Archiv flassbeck-economics | 21.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Europäische Konjunktur im Frühjahr 2016

Bei der Bauproduktion in der Europäischen Währungsunion hat es im Februar erneut einen leichten Rückschlag gegeben, nachdem die Produktion hier zu Beginn des Jahres stark zugenommen hatte (Abbildung 1). In Deutschland setzte sich allerdings auch im Februar die Aufwärtsentwicklung fort, die wir für Januar vor allem mit Saisoneffekten und der Wirkung des Baus von Flüchtlingsunterkünften erklärt hatten. In der Tat zeigen die wichtigsten Indikatoren im Bauhauptgewerbe, dass es vor allem die öffentliche Hand ist, die neue Aufträge vergibt. Das gilt allerdings auch im Tiefbau, der weniger direkt von der Flüchtlingsproblematik berührt sein dürfte.

Dagegen hat es in Frankreich einen schweren Rückschlag im Februar gegeben. Hier waren es offensichtlich nur Saisoneffekte, die für eine vorübergehende Belebung gesorgt hatten.

Abbildung 1

Picture1

In Südeuropa, insbesondere in Italien und Portugal, geht die Bauproduktion tendenziell weiter abwärts (Abbildung 2). Nur in Spanien hat sich die Situation ein klein wenig verbessert, die Stagnation, die einige Jahre vorherrschte, ist durchbrochen. Der Aufschwung ist allerdings zu schwach, um daraus auf eine wirkliche Wende schließen zu können.

Abbildung 2

Picture2

Beim Einzelhandelsumsatz hat sich, nach einigen Schwankungen in den vergangenen Monaten, nun doch ein stabile Aufwärtstendenz in der EWU insgesamt durchgesetzt (Abbildung 3). Vorangetrieben wird das von Frankreich, wo der Rückgang zur Jahreswende wieder ausgeglichen ist (die Zahlen sind auch erheblich revidiert worden). In Deutschland hat sich zu Jahresbeginn nochmals eine kleine Besserung ergeben, die dem Verlauf der Reallohnzuwächse entspricht. Angesichts der deflationären Preisentwicklung (siehe unten) setzen sich auch die bescheidenen Nominallohnzuwächse in merkliche Reallohnzuwächse um.

Abbildung 3

Picture3

Bemerkenswert schwach ist auch hier Italien, wo die ganz kleine Belebung schon wieder ausgelaufen zu sein scheint.

In Südeuropa ist die Lage auch hier gemischt (Abbildung 4). Während in Griechenland weniger als nichts passiert, geht Spanien doch ganz ganz langsam nach oben und in Portugal hat es zur Jahreswende sogar einen richtigen Knick nach oben gegeben.

Abbildung 4

Picture4

Bei der Arbeitslosigkeit ist die Lage in Frankreich und Italien weiter trostlos (Abbildung 5). Aber auch in Deutschland war die Lage im März zum ersten Mal seit einiger Zeit von Stagnation gekennzeichnet und das sowohl bei der Arbeitslosigkeit als auch bei den offenen Stellen.

Abbildung 5

Picture5

Die Preisentwicklung in der Eurozone ist weiterhin deflationär (Abbildung 6). Im März sind in Deutschland sogar die Großhandelspreise, nimmt man den Vorjahresvergleich, mit 3,1 Prozent stärker zurückgegangen als in den letzten fünf Jahren. Das gilt auch für die gesamte EWU. Wie Abbildung 6 zeigt, hat es bei den Erzeugerpreisen einen neuen Schub nach unten gegeben, der sich früher oder später auch in den Verbraucherpreisen niederschlagen wird.

Abbildung 6

Picture6

Spanien ist jetzt bei einer Erzeugerpreisdeflation von 6 Prozent und Frankreich und Italien liegen bei fast minus 4 ½ Prozent. Es ist abzusehen, dass die Deflation auch auf der Verbraucherstufe, die immer noch in der Nähe der Null ist, weiter in den negativen Bereich abgleiten wird.

Abbildung 7

Picture7

Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Man sieht, sobald man die Augen aufmacht, warum die Politik vollkommen unfähig ist, auf eine extreme Schwächephase, wie sie Europa seit 2011 erlebt, zu reagieren. Immer wieder reden sich die Politiker ein, von nun an werde alles besser. Ein grandioses Beispiel dafür hat gerade Alexis Tsipras gegeben, der Premierminister Griechenlands. Er schrieb in der Financial Times, dass es in Griechenland aufwärts gehe und zitierte als Beweis dafür einen Anstieg der Industrieproduktion im vergangenen November (den inzwischen neue Rückgänge längst zunichte gemacht haben, wie im ersten Teil gezeigt).

Aber sie greifen eben nach jedem Strohhalm und begreifen nicht, dass sie sich dabei selbst und das Volk betrügen und die gesamte Politik lähmen.

Auch die G 20 Finanzminister, die in Washington getagt haben, waren nicht in der Lage, ein ehrliches und klares Bild der europäischen Misere zu zeichnen. Man kann sicher sein, dass die Europäer allesamt mit fadenscheinigen Argumenten und Fakten verhindert haben, dass eine klare Aussage in das Kommuniqué aufgenommen wurde.

Bei vielen Ökonomen passiert noch etwas viel Schlimmeres. Sie nehmen die miserable Entwicklung nicht als Ausdruck einer anhaltend falschen Politik, sondern sie sind mehr und mehr davon überzeugt, es habe sich ein geringerer Wachstumstrend herausgebildet, der sozusagen eine neue natürlich Grenze für das schaffe, was die Wirtschaft leisten könne. Das ergibt sich aus der festen Überzeugung der meisten Ökonomen, dass die Politik immer nur ganz kurz Einfluss auf die Wirtschaft nehmen kann. Nach einigen Jahren, so deren Vermutung, setzt sich immer wieder die normale Wachstumsrate der Wirtschaft durch und wenn die niedriger ist als vorher, dann muss man das hinnehmen.

Kern dieser Konfusion sind sogenannte Potentialrechnungen, die üblicherweise nichts anderes darstellen als eine Extrapolation des gerade sichtbaren Trends. Wenn also ein Wirtschaft wie die europäische fünf Jahre lang stagniert, dann sinkt das Potentialwachstum und die Volkswirte folgern haarscharf, dass die Wirtschaft gar nicht mehr stärker wachsen kann, weil sie eben nicht stärker gewachsen ist. Sie suchen dann krampfhaft nach Erklärungen (und „finden“ meistens irgendwelche „strukturellen“ Veränderungen), dass die Schwäche mit einer falschen Wirtschaftspolitik oder mit Machtverschiebungen am Arbeitsmarkt zu tun haben könnte, schließen sie von vorneherein aus.

Mit dem Herunterrechnen der Potentiale macht man dann eine verminderte Wachstumsvorgabe an die Politik, die, wenn es so einfache Koch-Rezepte wie den Monetarismus gäbe, prompt ihre Vorgaben (beim Monetarismus für eine Geldmengenexpansion) auch nach unten setzten und damit genau das erreichten, was zu verhindern war. Wie gesagt, solche einfachen Kochrezepte gibt es glücklicherweise nicht, aber das Prinzip ist absurd, weil eine Entwicklung, die aufgrund des Versagens der Politik schlecht ist, von solchen wissenschaftlichen „Scheinberechnungen“ leicht als normal festgeschrieben wird.

Da niemand sagen kann, wie viel Wachstum bei einer klugen Politik möglich gewesen wäre, kann man den Schaden, den die falsche Politik anrichtet, auch nicht beziffern. Da tun sich die Politiker natürlich leicht, immer wieder zu betonen, auch sie seien ja Getriebene der Verhältnisse und „Strukturreformen“, das sehe man ja an der langen Stagnation, seien nun mal das einzige, was wirklich Wachstum schaffe. So wird aus einer unsinnigen Theorie immer wieder unsinnige Politik und es entsteht eine Wirklichkeit, die nichts mit dem zu tun hat, was möglich gewesen wäre.

Anmelden