Archiv flassbeck-economics | 19.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Intertemporale Optimierung und der deutsche Leistungsbilanzüberschuss

Ein Gastbeitrag von Ernst Stiller

Im Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums vom März dieses Jahres findet sich ein Artikel zu den deutschen Leistungsbilanzüberschüssen (hier). Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die deutsche Lohnmoderation nur einen geringen Einfluss hatte, und dass „fundamentale Faktoren“ hauptsächlich verantwortlich sind. Es wird gefolgert, dass der wirtschaftspolitische Spielraum zur Verringerung des Leistungsbilanzüberschusses (LBÜ) sehr beschränkt und nicht notwendig ist.

Einleitend werden die Statistiken bis 2014 dargelegt und die Autoren erwarten, dass der Überschuss 2015 auf 8.1 Prozent des BIP steigen werde. Tatsächlich war der Überschuss mit 8.5 Prozent jedoch noch größer. Die Autoren erwarten allerdings, dass der Überschuss in naher Zukunft sinkt, nämlich auf 7.8 Prozent im Jahr 2016 und 7.4 Prozent im Jahr 2017. Dieser Prognose liegt wahrscheinlich die Idee zu Grunde, dass unsere Exportländer in zum Beispiel Europa wirtschaftlich so schwach sind, dass sie unsere Güter nicht mehr kaufen können. Wie diese verfahrene Situation zu Stande kam, wird jedoch nicht untersucht.

Wieso kann ein Überschuss nun gefährlich sein? Die Gefahr (und Tatsache) der deflationären Spirale durch nominale Lohnsenkungen in Defizit-Ländern verbunden mit weiterhin geringen Lohnsteigerungen in Überschuss-Ländern wird nur kurz erwähnt. Man beschränkt sich darauf zu sagen, dass es Kritik gebe und die 6 Prozent Marke, die im Rahmen des EU-Verfahrens festgelegt wurde, überschritten sei. Auf der anderen Seite jedoch gebe es gute Gründe für einen LBÜ, nämlich bei einem „gewissen Entwicklungsstand“ des Landes oder eben auch wenn der LBÜ das Resultat einer „intertemporalen Entscheidung“ ist. Leistungsbilanzdefizite sieht der Bundeswirtschaftsminister schon als problematisch an. Wie ein Defizit-Land aber aus der Schuldenfalle entkommen soll, wenn die Überschussländer nicht bereit sind, ihre Überschüsse abzubauen, verraten die Autoren allerdings nicht.

Schauen wir uns die beiden Argumente bezüglich des „Entwicklungsstandes“ und der „intertemporalen Entscheidung“ etwas genauer an: Die Idee ist, dass Deutschland als Industrieland netto exportieren muss, „da aufstrebende Schwellenländer attraktive Investitionsmöglichkeiten mit höheren Renditen bieten“ und diese Länder von unseren exportierten Maschinen profitieren können. Damit das geschieht, müsste jedoch das Industrieland typischerweise gerade nicht seine Löhne senken (oder Lohnzurückhaltung praktizieren) wie das in Deutschland der Fall war. Die Anreize, in einem Land mit niedrigen Löhnen zu investieren, werden ja sogar geschwächt, wenn das kapitalexportierende Land seine eigenen Löhne senkt oder weniger erhöht.

Hinzu kommt, dass die Schwellenländer sich, genau wie entwickelte Länder in Südeuropa, für dauerhafte Überschüsse Deutschlands dauerhaft verschulden müssen. Diese Verschuldung ist aber, wie hier oft gezeigt, genau dann nicht nachhaltig und die Zinslast kann nicht mehr bedient werden, wenn die Verschuldung aus einem Verlust von Wettbewerbsfähigkeit beruht. Die Länder geraten dann typischerweise unter das Diktat der Geldgeber, was die Wirtschaftsentwicklung bei verordneter Austeritätspolitik bremst und die politische Stabilität gefährdet. Prinzipiell ist die Idee vom Transfer von Technologie und Know-how in Schwellenländer begrüßenswert – man muss in der Realität aber darauf schauen, unter welchen Rahmenbedingungen dies geschehen soll und was letztendlich wirklich transferiert wird: Subventioniertes Hühnerfleisch oder Industriegüter die aufgrund von Lohndumping preislich nicht zu unterbieten sind, helfen niemandem außer dem Exporteur.

Das Argument mit der „intertemporalen Entscheidung“ entstammt dem Herzstück der Modelle der neoklassischen Ökonomie: Repräsentative Agenten maximieren typischerweise eine Nutzenfunktion über einen unendlichen Zeithorizont. Die Agenten entscheiden, ob sie lieber heute viel konsumieren, oder ob sie lieber mehr sparen um dann morgen mehr zu haben. In sogenannten „Overlapping Generation Models“ (OLG) gibt es nun zum Beispiel zwei Arten von Agenten, junge und alte. Die jungen Menschen sparen mehr als die alten, welche ihr Erspartes konsumieren. In diesem Standardmodell würde sich die Sparquote einer alternden Gesellschaft verringern.

Welches Modell haben die Autoren der Studie im Kopf? Sie führen junge Menschen, ältere Menschen sowie eine mittlere Generation ein, wobei die mittlere Generation per Annahme am meisten spart. Wenn die Gesellschaft älter wird erhöht sich in diesem Modell zunächst die Sparquote bevor sie wieder sinkt sobald die Gesellschaft alt genug ist. Man argumentiert also, dass das Sparen, was hier mit dem Leistungsbilanzüberschuss gleichgesetzt wird, eine optimale Entscheidung der Wirtschaftssubjekte in Deutschland ist. Darüber hinaus bringt man noch das Konzept der „Erwartungen“ ins Spiel, welches in den neoklassischen Modellen ebenfalls sehr beliebt, weil sehr flexibel ist: „Zudem wirken sich Erwartungen bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Bevölkerungsstruktur auf das Spar- und Investitionsverhalten und damit auf die Leistungsbilanz aus.“ Die Idee ist also, dass die Deutschen aktuell mehr sparen, weil sie sich auf die demographischen Veränderungen vorbereiten. Dass die Sparquote der Haushalte aber gar nicht gestiegen ist, wird nicht erwähnt. Ebenso wird die Frage nicht beantwortet, wieso nun auch deutsche Firmen oder die Regierung mehr sparen sollten.

Wieso ist das Argument mit der intertemporalen Optimierung von Wirtschaftssubjekten so beliebt? Weil man damit versucht zu belegen, „dass der überwiegende Teil der deutschen LBÜ auf marktwirtschaftliche Prozesse und die Entscheidungen der Marktteilnehmer im In- und Ausland zurückzuführen ist.“ Man kann damit also zeigen, dass der effiziente Markt und nicht der ineffiziente Staat verantwortlich ist. Dies kann durch „wirtschaftspolitische Maßnahmen kaum beeinflusst werden“ – wie praktisch, sonst müsse man ja unter Umständen das Konzept der schwarzen Null in Frage stellen müssen!

Die wichtige Frage jedoch ist, wer denn die „intertemporale Entscheidung“ der Lohnmoderation getroffen hat, die ja auch in den Augen des BMWI die Überschüsse immerhin begleitet. Warum war es zusammen mit der intertemporalen Entscheidung des „Marktes“, mehr zu sparen, notwendig, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern? Und warum hat man dazu eine massive Einflussnahme des Staates gebraucht? All diese Fragen kann man mit diesem Ansatz nicht beantworten, der, wie hier oft gezeigt wurde (hier zum Beispiel), grundsätzlich problematisch ist, weil er nicht erklären kann, wieso die Sparentscheidung der Deutschen die Kaufentscheidungen der anderen Länder beeinflusst hat.

Den Überschuss mit der „erfolgreiche[n] Globalisierungsstrategie der deutschen Unternehmen“ zu erklären, wie der BMWI das (inkonsistenter Weise) gleichzeitig tut, ist schon deswegen problematisch, weil man auch dazu keine Lohnzurückhaltung braucht. Wenn wenigstens die deutschen Löhne im vorherigen Tempo weitergestiegen wären und die Produktivität viel stärker als vorher, könnte man darüber reden. Aber das stimmt ja nicht, die Produktivität ist weniger gestiegen und die Löhne eben noch  viel weniger.

Dass die Autoren davon schwärmen, dass „Deutschland […] mit einem durch LBÜ akkumulierten Auslandsvermögen an der potenziell dynamischen Wirtschaftsentwicklung anderer Länder partizipieren“ kann, ist zumindest tendenziös, wenn man nicht sagt, wer partizipiert. Nicht erklärt wird nämlich, in wie fern die Mittel-und Unterschicht in Deutschland inklusive Leih- und Kurzarbeit daran „partizipiert“ und ob diese Menschen nicht lieber ein paar reale Früchte ihrer Arbeit entgegen nehmen würden statt sich über die hohen Sparkonten ihrer Betriebe zu freuen. Wie hier schon oft gesagt: Ein Überschuss wie auch jeder andere Kredit ist letztendlich eine Wette auf die zukünftige Zahlungsfähigkeit des Gegenübers. Wenn man die Defizit-Länder wirtschaftspolitisch gegen die Wand fährt, wird man auch mit dem Ersparten nichts mehr anfangen können und die Schlange beißt sich in den eigenen Schwanz.

 

 

 

 

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