Archiv flassbeck-economics | 07.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Ein wissenschaftlicher Skandal, der keiner sein darf – Teil 2

Im ersten Teil hatte ich bereits gefragt, wie man den erneuten Anstieg des deutschen Leistungsbilanzüberschusses erklären kann, wenn man der These anhängt, es sei – abgeleitet aus der Identität von Netto-Güterstrom und Netto-Kapitalstrom – regelmäßig der Kapitalstrom, der sozusagen die Führungsrolle übernehme (wir haben uns hier und bei den dort angegebenen Stellen mit dieser These auseinandergesetzt und sie klar abgelehnt). Jetzt kann man sie noch viel klarer widerlegen.

Wäre man aufrichtig als Wissenschaftler, müsste man angesichts des Befundes, dass der deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz auch gegenüber den EWU-Ländern wieder deutlich gestiegen ist, sofort die eigene These (die ich in Kurzform die Sinn-Hypothese nenne, die aber auch von linken Wissenschaftlern benutzt wird, siehe hier) neu aufgreifen und zeigen, was sich bei den Determinanten der Kapitalströme im letzten Jahr geändert hat, das zu einer Erklärung der Dominanz der Kapitalströme passen könnte.

Doch so funktioniert Ökonomik nicht. Im Gegenteil, man setzt eine These in die Welt, bebildert sie an einem einzigen Fall (Spanien in der Regel) und alle, denen das eigene Denken schwer fällt, folgen schnell und bestätigen damit den abstrusen Befund. Gibt es neue Ereignisse, die diese These in Frage stellen, schweigt man einfach und sitzt die kritische Situation in bester politischer Manier aus. Das kann natürlich nur passieren, weil es nicht genügend kritische Stimmen an den Universitäten gibt, die solche Fehlentwicklungen erkennen und aufgreifen. Noch beklagenswerter ist allerdings, dass auch unter den vom Staat mit viel Geld geförderten wirtschaftswissenschaftlichen Instituten nicht eines ist, das diese Aufgabe übernehmen würde, vom sogenannten Sachverständigenrat ganz zu schweigen.

Betrachtet man die Entwicklung der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse in regionaler Aufschlüsselung, fällt sofort auf, dass die Bewegung im Jahr 2015, also eine Zunahme um 40 Milliarden Euro von 2014 auf 2015, regional ziemlich gleichmäßig verteilt ist. Schon das spricht gegen die Sinn-These, denn es ist äußerst unwahrscheinlich, dass in so vielen Ländern gleichzeitig Ereignisse eintreten, die dazu führen könnten, dass deutsche Kapitalbesitzer sich entschließen, in diesen Ländern zu investieren. Umgekehrt, wenn die Ursache der Veränderung, wie im ersten Teil erklärt, in Deutschland liegt, dann kann ohne weiteres eine gleichförmige Reaktion in vielen Ländern eintreten.

Hinzu kommt, dass es im vergangenen Jahr keinerlei Veränderungen an den Kapitalmärkten gegeben hätte, die man für eine Zunahme von Netto-Kapitalimporten verantwortlich machen könnte. Hans-Werner Sinn und seine Apologeten haben ja immer argumentiert, mit dem zur Europäischen Währungsunion seien die Zinsen in einigen Ländern des Südens so stark gefallen, dass dort Immobilienblasen entstanden seien, die quasi das Kapital aus den Norden absaugten. So etwas gibt es jetzt nicht und dennoch fließt vermehrt Kapital in eine ganze Reihe von Ländern.

Sinn liegt hier sogar doppelt falsch. Er hat zum einen Deutschland als eine Basarökonomie bezeichnet, also eine Ökonomie, die gerade keine Überschüsse erzielen kann, weil sie nur hin und her tauscht. Das ist ein absolut historischer Irrtum. Zum anderen hat er die Kapitalflussthese aufgestellt, die wiederum zeigen sollte, dass der Fehler bei den anderen lag. Daraus hat er aber nach der globalen Krise und dem Ausbruch der Eurokrise geschlossen, die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse gehörten der Vergangenheit an, weil es nun ja vermeintlich keinen Grund für deutsche Bürger und Unternehmen mehr gab, um Kapital in großem Maße zu exportieren. Auch falsch.

Man kann einfach nicht grandioser falsch liegen als dieser Mann, aber das tut seinem Standing in Deutschland überhaupt keinen Abbruch. Was ganz einfach zeigt, dass wir es bei der deutschen Variante von Wirtschaftsforschung eindeutig nicht mit einer Wissenschaft zu tun haben. Es ist eine Religion. Und religiöse Führer werden nicht deswegen in die Wüste geschickt, weil sie falsch lagen, sondern es werden so lange Neuinterpretationen ihrer Worte erfunden, bis man sich einbilden kann, der Führer habe gar nicht falsch gelegen. Ein religiöser Führer kann einfach nicht falsch liegen, denn sonst wäre er ja nicht ein religiöser Führer geworden.

Aber auch die Ökonomen, die sich selbst auf der linken Seite des politischen Spektrums ansiedeln und eine der Sinn-These verwandte These vertreten, müssten sich fragen, wo ihre wissenschaftliche Ethik ist, wenn sie diese Entwicklung des deutschen Überschusses zur Kenntnis nehmen. Aber sie wollen offenbar nicht wahrhaben, dass der Fehler auf der Seite der Löhne in Deutschland gemacht wurde. Wer jedoch etwas nicht wahr haben will, der schaut natürlich genau wie der religiöse Führer weg, wenn seine Wahrnehmung und seine ganz persönliche „Wahrheit“ in Gefahr ist, widerlegt zu werden.

So ist es am Ende ganz einfach. Es gibt nur eine These, die sich halten lässt und das ist die, die den Güterströmen und den sie verursachenden Lohn- und Preisveränderungen die Rolle der Ursache der Krise zuspricht. Wichtig ist zu verstehen, dass man die Identität von Netto-Kapitalexport und Netto-Güterexport kennen muss, dass sie aber bei der Suche nach einer vernünftigen Theorie nicht weiterhilft. Man muss plausible Zusammenhänge finden und sich über mögliche Ursache- und Wirkungskanäle gründlich und unvoreingenommen Gedanken machen. Man muss dazu sowohl im Zeitablauf als auch in verschiedenen geographischen Räumen nach Fakten suchen, die zu der eigenen Theorie passen oder nicht. Was man niemals tun darf, ist die Augen vor solchen Fakten zu verschließen, die geeignet sind, die eigene Theorie zu widerlegen. Im Gegenteil, nur wer sich gerade mit diesen Fakten auseinandersetzt und seine wissenschaftlichen Maßstäbe nicht über Bord wirft, sobald eigene Glaubenssätze gefährdet sind, der kann etwas beitragen zu dem, was man gemeinhin Wissenschaft nennt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmelden