Archiv flassbeck-economics | 15.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Europäische Konjunktur im Frühjahr 2016: Teil 1

Ich habe die Veröffentlichung unseres monatlichen Konjunkturberichts etwas hinausgezögert, weil gestern die Gemeinschaftsdiagnose der Institute erschienen ist, die ich noch anschauen wollte. Doch ich hätte es auch lassen können. Es lohnt einfach nicht.

Diese Institute, die für Konjunkturforschung vom Staat bezahlt werden, frönen immer noch dem inzwischen tausendmal widerlegten Gedanken, es gebe so etwas wie eine Trennung von Konjunktur und Trend bzw. man könne relativ klar trennen zwischen einem Wachstumspfad, der irgendwie neoklassisch vom Himmel fällt, und den Schwankungen, die sich darum herum aus allen möglichen Gründen ergeben. Das ist seit ungefähr hundert Jahren, vor allem von Joseph Alois Schumpeter, als Konzept in Frage gestellt worden, was aber natürlich einen gut ausgebildeten neoklassisch orientierten Ökonomen nicht hindert, es noch einmal hundert Jahre lang zu erzählen. Dazu aber im zweiten Teil mehr.

Die Institute haben ihre Konjunkturprognose für 2016 leicht nach unten revidiert (die Zahlen für 2017 sollte einfach man vollständig ignorieren), was schlicht dem Eingeständnis entspricht, dass es keinen Aufschwung gibt. Noch viel weniger gibt es den von den Instituten über einige Jahre erhofften Aufschwung der privaten Investitionstätigkeit in Deutschland. Das sollte eigentlich Anlass genug sein, darüber nachzudenken, ob die eigenen Vorstellungen richtig sein können, wenn schon das Land mit den weit und breit besten Angebots- und Strukturvoraussetzungen keinen von Investitionen getragenen Aufschwung hinbekommt. Doch Nachdenken gehört nicht zu den Kategorien, an denen sich ein moderner Wirtschaftsforscher orientiert.

Abbildung 1

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Die wirtschaftliche Lage in Deutschland zeichnet sich durch Stillstand aus. Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie stagnieren nun schon wieder fast drei Jahre lang und sind immer noch nicht über das Niveau von 2011 hinausgekommen (Abbildung 1). Jede auch nur halbwegs kritische Analyse müsste zu dem Ergebnis kommen, dass die deutsche Wirtschaftspolitik seit 2011 ein vollkommener Fehlschlag ist, zumal, wenn man die europäischen Ergebnisse hinzunimmt, aber darüber zu reden, ist ein Tabu.

Klarer als mit dem Vergleich von Auftragseingängen und dem ifo-Index (Abbildung 2) kann man das nicht mehr zeigen.

Abbildung 2

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Inzwischen gibt es weder Impulse aus dem europäischen noch aus dem nicht-europäischen Ausland (Abbildung 3). Der Auftragseingang aus der Eurozone ist zuletzt wieder rückläufig und bestätigt damit auch, dass von einem Aufschwung und einer Wende in Europa nicht die Rede sein kann. Die jetzt hinzugetretene globale Abschwächung zeigt, dass man sich nicht nur auf externe Entwicklungen verlassen kann.

Abbildung 3

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Die Wirtschaftspolitik ist mit jedem Monat dringender gefragt, aber sie bewegt sich nicht.

Die Industrieproduktion im gesamten Euroraum im Februar bestätigt, das Impulse vollkommen fehlen. Die minimale Aufwärtsbewegung, die sich zur Jahreswende ergeben hatte (wir hatten das im vergangenen Monat vor allem mit saisonalen Einflüssen erklärt), kippt schon wieder ab. Da Deutschland für diese leichte Belebung quantitativ sehr wichtig war, kann man aus der deutschen Stagnation bei den Auftragseingängen schließen, dass sie nicht anhält.

Abbildung 4

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In Südeuropa wird es immer schlimmer (Abbildung 5). Spanien und Portugal, das kann man jetzt klar sagen, sind in Gefahr, wieder nach unten abzukippen. Griechenland ist vollkommen hoffnungslos. Dass man bei einer konjunkturellen Entwicklung wie in Griechenland via Troika weitere Kürzungen im Staatshaushalt zu vereinbaren sucht, ist rational nicht mehr nachzuvollziehen.

Abbildung 5

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Auch in den nördlichen kleineren Ländern bleibt das Bild im Großen und Ganzen unverändert (Abbildungen 6 und 7).

Abbildung 6

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Nur in den Niederlanden, die in einer tiefen Rezession waren, ist die rückkehr aus der Talsohle mittlerweile gelungen. Das wird, darauf weist uns ein Leser hin, in den niederländischen Medien gebührend gefeiert (hier z. B.), allerdings auch dort, ohne dass man sagt, wie tief gesunken die Wirtschaft ohne massive Störungen von außen war und dass das jetzt erreichte Niveau nur bedeutet, dass man noch unter dem liegt, was schon 2011 erreicht war.

Abbildung 7

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Auch im Baltikum tut sich weiter nichts, was den Namen Aufschwung verdienen würde (Abbildung 8). Gleichwohl hört man immer wieder, so habe ich das gerade in Italien wieder gehört, die Länder dort hätten doch gezeigt, wie man Reformen so umsetzt, dass ein Aufschwung und dauerhaftes Wachstum herauskommt. Solche Märchen haben anscheinend eine unbegrenzte Lebensdauer.

Abbildung 8

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Auch in den übrigen osteuropäischen Staaten bleibt es bei dem gewohnten Bild (Abbildung 9).

Abbildung 9

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In der Slowakei geht es aufwärts, in den übrigen Staaten dagegen überwiegen wieder die stagnativen Tendenzen. Slowenien hat allerdings einen erheblichen anstieg zur Jahreswende verzeichnen können und sich auch im vergangenen Jahr leicht verbessert. Man muss sehen, ob das wenigstens für dieses Land ein entkommen aus der Stagnation bedeutet.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich die übrigen Indikatoren entwickeln und wie das wirtschaftspolitisch zu würdigen ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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