Archiv | 08.04.2016

Das puritanische Paradigma

Ein Gastbeitrag von unserem Leser Erik Jochem

Von Karl Marx stammt bekanntlich die Devise, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern.

Darin steckt – weit tiefgründiger als der vermeintliche Aufruf zur Revolution – die Erkenntnis, dass unsere praktische Existenz nicht so sehr von den letzten Fragen abhängt, sondern von den ersten, nämlich was wer wie herstellt und produziert und wem das Ergebnis zu Gute kommt. Das Verständnis – oder eben auch die Interpretation – dieser ersten Fragen, hat das Zeug, mit unserer Weltsicht und den daraus folgenden praktischen Konsequenzen unsere materiellen Existenzbedingungen maßgeblich zu prägen und zu verändern.

Die Volkswirtschaftler sind darum in diesem Sinne die Philosophen der Moderne und Marx widmete sein Leben maßgeblich der Frage, wie Volkswirtschaft funktioniert.

1.

Wie Volkswirtschaft funktioniert, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, was wir warum glauben, wie sie funktioniert.

Das wiederum ist keine volkswirtschaftliche, sondern eine kulturelle Fragestellung, die darum nicht weniger dringend beantwortet werden muss. Denn was nützt das beste Verständnis der Funktionsweise der Volkswirtschaft, wenn die Öffentlichkeit das Gegenteil glaubt?

Der Traum von überweltlicher Tugendhaftigkeit des Menschen im Hier und Jetzt ist mindestens so alt wie der griechische Philosoph Plato, dessen Tugendphantasien bezeichnender Weise in die politische Utopie einer elitären Diktatur unter philosophischer Leitung mündete.

Platos legitimer Erbe in Sachen Tugend ist das Christentum, das aber mit dem Konzept der Erbsünde das notwendige Gegengift praktischerweise schon im Gepäck hatte. Die Einsicht, dass der normale Sterbliche in dieser Welt nicht das Zeug zum Heiligen hat, führte unter dem Zwang der Tugendhaftigkeit zur zwar pragmatischen aber recht heidnischen Institution des Ablasshandels und zur katholischen Variante der Verzahnung von Theologie und Kommerz.

Die maßgebliche protestantische Variante bildete der englische Puritanismus, nach dessen Ideologie Profit, solange er um seiner selbst willen zum höheren Ruhme Gottes und nicht aus heidnischer Verschwendungssucht (wie im Ablasshandel der Katholiken, obwohl das nicht Thema der Puritaner war) gesucht wurde, zum Ausweis gottgefälliger Tugend umfunktioniert wurde. Fleiß, Sparsamkeit und Bescheidenheit wurden der Inbegriff puritanischer Lebensführung und sollten auf Staat und Volk – den üblichen Verdächtigen für Unmoral und Verschwendungssucht – übertragen den Exportüberschuss der englischen Wirtschaft auf Dauer sicherstellen (Stichwort Wettbewerbsfähigkeit).

2.

Interessanterweise bleiben allerdings die Kategorien Fleiß, Sparsamkeit und Bescheidenheit für die Frage, was produziert und verkauft wird, weitgehend ohne Bedeutung. Müsste nicht ein gottgefälliges tugendhaftes Leben darauf hinauslaufen, dass sich alle auch in ihren Konsumansprüchen und mit einem möglichst einfachen Lebensstandard bescheiden (wie dies auch heute einigen als Ideal vorschwebt)?

Warum also lautet das Programm der Puritaner nicht, dass alle wie die Eremiten und Heiligen in den Wald ziehen und sich dort von Eicheln ernähren?

Genau diese Frage stellt Bernard Mandeville 1714 satirisch überspitzt in seiner „Bienenfabel“ und entlarvt damit den Tugenddiskurs der Puritaner als profitorientiertes Programm zur Schwächung der heimischen Nachfrage. Er dreht den Spieß sogar um und legt dar, dass Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung der sündhafte und unvernünftige Zustand der Welt sei, Tugend und Vernunft mit ihrer mäßigenden Wirkung auf den Konsum aber ihr Ende bedeuteten. Welche Arbeit bliebe noch für die Justiz und die Rechtsanwälte, wenn es keine Verbrechen und keine Streitigkeiten mehr gäbe, was würde aus den Ärzten, wenn sie Krankheiten wirklich heilen könnten oder die Menschheit plötzlich gesundete?

Habgier und/oder Egoismus – Sünden nach Maßstab aller Weltreligionen – sind die Triebfeder der Wirtschaft, es kommt nur darauf an, sie mit moralischen und ethischen Maßstäben in sozialverträglichen Grenzen zu halten.

3.

Grundsätzlich wirft Mandevilles Text die Frage auf, was überhaupt Verschwendung ist. Ist nicht unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten jeder ein Verschwender, der nicht wie ein Eremit im Wald lebt?

Zweifellos und es erweist sich, dass jedes Wirtschaftssystem, das diesen Namen verdient, im Hinblick darauf, was produziert wird, ein System zur Erzeugung von Verschwendung ist. Wohlstand ist der Zustand der beginnt, wenn wir uns mit Dingen umgeben, für die kein „objektiver“, sondern lediglich ein kultureller Bedarf besteht. Es geht nicht darum, was wir brauchen, sondern was wir uns schuldig sind. Die Keimzelle des kulturellen Bedarfs, die bis heute maßgeblich ist, besteht darin, dass jeder Mensch das haben möchte, was er bei dem anderen sieht und sich somit der soziale Status davon ableitet, was man selbst hat und andere nicht.

Damit fällt allerdings der hehre Diskurs der Volkswirtschaftslehre, wonach sich unser Wirtschaftssystem im permanenten Notstand befinde, unabwendbare Bedürfnisse unter den Bedingungen der Knappheit zu befriedigen, in sich zusammen.

Produziert wird einfach, was unter bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen und innerhalb der bestehenden Kapazitäten produziert werden darf und kann und wofür sich Abnehmer finden.

So drängt sich gegenüber dem puritanischen Vorwurf staatlicher Verschwendungssucht die Frage auf, unter welchem Gesichtspunkt staatliche Ausgaben selbst alleine zum Zweck der Auslastung vorhandener Produktionskapazitäten und die dadurch hergestellten Produkte und Dienstleistungen eine besondere Verschwendung darstellen sollten.

Tatsächlich besteht der einzige signifikante Unterschied zwischen staatlichen Ausgaben und privaten darin, dass den staatlichen Ausgaben auf Grund ihres Umfangs eine Steuerungsfunktion hinsichtlich der kulturellen Präferenzen einer Gesellschaft zukommt.

Investitionen der öffentlichen Hand in erneuerbare Energien würden die Nachfrage zu Lasten konventioneller Energieversorgung verändern. Was bliebe den konventionellen Energieversorgern als Gegenstrategie anderes übrig, als unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung zu Gunsten nachfolgender Generationen einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu verlangen?

4.

Mandevilles beißende Kritik am wirtschaftspolitisch motivierten Tugenddiskurs und sein anthropologischer Realismus sind soweit ersichtlich bis heute ohne nennenswerte Folgen geblieben.

Einer Gesellschaft, die es sich schuldig ist, von der eigenen Tugend und Vernunft überzeugt zu sein, hält man nicht so leicht den Spiegel vor, vor allem wenn es den wirtschaftlichen Interessen der Träger der öffentlichen Meinung zuwider läuft.

Dabei sind die aus religiöser Sicht niederen Beweggründe der Wirtschaftssubjekte wie Habgier und Egoismus mit der Bankenkrise nach 2008 für alle Welt offensichtlich geworden.

Nur dass die Banker mit diesen Motiven keineswegs allein stehen, sondern nur damit, dass sie ihnen – auch entgegen Mandeville – weitgehend ohne gesellschaftliche Regulierung und Aufsicht freien Lauf lassen dürfen.

Es ist daher ein besonderer Treppenwitz der Weltgeschichte, dass ausgerechnet Banken und Kapitalmärkte als institutionelle Wächter über die Haushalte der EU-Staaten berufen sind. Niemand bestreitet, dass von Spekulation unbeeinflusste Warenmärkte einen rationalen Verteilungsmechanismus darstellen können. Wer aber hat dem europäischen Gesetzgeber eingetrichtert, dass Märkte für Vermögenswerte, auf denen es darum geht, aus Geld ohne Umweg über die Produktion mehr Geld zu machen, der Inbegriff rationalen Verhaltens sind?

5.

Die exportorientierte Verfassung des Euro ist die Verwirklichung des alten Tugenddiskurses der Puritaner. Der Staat ist ein Verschwender, dessen Ausgaben begrenzt werden müssen und dem der direkte Zugang zu seiner Währung aus den Händen genommen werden muss.

Das Publikum – zumal das deutsche – ist es zufrieden, im Reich der Tugendwächter zu leben und sich von überflüssigem Wohlstand zu befreien.

Als Verkörperung der europäischen Tugendwächter und ihres Publikums drängt sich unterdessen ein anderer Klassiker, Molières Tartuffe, auf.

Auf die Erkundigung seines Schwagers Cléante, ob Tartuffe nicht ein komischer Heiliger sei, erwidert Organ, der den Tugendprediger begeistert in sein Haus aufgenommen hat und die Augen vor dessen vollkommen weltlichen Zielen und Interessen verschließt:

Wer an ihn glaubt, hat ewigen Gewinn und findet hier schon seinen Seelenfrieden, denn einen Pfifferling gilt ihm die Welt hinieden. Ich bin, seit er in meinen Lebenskreis getreten, ein andrer Mensch geworden – er hat mich gelehrt, die weltlichen Gefühle abzutöten, und alles was den innren Frieden stört. Heut könnt‘ ich Frau und Kinder sterben sehen und dazu lächeln, als sei nichts“ geschehen.

Cléante: Das ist der Gipfel wahrer Menschlichkeit!

 

 

 

 

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