Archiv flassbeck-economics | 14.04.2016 (editiert am 26.05.2016)

Ist die Zahl auf der Ölrechnung ist beim Kunden eine andere als beim Lieferanten?

Wenn Sie Heizöl kaufen, nehmen wir an 2000 Liter zu 0,70 Euro den Liter, also 1400 Euro ausgeben, um Ihren Tank voll zu bekommen, dann bekommt offenbar Ihr Öl-Lieferant genau diese 1400 Euro. Sinkt der Preis auf 0,50 Euro pro Liter, sinkt die Ölrechnung um 400 Euro sowohl beim Kunden als auch beim Lieferanten. Der Kunde hat nun 400 Euro mehr in der Tasche, die er für andere Dinge ausgeben kann, der Lieferant hat 400 Euro weniger, er wird folglich für 400 Euro andere Güter weniger kaufen, wenn er sein Sparverhalten nicht gleichzeitig ändert.

In der Weltwirtschaft ist das laut NZZ anders. Dort wird nämlich „Üblicherweise … davon ausgegangen, dass fallende Ölpreise die Weltwirtschaft stimulieren. Den Konsumenten in den Verbraucherländern steht mehr Geld zur Verfügung. Ein Rückgang der Erdölnotiz kann dabei mit einer Steuersenkung verglichen werden. Dieser Effekt überwiegt in der Regel den Rückgang der Investitionstätigkeit und des Konsums in den Produzentenländern, deren Gewicht in der Weltwirtschaft relativ gering ist.“

Weil das Gewicht der Ölförderländer in der Weltwirtschaft gering ist, das ist das, was man aus dieser Aussage folgern muss, bekommen sie auch nicht die ganzen Erträge aus der Ölförderung. Wer aber sonst? Das, was der Kunde zahlt, muss ja irgendwo ankommen – wenn wir mal annehmen, dass die ölfördernden Firmen immer etwa das Gleiche bekommen, ganz gleich wie hoch der Preis ist.

Die NZZ relativiert diesen offensichtlichen Unfug durch neuen Unfug. Sie schreibt: „Die Petro-Staaten verfügen zudem häufig über Geldpolster, mit denen Durststrecken überstanden werden können.“ Aber auch das dürfte die NZZ nicht schreiben, wenn sie ihre eigene Überzeugung verstehen würde. Denn wenn jemand eine hohe Sparquote hat (was heute übrigens für die ölfördernden Staaten nicht mehr pauschal stimmt) und diese senkt, wenn seine Einnahmen sinken, bringt das nach Auffassung eines neoklassisch ausgebildeten Ökonomen (und nur solche werden ja sicher bei der NZZ beschäftigt) gar nichts für die Ankurbelung der Konjunktur, weil geringere Ersparnisse ja bedeuten, dass die Zinsen steigen und weniger investiert wird.

Bei so vielen Fehlern tut es auch schon nichts mehr zur Sache, dass auch der zentrale Teil des Artikels eine unhaltbare Passage enthält; diese ist allerdings weniger der NZZ als dem neuen Chef-Ökonomen des IWF, Maurice Obstfeld, zuzurechnen. Der glaubt nämlich, dass sinkende Ölpreise dazu führen können, dass der Realzins, der für Investoren ausschlaggebend ist, bei einem Rückgang des Ölpreises statt zu sinken, wie es sich die Notenbanken wünschen, steigen und die Investitionstätigkeit behindern könnte.

So etwas kann nur glauben, wer eine Größe wie den Realzins extrem mechanisch benutzt, ohne darüber nachzudenken, was die Preissenkung für die Investoren bedeutet. Bei einem gegebenen Nominalzins kann eine Zunahme der Inflationsrate tatsächlich zu einer geringeren Belastung der Unternehmen führen und folglich durch einen geringeren Realzins dargestellt werden. Das ist aber nur dann der Fall, wenn die Zunahme der Inflationsrate für die Unternehmen selbst einen positiven Effekt bedeutet, wenn also beispielsweise die Preise schneller steigen als die Löhne oder wenn der Preissteigerung als dauerhaft angesehen wird, also bis nahe zum Ende des Investitionszeitraumes anhält. Bei einem einmaligen Nullsummeneffekt für die Einkommensentwicklung der Weltwirtschaft wie einer Zunahme oder Abnahme des Ölpreises, ist es äußerst fraglich, ob die Investoren in der Welt sich davon beeindrucken lassen, dass der gemessene Realzins ein einziges Mal höher oder niedriger ist. Bei einer Ölpreisexplosion etwa, wie man sie in den siebziger Jahren erlebt hat, war der gemessene Realzins sicher in einem oder in zwei Jahren sehr niedrig oder sogar negativ, jeder, der seine fünf Sinne beisammen hatte, konnte aber erkennen, dass dieser Effekt nur kurz sein würde, weil die Notenbanken die Inflation bekämpften und die Zinsen danach rasch wieder stiegen. Folglich konnte der einmalige Effekt die Erwartungen der Investoren hinsichtlich der Inflationsentwicklung im Verhältnis zur Zinsentwicklung, die für ihre Renditeüberlegungen entscheidend sind, nicht positiv beeinflussen.

Was folgt? Es ist nicht ausreichend, weder für die Schweiz noch für sonst ein Ölkonsumland, für die eigene Konjunktur auf ein Sinken des Ölpreises zu setzen. Wer eine Wirtschaft anregen will, braucht jemanden, der nachfrageseitig etwas tut, was nicht sofort bei anderen zu Hause oder im Rest der Welt negative Effekte auslöst. Um das wissen und verstehen zu können, liebe NZZ, muss man allerdings regelmäßig flassbeck-economics und demnächst Makroskop lesen (hier zum Beispiel hätte man schon im Jahr 2014 alles Wichtige zu dem Thema lesen können).

 

 

 

Anmelden