Archiv | 11.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Italien im Frühling, Europa im Spätherbst

Ich war am Wochenende zu einer Konferenz über die globale und europäische Wirtschaftslage in Norditalien eingeladen, die sehr hochrangig besetzt war (hier die Internetseite dazu und hier eines der Interviews, die ich gegeben habe, allerdings in italienisch).

Beeindruckend war es wieder einmal, zu sehen und zu hören, wie viele Missverständnisse sich noch immer um die europäische Krise ranken und wie schwer es ist – wissenschaftlich und noch mehr politisch – eine Linie zu finden, die in Richtung Lösung oder wenigstens Ausweg zeigt. Ich will noch einmal die aus meiner Sicht wichtigsten Missverständnisse aufzeigen und daraus für Italien, das Land, das bei uns in den vergangenen Wochen ja im Fokus stand, einige einfache, aber, wie ich in den Diskussionen gesehen habe, nur schwer abweisbare Schlussfolgerungen zu ziehen.

Einige Krisenländer sind doch erfolgreich!

Noch immer geistert die Vorstellung durch die Köpfe, – wobei bei den meisten der Wunsch der Vater des Gedankens ist – die Krisenländer hätten sich mittlerweile gefangen und somit sei bewiesen, dass die „strukturellen Reformen“ positive Wirkungen erbringen können, man müsse sie halt nur politisch durchsetzen. Das ist, wie wir in fast jedem Konjunkturbericht zeigen, für ganz Südeuropa falsch, jedenfalls dann, wenn man die harten statistischen Daten anschaut. Aber selbst BIP-Berechnungen von statistischen Ämtern, die mit 0,5 oder 0,8 Prozent Zuwachs herauskommen, werden laufend zitiert, um zu beweisen, dass mittlerweile die Wende z. B. in Italien geschafft ist. Dahinter steht einfach mangelndes Wissen, denn mit einer solchen Zahl kann man absolut nichts beweisen, sie kann ein Zufallsprodukt sein oder, wie wir immer wieder warnen, sich aus dem vorauseilenden Gehorsam von statistischen Ämtern ergeben, die alles zusammenkehren, was man nur an positiven Effekten zusammenkehren kann.

Aber Irland hat es doch geschafft!

Genau an der Stelle kommt dann so ziemlich bei jeder Konferenz ein Vertreter Irlands zu Wort, der in allen Einzelheiten erklärt, was in Irland passiert ist, wie erfolgreich man war und natürlich den Eindruck erweckt, man könne aus dem irischen Fall etwas lernen. Was üblicherweise vergessen wird zu erwähnen (wir haben es aber schon oft gesagt, z. B. hier, in unserer gründlichen Auseinandersetzung mit den sogenannten Programmländern), ist die schlichte Tatsache, dass Irland einfach nicht vergleichbar ist, weil es eine ganz absonderliche Wirtschaftsstruktur hat, deren wichtigster Ausdruck ein Exportanteil von über einhundert Prozent am BIP ist. Weist man darauf hin, wie ich es am Wochenende wieder getan habe, dass Italien und die anderen südeuropäischen Länder einen Exportanteil von 25 Prozent am BIP haben, ist die Diskussion sofort zu Ende. Ich wette aber, dass dieses Argument bei 90 Prozent aller Konferenzen auf der Welt nicht erwähnt wird und der Fall Irland somit als der Beweis gilt, dass die „Reformen“ wirken. Wären die Ökonomen Wissenschaftler, müsste man ein solches Argument nicht immer wieder bringen, einmal in der Welt, würde es sich durchsetzen, weil es unwiderlegbar ist, aber Ökonomik und Wissenschaft ist wohl grundsätzlich unvereinbar.

Alle Europäer müssen wettbewerbsfähiger werden!

Man glaubt es nicht, aber auch dieses Argument kommt in großer Heftigkeit weiterhin. Dass Europa eine große, fast geschlossene Volkswirtschaft ist, die zudem einen frei floatenden Wechselkurs gegenüber dem Rest der Welt hat (der gerade sinkt, was heißt, dass man weniger Euro braucht, um einen Dollar zu kaufen, der Euro also wieder aufwertet, nachdem er einige Monate gestiegen war), sollte eigentlich volkswirtschaftliche Grundschule sein, ist aber einfach nicht in die Köpfe zu bekommen. Dass der Wechselkurs die Funktion hat, Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Volkswirtschaften auszugleichen und daher jeder Versuch eines Wettkampfs der Nationen unter diesen Bedingungen sinnlos ist, geht wohl zu sehr gegen den Wunsch, es könne so etwas wie Wettkampf der Nationen geben, als dass man als Volkswirt das Publikum in dieser Hinsicht desillusionieren könnte.

Selbst der noch viel schlimmere Fehler, dass man nämlich so tut, als könnten die Europäer innereuropäisch etwas erreichen, wenn sie alle versuchen, wettbewerbsfähiger zu werden, wird ohne Skrupel verkündet. Auch hier dauert es nur zwei Minuten, um dieses Argument – für den Moment wenigstens – aus der Welt zu schaffen. Aber wie kann es sein, dass die Volkswirte nicht jeden Tag irgendwo auf der Matte stehen, um jedem Politiker einzutrichtern, dass er Unsinn erzählt, wenn er so etwas sagt?

Das, was Italien und andere tun, geht doch in die richtige Richtung!

Selbst diejenigen, die verstehen, was in der Europäischen Währungsunion passiert ist, glauben, man könne mit allmählichen Anpassungen, also kleinen, aber permanenten „strukturellen Reformen“ die Probleme lösen. Für Italien ist das Problem, einen Wettbewerbsrückstand gegenüber Deutschland, wie wir immer wieder zeigen, von etwa dreißig Prozent auszugleichen (also Lohnstückkosten, die seit Beginn der Währungsunion um dreißig Prozent mehr als in Deutschland gestiegen sind).

Italien ist stolz auf das, was es schon getan hat in Sachen Reform des politischen Systems (siehe beispielweise die beiden Artikel von Guiseppe Vandai in der vergangenen Woche bei uns) und des Arbeitsmarktes. Bei letzterem geht es vor allem um die sogenannte Flexibilisierung, also um die Lockerung des Kündigungsschutzes oder größere Lohnflexibilität. In jedem Interview eines italienischen Journalisten ist die erste Frage: Aber das, was wir jetzt am Arbeitsmarkt tun, ist doch richtig oder? Und die italienische Politik, so ist Politik nun einmal, glaubt selbstverständlich, dass man dann, wenn man in die richtige Richtung geht, auch schon das Richtige getan hat. Das ist falsch.

Ich will und kann nicht im Einzelnen beurteilen, ob das, was da am italienischen Arbeitsmarkt geschieht, richtig oder gerechtfertigt ist. Ich kann aber ganz klar und eindeutig sagen, dass man damit das italienische Problem in der EWU nicht lösen könnte, selbst wenn diese Maßnahmen in die richtige Richtung gingen. Nehmen wir an, es würde gelingen, die italienischen Löhne und die Lohnstückkosten im Zuge solcher Maßnahmen von nun an jedes Jahr um ein Prozent zu drücken (weil die italienische Produktivität derzeit nicht wächst, würde das Sinken der Nominallöhne um ein Prozent tatsächlich auch einen Rückgang der Lohnstückkosten um ein Prozent bedeuten). Auf diese Weise könnte die italienische Wirtschaft, wenn die Löhne und Lohnstückkosten in Deutschland und den anderen wichtigen Handelspartnern steigen, über viele Jahre (ob zehn oder zwanzig ist nicht von Belang) ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.

Das würde jedoch nichts anderes bedeuten, als dass der italienische Binnenmarkt von nun an jedes Jahr schrumpft und die Deflation immer stärker wird – und das für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre. In einem großen Teil dieser Jahre würde die Lohnsenkung und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit noch keinerlei positive Wirkung zeigen, weil der absolute Rückstand zu Deutschland immer noch groß ist und somit keine Marktanteile zurückgewonnen werden können. Für Italien hieße das folglich, noch einmal (nach jetzt schon fünf Jahren Rezession) fünf bis zehn Jahre Rezession, Anstieg der Arbeitslosigkeit und Verzweiflung in der Bevölkerung. Genau das aber hält die Demokratie nicht aus bzw. eine Demokratie, die in Europa verwurzelt bleibt. Bevor es so weit kommt, wird jede europafreundliche Regierung aus dem Amt gejagt und der Nationalismus feiert fröhliche Urständ.

Ich habe das in Cernobbio auf die einfache und für das italienische Publikum wohl ziemlich eindrückliche Formel gebracht, Italien könne sich jetzt nur noch entscheiden, ob es langsam wirtschaftlich sterben wolle oder schnell. Langsam, wenn es sich in kleinen Schritten oder gar nicht bewegt. Schnell, wenn es versuchen würde, wie zuvor in Griechenland, Spanien oder Portugal, die Löhne in kurzer Zeit um dreißig Prozent zu senken. Der Punkt ist im Grunde leicht zu verstehen, aber die traditionelle Ökonomik versperrt einem normalen Volkswirt den Weg dahin: Es gibt keinen Weg, das allgemeine Lohnniveau in einem Land wie Italien (oder Frankreich) um zwanzig oder dreißig Prozent zu senken, ohne eine wirtschaftliche Katastrophe auszulösen. Deswegen reden die normalen Volkswirte über dieses und jenes, aber nie über den eigentlichen Punkt, um den es geht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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