Der neue ifo-Präsident: Alle Vorurteile dieser Welt

Einige Leser haben uns auf ein Interview des neuen Präsidenten des ifo-Instituts, Clemens Fuest, hingewiesen (hier zu finden, aber im Abonnement). Das ist in der Tat schlimm. Der Gipfelpunkt (der geistigen Tiefebene, werden viele sagen) ist zweifellos die Aussage: „Mehr Mindestlohn, mehr Arbeitslosigkeit“. Und auf die Nachfrage der SZ, dass das umstritten sei, sagte er: „Nicht wirklich. Die Grundaussage kann man nicht ernsthaft bestreiten.“ Oder zu Unternehmensteuern: „Höhere Unternehmensteuern oder Netto-Vermögensteuern kosten Arbeitsplätze.“

Wieder muss man die Frage stellen, die uns so oft gestellt wird: Kann das bloß Ignoranz oder Unwissen sein? Viele werden sicher zu dem Urteil kommen, dass hier schlicht ein Lobbyist zum Präsidenten eines Instituts bestellt wurde, der das exekutiert, was ihm die deutsche Industrie einflüstert. Das mag sein, aber es hilft nicht weiter, wenn man dabei stehen bleibt.

Fuest ist der typische Fall eines in Deutschland in den einschlägigen konservativen Institutionen ausgebildeten Ökonomen. Er ist zudem Finanzwissenschaftler, was schwer wiegt, weil in diesem Fach in Deutschland traditionell eine Ausbildung vorherrscht, die eher zur Ausübung eines Buchhalterjobs qualifiziert als eines Gesellschaftswissenschaftlers. Man kann in diesem Fach (und in vielen anderen zumal) nur Karriere machen, wenn man in allen Fragen, von denen man nichts versteht, den Mainstream nachplappert. Sich einmal mit Hans-Werner Sinn in der Frage anlegen, ob es den neoklassischen Arbeitsmarkt wirklich gibt, kann die gesamte Karriere kosten. Einmal einwenden, es könne auch Nachfrageprobleme geben, schon steht man als Keynesianer auf dem Index und ist quasi erledigt.

Das klingt übertrieben, ist es aber nicht. Früher gab es einen einzigen Weg, wie man als kritischer Ökonom in Deutschland volkswirtschaftlich arbeiten konnte, das war der Weg über das DIW. Auch der ist heute praktisch nicht mehr vorhanden. Die deutschen Universitäten haben sich schon vor mehr als zwanzig Jahren total abgeschottet und die Meinungsführer haben sich quasi abgesprochen, keinen „Andersdenkenden“ mehr auf einen Universitäts-Lehrstuhl zu lassen (nur an einige Fachhochschulen „dürfen“ auch weiterhin einige kritische Geister lehren). Man wollte endlich diese Keynesianer loswerden und in Deutschland die „reine Lehre“ der Neoklassik und der Ordnungspolitik predigen. Wichtige Institutionen für solche Absprachen sind schon immer der Verein für Socialpolitik und die wissenschaftlichen Beiräte beim Wirtschafts- und beim Finanzminister gewesen.

Wenn man genau hinhört, kann man spüren, was da passiert. Man kann nach Fuests Aussage, den einfachen Zusammenhang zwischen Mindestlohn und Arbeitslosigkeit nicht einmal ernsthaft bestreiten. Das ist absolut lächerlich, aber das ist genau der Ton, den dieser Mann sein ganzes Leben lang gehört hat und den er jetzt, wo er eine gewisse Position erreicht hat – nach unten – weitergibt. Das ist zwar von vorneherein die Kapitulation vor der wissenschaftlichen Aufgabe, die da heißt, alles zu bestreiten und nichts nachzuplappern, weil es andere schon vorgeplappert haben. In diesem Fall ist das besonders schlimm, weil es eine übergroße Evidenz einschließlich der deutschen aus dem letzten Jahr gibt, die zeigt, dass der Zusammenhang so einfach niemals sein kann. Aber er weiß insgeheim, dass er aus allen „relevanten“ Zirkeln ausgeschlossen ist, wenn hier auch nur den Anschein erweckt, es könne am Kern des Glaubens einen Zweifel geben.

Das politisch vorgegebene Tabu bei den Unternehmenssteuern macht er selbstverständlich mit, weil er weiß, dass man hier auf besonders vermintes Gelände trifft. Ein falsches Wort hier und man wird von den deutschen Industrie- und Arbeitgeberverbänden geächtet, was bei deren Omnipotenz für einen Institutspräsidenten bedeutet, aus vielen Kreisen ausgeschlossen zu werden, bei denen man eigentlich dabei sein muss.

Wenn mich heute ein hoch begabter junger Volkswirt, der akademisch arbeiten will, fragt, wie er sich profilieren soll, um kritische Ökonomik zu machen, muss ich ihm sagen, dass er seinen kritischen Geist für zehn bis fünfzehn Jahre in einen Tresor einschließen soll, um ihn genau dann wieder herauszuholen, wenn er akademische Karriere gemacht hat. Ob das aber überhaupt möglich ist, muss man bezweifeln, weil man kaum über so lange Zeit den üblichen Kram mitmachen kann, ohne seinen Geist so dauerhaft in Richtung Mainstream zu verbiegen, dass man den Weg zurück nicht mehr findet.

Der Skandal heißt folglich nicht Clemens Fuest, er ist nur einer von vielen, die fast beliebig austauschbar sind und von denen jeder Einzelne belanglos ist. Der eigentliche Skandal heißt Selbstverwaltung einer „Wissenschaft“, die sich zur Religionsgemeinschaft entwickelt hat, ohne fürchten zu müssen, dass sie irgendwann enttarnt wird, weil die Aufsichtsbehörden in der Politik (also die Bildungsministerien vor allem) das absurde Spiel niemals in Frage stellen würden.

 

 

 

 

 

 

 

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