Archiv flassbeck-economics | 23.03.2016 (editiert am 25.05.2016)

Zur europäischen Konjunktur am Jahresanfang – Teil 2

Bei der Bauproduktion in der EWU hat es den im ersten Teil schon erwähnten Schub nach oben gegeben (Abbildung 1). Auch hier ist nicht klar, inwieweit die milde Witterung in Frankreich und Deutschland diesen Schub erklärt. Für Deutschland ist es relativ offensichtlich, dass die steigenden Auftragseingänge im Baugewerbe und insbesondere im Ausbaugewerbe mit der Zurverfügungstellung von Wohnraum für Flüchtlinge zu tun hat.

Abbildung 1

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In Südeuropa, wo Zahlen für Januar nur für Portugal vorliegen, gibt es auch am Bau keine Belebung. Italien und Portugal sind sogar weiter auf einer abschüssigen Linie. In Spanien ist mit der Stagnation in der Bauwirtschaft der Traum von einem raschen und kräftigen Aufschwung wohl ausgeträumt. Was allerdings die offizielle Statistik daraus macht, wird man sehen.

Abbildung 2

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Eine eindeutige Aufwärtsentwicklung gibt es in den beiden großen Ländern wieder im Einzelhandel (Abbildung 3). In Frankreich ist der kurze Knick in der Entwicklung überwunden und in Deutschland ging es Ende des Jahres wieder ein Stück aufwärts, nachdem vorher im Verlauf des Jahres keine Dynamik zu erkennen war. Das ist in beiden Ländern in Übereinstimmung mit den Zuwächsen der Reallöhne, die sich aufgrund der leichten Deflation ergeben. Dazu am Ende mehr.

Abbildung 3

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Auch hier ist Südeuropa (Abbildung 4) weiterhin auf der Stagnationsseite. Insbesondere der Fall Griechenland zeigt, wie man ein Land systematisch in einer katastrophalen Lage hält. Über sechs Monate nach Beginn der nächsten Stufe der „Reformen“ ist absolut nichts passiert. Dass man diesem Land auch noch die Hauptlast bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme zuweist, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

Abbildung 4

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Die Arbeitslosigkeit in der EWU insgesamt liegt immer noch deutlich über zehn Prozent, wobei die großen Länder Frankreich und Italien ebenfalls auf diesem Niveau verbleiben (Abbildung 5). Das ist Ausweis eines eklatanten Versagens der Wirtschaftspolitik, denn in Sachen Arbeitsmarkt betreiben diese Länder „Flexibilisierung“ nach deutschem Vorbild, aber ohne dass in irgendeiner Weise helfen würde.

Abbildung 5

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Irland ist außer Deutschland das einzige Land (und einzige Krisenland), wo die Arbeitslosigkeit klar und im Zusammenhang mit einem wirtschaftlichen Aufschwung sinkt (Abbildung 6). In Zypern, dessen wirtschaftliche Wende gerade überall beschworen wird, ist von seinem Krisenniveau noch nicht einen Deut heruntergekommen.

Abbildung 6

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Auch die Preisentwicklung bleibt im roten Bereich (Abbildungen 7 und 8). Sowohl auf der Erzeuger- wie auf der Verbraucherstufe verharren die Preisbewegungen weit unter dem Niveau, das eine normale stabile Entwicklung signalisieren würde.

Abbildung 7

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Abbildung 8

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Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Wie wir gerade für Japan gezeigt haben (hier), ist und bleibt es ein schwer zu erklärendes Phänomen, dass über Jahrzehnte hinweg die Löhne in einem Land nicht steigen, das Land gleichzeitig Deflation hat und man nicht viel anderes tut, als die Deflation mit Geldpolitik zu bekämpfen. Jeder vernünftige Mensch müsste sagen, ja, warum ist es nicht möglich, dass sich die Tarifpartner (unter Vermittlung oder auf Druck der Regierung) zusammensetzen und von nun an zwei Prozent mehr nominale Lohnsteigerung aushandeln, um, bei etwa unveränderten Reallohnzuwächsen, die Preissteigerungsrate zu erhöhen. Das ist wirklich win-win, es schadet niemandem, beendet die Deflation und erlaubt die Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik.

Doch das ist nicht möglich, vermutlich, weil sich die Unternehmen dagegen sträuben, die Löhne stärker zu erhöhen. Womöglich verweisen sie dabei auf den möglichen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, wenn ihre Lohnerhöhungen nicht durch Abwertungen der eigenen Währung ausgeglichen werden können. Da es dazu international keine Regeln gibt, wurstelt jeder weiter vor sich hin und bekämpft, wie im Falle Japans, die Deflation seit über 25 Jahren mit den falschen Instrumenten.

Besonders toll ist das aber in einem Fall wie Europa oder Deutschland, wo die ursprüngliche Lohnzurückhaltung von Seiten des Staates gefördert oder gar durchgesetzt wurde. In einem solchen Fall ist es vollkommen absurd zu argumentieren, nun könne der Staat nicht mehr agieren, um die Verhältnisse umzukehren. Oder will man damit sagen, dass der Staat immer nur in eine Richtung arbeiten kann, und zwar immer nur in die Richtung, die den Unternehmer vermeintlich nützt. Wenn das so ist, und die ganze Debatte über Ungleichheit zeigt, dass das so ist, weil dort die Unternehmen vollkommen ausgenommen sind, dann ist die Demokratie endgültig zur Plutokratie geworden.

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