Archiv flassbeck-economics | 04.04.2016 (editiert am 09.11.2016)

Gibt es sie also doch, die amerikanische Klassengesellschaft?

Im Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft geht es immer unamerikanischer zu: Mit dem Leitthema wachsender Ungleichheit ist selbst der Ausdruck Arbeiterklasse („working class“) zum öffentlichen Begriff geworden.

Der diesjährige Jahresbericht des wirtschaftspolitischen Beratergremiums des Präsidenten („Council of Economic Advisers“) bezeichnet Ungleichheit als die das 21. Jahrhundert definierende Herausforderung. Bereits der Bericht vom letzten Jahr hatte Ungleichheit und den Schwund der amerikanischen Mittelschicht zum Thema. In diesem Jahr hat das Gremium sowohl die Ursachenanalyse ausgeweitet als auch viele Ratschläge zur wirtschaftspolitischen Bekämpfung der Ungleichheit entwickelt. Das ist auch allerhöchste Zeit. Denn im Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft geht es immer unamerikanischer zu: Mit dem Leitthema wachsender Ungleichheit ist selbst der Ausdruck Arbeiterklasse („working class“) zum öffentlichen Begriff geworden. Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist Klasse eigentlich ein überflüssiges Wort. In Wirklichkeit sind die USA aber eine klassenlose Klassengesellschaft.

Im Zeitalter der schwindenden Mittelschicht entdeckt diese amerikanische Gesellschaft ihr Klassenbewusstsein und übt den Klassenkampf. Wie dem deutschen und europäischen Beobachter nicht entgangen sein wird, entfaltet dabei ausgerechnet der Multimilliardär und Immobilien- und Kasinomogul Donald Trump eine merkwürdige Anziehungskraft auf weite Teile der weißen Arbeiterschaft. Bereits 2008 hatte kaum ein Drittel dieser Bevölkerungsgruppe Barack Obama gewählt. Trumps Triumpfe sind inzwischen allerdings selbst der alten Garde der republikanischen Partei mehr als ungeheuer geworden. Sie werden ihn wohl auch kaum noch als Kandidat stoppen können. Von der Präsidentschaft abhalten kann ihn dann nur noch die amerikanische Bevölkerung und Wählerschaft selbst.

Und genau dort findet neuerdings etwas wirklich Ungeheuerliches statt: ein wachsender Anteil der Bevölkerung identifiziert sich selbst als der Arbeiterklasse oder Unterschicht zugehörig (siehe diese Gallup Umfrage). Das ist natürlich eine für die Milliardärsklasse – heute auch bekannt als „top one percent“ – äußerst gefährliche Entwicklung. Wenn die übrigen 99 Prozent endlich merkten, dass sie durch gemeinsame Interessen verbunden sind, dann würde damit vielleicht auch ein Ende der „trickle down“ Märchenpolitik und eine Rückkehr zu einer am Gemeinwohl orientierten Politik möglich werden. Von einer wirklichen Besinnung auf gemeinschaftliche Interessen bleibt man auch dann allerdings noch ein gutes Stück entfernt.

Ungleichheit schneidet und spaltet die Gesellschaft in viele Richtungen. Werfen wir hierzu also einen Blick auf den jüngsten Jahresbericht der Wirtschaftsberater Präsident Obamas.

Zunächst wird darin zu den wohlbekannten Fakten zur Einkommensungleichheit berichtet, die seit den siebziger Jahren so ungemein stark angestiegen ist und heute wieder Ausmaße erreicht hat, die man zuletzt in den zwanziger Jahren vor der Großen Depression, den „Roaring Twenties“ gesehen hatte. Besonders stark gestiegen ist dabei auch die Ungleichheit bei den Lohneinkommen selbst: Die Einkommen der Masse der Lohneinkommensbezieher stagniert seit Jahrzehnten, während die Lohneinkommen an der Spitze, etwa von Managern der großen Unternehmen aber auch von auserwählten Rechtsanwälten, Ärzten, Künstlern und Sportlern mittlerweile in den Himmel gewachsen sind. Innerhalb von Unternehmen belohnt sich die Spitze heute mit dem Dreihundertfachem der Besoldung des unteren Teils der Belegschaft, ohne das als schamlos und anrüchig zu empfinden. Vor fünfzig Jahren galt noch rund das Zwanzigfache als wirtschaftlich und gesellschaftlich angemessen. So ändern sich die Zeiten und Sitten. Die Produktivität der Selbstauserkorenen muss seither also geradezu explodiert sein.

Oder auch nicht. Denn der Bericht des Beratergremiums betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung von wirtschaftlichen „Renten“, die allein auf Marktmacht und Politikeinfluss statt auf wahrer Produktivität beruhen. Die Machtkonzentration hat in Amerika auf breiter Flur stark zugenommen. Den Nutzen haben alleine diejenigen, die diese Macht haben und eigennützig missbrauchen. Gemeinhin populäre Erklärungen, die Entwicklungen in Technologie, Globalisierung und Bildung für wachsende Ungleichheit verantwortlich machen, müssen daher relativiert werden. Zumal wachsende Renten und „Rent Seeking“ nicht nur direkt wachsende Ungleichheit bedingen, sondern auch noch Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum dauerhaft behindern.

Der Bericht bespricht dann als nächstes, wie wachsende Einkommensungleichheit auch zu wachsender Vermögensungleich beiträgt; wo in den letzten Jahrzehnten noch krassere (Fehl-)Entwicklungen stattgefunden haben. Das passiert, weil Bezieher hoher Einkommen gewöhnlich einen höheren Anteil ihres Einkommens sparen und auch die erzielten Renditen auf Großvermögen in der Regel höher und dabei häufig auch noch steuerbegünstigt sind. Verschiebt sich dann auch noch die Einkommensverteilung von den Löhnen zu den Gewinnen, dann wird dieser Prozess nur noch weiter verstärkt, weil Dividendeneinkommen sowie Unternehmens- und Kapitalgewinne besonders stark bei den Höchstverdienern und Super-Reichen konzentriert sind. Das Gremium sieht die wachsende Vermögensungleichheit als die ultimative Folge der Abkopplung der Mittelschicht von der allgemeinen Einkommensentwicklung an.

Das Hauptaugenmerk des Berichts liegt allerdings bei der Chancenungleichheit. Die große Gefahr ist natürlich, dass diese durch wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit weiter genährt wird und die Gesellschaft sich vom „equal opportunity“ Ideal immer weiter entfernt. Chancenungleichheit ist dabei sowohl Folge als auch Ursache von zunehmender Einkommens- und Vermögensungleichheit. Und Chancenungleichheit bedeutet fast zwangsläufig, dass Entwicklungs-Potentiale auch gesamtwirtschaftlich betrachtet nicht optimal ausgenutzt werden. Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ wird das Ideal der Chancengleichheit zwar immer und ständig politisch beschworen. Doch wie sieht die Realität hierzu eigentlich aus?

Grafik 1

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Quelle: Council of Economic Advisors 2016

Kurz gesagt, es zeigt sich, dass es sich bei der amerikanischen Chancengleichheit um einen Mythos handelt: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hält keinesfalls für jedermann gleichermaßen unbegrenzte Chancen und Möglichkeiten bereit. Vielmehr ist die „soziale Mobilität“, die gesellschaftliche Aufstiegswahrscheinlichkeit, gemessen an den vom Elternhaus vorgegebenen Ausgangsbedingungen deutlich niedriger als in anderen vergleichbar reichen Ländern. Auf frühere Untersuchungen anderer Forscher verweisend, beruft sich der Bericht auf Statistiken zur Intergenerationeneinkommenselastizität, welche die Korrelation zwischen den Einkommen von Eltern und ihren Kindern misst. Ein niedriges Elastizitätsmaß lässt sich dabei als Indiz für Chancenungleichheit begreifen. Grafik 1 zeigt, dass die Chancen wohl nur in wenigen reichen Ländern noch ungleicher verteilt sind als in Amerika. Andere Studien, darunter auch der „Poverty and Inequality Report 2015“ des Stanford [University] Center on Poverty and Inequality, auf den ich gleich noch zurückkommen werde, zeigen, dass jemand, der in Amerika als Kind von Eltern des niedrigsten Einkommensquintils geboren wurde, nur eine Chance von rund acht Prozent hat (also etwa ein Kind von zwölf), ins oberste Einkommensquintil aufzusteigen. In Ländern wie Dänemark oder Kanada ist die Wahrscheinlichkeit dies zu erreichen rund 50 Prozent höher.

Grafik 2

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Quelle: Council of Economic Advisors 2016

Auch die sogenannte „Great Gatsby curve“, benannt nach dem gleichnamigen Roman zur Dekadenz der „Roaring Twenties“ von Scott Fitzgerald (von Hollywood verfilmt mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle), liefert ein für Amerika trübes Bild. Die Great Gatsby Kurve zeigt eine inverse Beziehung zwischen der zuvor erwähnten Intergenerationseinkommenselastizität, die in der Grafik invertiert abgebildet ist, und dem Gini Koeffizienten. Letzterer misst das Ausmaß der Einkommensungleichheit, je höher der Gini Koeffizient, desto größer die Ungleichheit der Einkommensverteilung. Die inverse Beziehung in Grafik 2 bedeutet also, dass wachsende Einkommensungleichheit mit sinkender sozialer Mobilität (nach oben), also abnehmender Chancengleichheit einhergeht. Im internationalen Vergleich liegt Amerika unter den reichen Ländern an der Spitze. Vermutlich war zu früheren Zeiten noch etwas mehr dran am Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zumal die sozialen Strukturen in den Herkunftsländern vieler Immigranten damals sicher noch viel verkrusteter waren. Heute liefert er bestenfalls noch den Stoff für Hollywood Inszenierungen des Traums vom unendlichen Reichtum verbunden mit der Mitgliedschaft im Club der Milliardärsklasse.

Grafik 3

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Quelle: Stanford Center on Poverty and Inequality, The Poverty and Inequality Report 2015

Der bereits weiter oben kurz genannte Bericht vom letzten Jahr des Stanford Center on Poverty and Inequality liefert hierzu noch vielerlei höchst interessante Details. Ich will nur zwei nennen. Der erste Punkt betrifft die gravierenden regionalen Unterschiede innerhalb der USA. Das gewählte Maß ist hier wiederum die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind von Eltern des niedrigsten Einkommensquintils ins oberste Einkommensquintil aufsteigen wird. Im Westen ist diese vergleichbar hoch wie in Ländern mit höchster sozialer Mobilität. Im tiefen Süden dagegen ist sie niedrig wie in viel ärmeren Entwicklungsländern (Entsprechende Statistiken gibt es allerdings nur für wenige Entwicklungsländer). Krasseste Gegensätze herrschen zwischen Städten wie Boston (Massachusetts) und San Jose (Kalifornien) einerseits und Städten wie Charlotte (North Carolina) und Atlanta (Georgia) andererseits. Regionen mit überwiegend schwarzer Bevölkerung sind deutlich benachteiligt. Die Amerikanische Geschichte wirkt hier lange nach.

Der zweite Punkt betrifft die Entwicklung im Zeitablauf. Zumindest für die Geburtsjahrgangskohorte 1971-1993 wird von einer – entgegen den Erwartungen – weitgehend stabilen Lage berichtet: die Chancenungleichheit hat sich danach im Zeitablauf nicht verschlechtert, obwohl doch Einkommens- und Vermögensungleichheit stark angestiegen sind. Bildlich gesprochen haben sich die Stufenabstände der Einkommensleiter zwar deutlich vergrößert, aber die Wahrscheinlichkeit eine höhere Stufe zu erklimmen ist nicht gesunken. Der Geburtslotteriegewinn wurde kostbarer, die Wahrscheinlichkeiten blieben aber stabil.

Es müssen also andere Faktoren den zu vermutenden negativen Einfluss zunehmender Einkommens- und Vermögensungleichheit auf die Chancengleichheit ausgeglichen haben. Spontan fällt mir hierzu ein, dass an meiner Hochschule (Skidmore College) wie auch an Hochschulen allgemein die Bedeutung von „financial aid“, speziell einkommensabhängige Studienzuschüsse und Stipendien, ungemein zugenommen haben. Mit anderen Worten: während die staatliche Wirtschaftspolitik in den letzten Jahrzehnten im Grunde Umverteilung von unten nach oben betrieben hat, haben Hochschulen das jeweils intern auszugleichen versucht. Man muss dazu die Studiengebühren hoch genug festsetzen, so dass die voll zahlenden Studenten aus wohlhabenden Familien eine hochschulinterne Umverteilung an Studenten aus ärmeren Familien ermöglichen. Daneben sind auch die Abteilungen zur Eintreibung von Spenden von reichen Gönnern stark gewachsen. So schafft wachsende Ungleichheit zumindest einige neue Arbeitsplätze, könnte man hier anmerken. Dabei wird allerdings auch die Ungleichheit der Hochschulen immer krasser: Harvard, Princeton und Stanford sind super reich, weniger berühmte Institutionen strampeln sich ab oder gehen unter. Ein kleiner Kreis der reichsten Hochschulen ist „need blind“, sucht sich seine Studenten aus, ohne dabei auf deren Einkommenssituation zu achten. Man hat genug Geld für Vollstipendien für alle Studenten, die man haben will. Das ist auch gut so. Schlecht ist, dass dies für die Allgemeinheit eben nicht gilt. So lässt sich auf Mikroebene nur ein Teil des Gesamtschadens ausgleichen, der da gesamtwirtschaftlich politisch gewollt veranstaltet wird.

Auch die Schaffung von privaten Arbeitsplätzen zum Spendenanwerben kann man aber auch teilweise als Gegenentwicklung zu der Entwicklung verstehen, die sich aus der Tatsache ergibt, dass der amerikanische Kongress die Mittel für den Verwaltungsapparat vieler Bundesbehörden, unter anderem der Bundessteuerbehörde aber auch einiger Behörden zur Beaufsichtigung des Finanzsystems, immer mehr zusammenstreicht. Dahinter steht natürlich eine Strategie. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Ted Cruz will ja sogar die Federal Reserve wieder abschaffen und zum Goldstandard zurückkehren. Dann spart man sich also selbst das Gelddrucken und buddelt dafür wieder munter etwas mehr in der Erde rum. Ob diese Art von Hirngespinsten vielleicht Sandkistenhintergründe hat, will ich hier nicht weiter hinterfragen. Es bleibt jedoch unklar, ob Trump oder Cruz die größere Katastrophe für die Menschheit wäre. Wenn die Angelegenheit nicht am Ende wirklich dumm ausgeht, wird man hierüber irgendwann vielleicht Hollywood-Komödien drehen. Die Steuervorschläge der Republikaner laufen im Kern jedenfalls nur auf eines hinaus: Super-Reiche sollten eigentlich keine Steuern zahlen, die gesellschaftliche Veranstaltung genannt Staat gehört abgeschafft.

Es ist dabei für mich wenig überraschend, dass sich in der Gesellschaft, jedenfalls bei weiten Teilen der „lower 99 percent“, viel Frustration angesammelt hat. Dies ist auch der Hintergrund für den für Amerika durchaus überraschenden Befund, dass sich immer mehr Bürger selbst als der Arbeiter- und Unterschicht zugehörig einstufen. All das ist Ausdruck der schrumpfenden Mittelschicht – von den Früchten des „trickle down“ geradezu überschüttet. Verwunderlich ist nur, dass sich im amerikanischen Klassenkampf weite Teile der weißen Arbeiterklasse einen peinlichen Milliardär zum Führer ausgewählt haben. Der Peinigung sind kaum noch Grenzen gesetzt.

 

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