Archiv flassbeck-economics | 06.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

257 000 000 000 Euro

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2015 mit der Welt, mit Europa und der Eurozone ist ein Skandal, der keiner sein darf – Teil 1.

Die deutschen Medien sind doch immer ganz ehrlich und offen. Sie berichten einfach über alles, was wissenswert ist, sie informieren den Bürger unvoreingenommen und haben natürlich auch immer wieder versucht, wie es die Wahrheitskommission des Spiegel nennt, dem Bürger, komplexe Zusammenhänge so zu erklären, dass die Welt ein klein wenig besser wird.

Wunderbar! Nur manchmal, aber ganz ganz selten, nur wenn es gar nicht anders geht, nur wenn das Vaterland auf dem Spiel steht, dann, ja dann, könnte auch ein deutsches Medium oder sogar alle Medien auf einmal etwas verschweigen. Aber sicher haben die Herren und Damen Journalisten dann hart mit sich gerungen, bevor sie entschieden haben, man müsse den Leser nicht mit allen unangenehmen Dingen auf der Welt traktieren.

So ein Ding sind sicher die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. Unangenehm ist das, weil sich immerhin die halbe Welt darüber aufregt, weil man einfach keine gute Verteidigungslinie findet und das Ding einfach nicht von alleine weggehen will, sondern auch noch beständig wächst. Also Schwamm drüber, Augen, Ohren und Mund zu und durch.

So hat die deutsche Presse doch gerade versäumt zu melden, dass die endgültigen Werte für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr erschienen sind und einen neuen phantastischen Rekord markierten. Es gab ja auch so viel andere interessante Sachen, also keine Absicht, reiner Zufall. Das einzige, was ich gefunden habe, war ein Artikel in der WELT, dieser gerade siebzigjährigen Qualitätszeitung, in der eine Bankvolkswirtin den deutschen Überschuss – was sonst – verteidigen durfte.

Zweihundertsiebenundfünfzig Milliarden Euro, das ist eine schöne Zahl, so hoch war der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr. Das ist bei einem BIP von 3000 Milliarden genau die Marke von 8,5 Prozent des BIP, die von den Prognostikern für das Jahr erwartet worden war. Wie schön, Soll erfüllt! Wo sind die Jubelarien, wo sind die Böllerschüsse?

Dass es auch anders geht, haben die deutschen Medien bei der Verteidigung der Überschüsse schon öfter gezeigt. Da wurde jeder Strohhalm ergriffen und argumentativ ausgeschlachtet (wie wir hier gezeigt haben). Vor allem das Argument, gegenüber den Ländern in der Europäischen Währungsunion sei der deutsche Überschuss in den letzten Jahren gefallen, wurde durch alle Medien gereicht und an allen Stammtischen gefeiert (ich habe die Erklärung dafür vor kurzem hier gegeben).

Nun ist leider auch das vorbei. Auch mit Europa insgesamt und sogar mit dem immer noch maroden Euroland ist der deutsche Überschuss wieder deutlich gestiegen (Abbildung 1).

Abbildung 1

Überschuss1

Der deutsche Überschuss, der schon 2014 wieder leicht aufwärtsgerichtet war, ist im vergangenen Jahr um zweiundzwanzig Milliarden Euro größer geworden (die blaue Kurve). Und das, obwohl große Teile von Euroland in der Rezession waren und die gesamte Region nahezu stagnierte. Gegenüber der Europäischen Union insgesamt hat der Überschuss sogar um mehr als 30 Milliarden zugenommen (die rote Kurve) .

Um es klar und in aller Deutlichkeit zu sagen: Das bedeutet, dass Deutschland wiederum einen Teil seiner Arbeitslosigkeit exportiert hat, genau genommen Arbeitslosigkeit in eine Region exportiert hat, in der die Arbeitslosigkeit wesentlich höher, ja, zum großen Teil mehr als doppelt so hoch war wie in Deutschland. Gestiegen sind die Überschüsse unter anderem mit Frankreich und Italien (Abbildung 2).

Abbildung 2

Überschuss2

Genau das war aus unserer Sicht zu erwarten, weil die Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit, die durch das deutsche Lohndumping entstanden war, immer noch besteht und ihre Wirkung sichtbar entfaltet, sobald der negative Einkommenseffekt (also die Wirkung der Rezession in den Importländern auf den dortigen Import aus Deutschland) nicht mehr so stark durchschlägt, weil die Wirtschaft in diesen Ländern nicht mehr schrumpft, sondern „nur stagniert“. Das heißt, und dieser wunderbare deutsche Saldo im Jahr 2015 ist der klare Beweis dafür, dass die Eurokrise genau so virulent ist wie sie es in den letzten zehn Jahren war.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie diese Entwicklung im Lichte der sogenannten Sinn-Hypothese zu beurteilen ist, also der im politischen Spektrum von rechts bis links weit verbreiteten Vorstellung, es sei das von Deutschland ins Ausland geflossene Kapital, das den Leistungsbilanzüberschuss nach sich zieht. Die einfache Frage, die sich jetzt stellt, ist, warum 2015 schon wieder so viel mehr Kapital ins europäische Ausland geflossen ist? Waren die Zinsen dort wieder höher als in Deutschland? Gab es irgendwo einen Bauboom? Komischerweise versuchen weder Herr Sinn noch seine geistigen Kollegen aus dem linken Lager diese Fragen zu beantworten. Wir wollen ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen.

 

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