits zu Beginn der 1960er Jahre in aller Klarheit darauf hin, dass, wenn das Einkommen wachsen soll, die Finanzmärkte eine fortwährend steigende gesamtwirtschaftliche Nachfrage erzeugen müssen. Er fuhr fort: „Damit die reale Gesamtnachfrage steigen kann […], ist es erforderlich, dass die gegenwärtig geplanten Ausgaben, summiert über alle Wirtschaftssektoren, größer sind als die gegenwärtig erhaltenen Einnahmen und dass ein Marktmechanismus (market technique) existiert, der es ermöglicht, dass die Gesamtausgaben, die über die gesamten erwarteten Einnahmen hinausgehen, finanziert werden können“ (Minsky 1963, S. 104; Übersetzung G.G.).

Dieser von Minsky genannte Marktmechanismus, der Ausgaben über die gegenwärtigen Einnahmen hinaus erlaubt, ist der Geldschöpfungsprozess der Banken. Nur die Banken sind in der Lage, zusätzliche Investitionen via Kreditgeldschöpfung, d.h. durch Kredite „aus dem Nichts“ (statt über vorherige Ersparnisse), zu finanzieren. Bankkredite ermöglichen Investitionen, die den Kapitalstock vergrößern und gleichzeitig die gegenwärtigen Einkommen erhöhen; diese mit den Investitionsprozessen einhergehende Einkommensbildung führt dann wiederum zu Ersparnissen (da das Sparen von der Höhe des Volkseinkommens abhängt). Kurz gesagt: Investitionen schaffen Ersparnis und nicht etwa umgekehrt, wie von der Neoklassik behauptet.

Dies hatte bereits John Maynard Keynes erkannt, der allerdings hinsichtlich der Kreditvergabe der Banken offenbar zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Theorien vertrat (vgl. Werner 2014). Keynes schrieb 1939 im „Economic Journal“:

„Beispielsweise könnte er (= der Leser, Anm. G.G.) verständlicherweise annehmen […], dass der richtige Weg, einen Anstieg der Investitionen vorzubereiten, darin besteht, zu einem passenden vorherigen Zeitpunkt mehr zu sparen. Aber die logische Konsequenz zeigt, dass dies unmöglich ist. Die Ersparnis zu einem früheren Zeitpunkt kann nicht größer sein als die Investitionen zu diesem Zeitpunkt. Gestiegene Investitionen werden immer von gestiegener Ersparnis begleitet sein, aber diese kann ihnen niemals vorangehen“ (Keynes 1939, S. 572; Übersetzung G.G.).

Man kann dies auch so formulieren, dass es keinen Ansparprozess im Vorfeld der Investitionen geben kann, sondern dass sich erst ex post (in einer geschlossenen Volkswirtschaft) rechnerisch eine Gleichheit von Ersparnis und Investitionen ergibt. Erst im Verlauf resp. im Gefolge eines erfolgreichen Investitionsprozesses, der zu einer Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens führt, wird quasi automatisch mehr gespart (vgl. auch Flassbeck/Spiecker 2007, S. 209ff).

Literatur:

Binswanger, M. (2015): Geld aus dem Nichts – Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen, Weinheim

Flassbeck, H./Spiecker, F. (2007): Das Ende der Massenarbeitslosigkeit – Mit richtiger Wirtschaftspolitik die Zukunft gewinnen, Frankfurt

Kampmann, R./Walter, J. (2013): Makroökonomie – Wachstum, Beschäftigung, Außenwirtschaft, München, 1. Nachdruck

Keynes, J.M. (1939): The Process of Capital Formation, in: The Economic Journal, Vol. 49, S. 569-574

McLeay, M./Radia, A./Thomas, R. (2014): Money creation in the modern economy, in: Quarterly Bulletin 2014 Q1, S.14-27; letzter Zugriff: 04.03.20162

Minsky, H. (1963): Can „It“ Happen Again?, in: Carson, D. (ed.), Banking and Monetary Studies, Homewood, Illinois, S. 101-111

Werner, R.A. (2014): Can banks individually create money out of nothing? – The theories and the empirical evidence, in: International Review of Financial Analysis 36, S. 1-19; letzter Zugriff: 04.03.2016

[1] Unter „Reserven“ sind die Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank plus der Bargeldbestand der Geschäftsbanken zu verstehen. Addiert man hierzu noch das in der Wirtschaft umlaufende Bargeld, erhält man das „Zentralbankgeld“ (auch als „Geldbasis“ oder Geldmengenaggregat „M0“ bezeichnet).

[2] Letzteres wird beispielsweise erforderlich, wenn ein Bankkunde Steuern an den Staat zahlt. In diesem Fall verringern sich in der Bilanz seiner Bank auf der Passivseite die Kundeneinlagen um die gezahlte Geldsumme und auf der Aktivseite sinken in gleicher Höhe die Reserven der Bank, da ein entsprechender Betrag an Reserven an den Staat transferiert wird.

[3] Im (theoretischen) Extremfall, in dem es einer Bank gelänge, sämtliche Bankkonten eines Landes auf sich zu vereinen, brauchte diese Bank keine Reserven zum Zweck des Zahlungsausgleichs mehr.

[4] Zentralbankgeld wird von den Zentralbanken großenteils über befristete Geschäfte mit kurzer Laufzeit bereitgestellt. Bei den sog. Wertpapierpensionsgeschäften, zu denen die meisten Zentralbanken übergegangen sind, kauft die Zentralbank bestimmte Wertpapiere von den Geschäftsbanken und vereinbart gleichzeitig, dass die Banken diese Wertpapiere nach einer festgelegten Zeitperiode zu einem festgesetzten Preis wieder zurückkaufen. Die Geschäftsbanken erhalten auf diese Weise kurzfristig (für einen Tag oder ein bis mehrere Wochen, zumeist aber deutlich unter einem Monat) zusätzliche Reserven. Ein solcher Repo (Repurchase Agreement, Rückkaufvereinbarung) lässt sich auch als ein gesicherter Kredit auffassen, bei dem die Zentralbank einer Geschäftsbank Reserven gegen Wertpapiere als Sicherheit ausleiht. Der Zinssatz (Wertpapierpensionssatz), den die Zentralbank für diese Art von Geschäft verlangt, errechnet sich dabei aus der Differenz zwischen dem Kauf- und dem Verkaufspreis der Wertpapiere.

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