Archiv flassbeck-economics | 26.04.2016 (editiert am 25.05.2016)

Löhne und Preise in Deutschland

Oder warum Europa der Deflation auch in zwanzig Jahren nicht entkommen kann – Teil 2

Was ist wirklich geschehen? Deutschland hat seit Mitte der neunziger Jahre schon (mit einer kurzen Unterbrechung 1999 und 2000 aufgrund der Intervention von Teilen der ersten rot-grünen Bundesregierung) Lohnzurückhaltung betrieben, die natürlich von den Nominallöhnen ausging, denn nur die werden von den Tarifpartnern ausgehandelt. Das geschah auf Seiten der Arbeitnehmer nicht freiwillig. Es gab, das muss man den Gewerkschaften zugute halten, massivste politische Einflussnahme von Seiten der Bundesregierung nach dem März 1999 zulasten der Arbeitnehmerseite und schließlich eine unmittelbare Verschlechterung der Verhandlungsposition der Arbeitnehmervertretung durch die rot-grüne Bundesregierung, die sich angesichts ihrer vollkommenen Hilflosigkeit Anfang der 2000er Jahre entschlossen hatte, lupenreine neoklassische Rezepte anzuwenden.

In der ersten Phase, wie die Graphik zeigt ging das bis 2008 etwa, kam es zu erheblichen Reallohnverlusten (die gestrichelte grüne Kurve bleibt hinter der gestrichelten gelben zurück), weil die Preise natürlich nicht sofort auf die Rückgänge bei den Lohnstückkostenzuwächsen reagierten. Das traf den Binnenmarkt, der von nun an durchweg stagnierte, aber die relative Kostensenkung (die sich im Abstand von blauer und roter Kurve zeigt, weil die rote Kurve die Linie angibt, die man hätte erreichen müssen, um das europäische Inflationsziel einzuhalten) größer und wirkte immer mehr positiv auf die Handelsströme im deutschen Sinne.

Gewerksch1

 

Dann aber kam die große Krise in der gesamten Welt und in Europa und damit entstand ein weit größerer deflationärer Druck als der, der zu Anfang nur von Deutschland gekommen war. Zunächst führte die europäische Krise zu sinkenden Löhnen und nach 2014 kam noch die Rohstoffpreisbaisse dazu.

Deutschland hatte sich bis dahin schon eine überlegene Wettbewerbsposition gesichert. Man muss immer bedenken, dass sich Wettbewerbspositionen von Jahr zu Jahr kumulieren, weil die Lohnstückkostendifferenz jedes Jahres den absoluten Abstand zu den Handelspartnern vergrößert. Nach 2014 kam Deutschland bei nur wenig stärker steigenden Nominallöhnen als zuvor, also nun ohne eigenes Zutun, in den Genuss fallender oder jedenfalls weit weniger steigender Preise. Die Reallöhne steigen seit Beginn des Jahres 2015 deutlich, weil die Preise (vor allem auf der Verbraucherstufe und verstärkt durch die Rohstoffpreisbaisse) rückläufig waren.

Dass man nun auf Seiten der Gewerkschaften beginnt, diese Entwicklung zu bejubeln, liegt sicherlich daran, dass man erkennt, wie schwer es auch bei gesunkener Arbeitslosigkeit ist, merklich höhere nominale Lohnsteigerungen durchzusetzen. Warum, sagt man sich da offenbar, soll ich nicht „meine Erfolge“ bejubeln, wo doch das, was ich anstrebe, nämlich die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu verbessern, sich so schön automatisch ergibt. Doch das ist eine extrem kurzsichtige Einstellung. Auch die Aussage des IMK, dass man jetzt sehe, dass steigende Reallöhne doch eigentlich gut sind, denn sie würden die Schaffung von Arbeitsplätzen begünstigen, ist prinzipiell richtig, darf man aber im deflationären Zusammenhang nicht einfach so hinstellen.

Das, was von der derzeitigen Deflation von der Weltwirtschaft, also vor allem von den Rohstoffpreisen kommt, ist nicht einfach wie eine Erhöhung der Produktivität zu behandeln, selbst wenn dieser Effekt (den man in der Verteilungsrechnung terms-of-trade-Effekt nennt) kurzfristig so wirkt. Es ist ein Effekt, der aus einem globalen Nullsummenspiel (also einer Umverteilung von Rohstoffproduzenten zu Rohstoffkonsumenten) resultiert, was auf Dauer nicht zu halten ist, sondern sich wieder umdrehen wird. Das, was von der derzeitigen Deflation aus Europa kommt, ist noch viel weniger gut, weil es Ausdruck eines ungelösten Kampfes um Marktanteile ist, den Deutschland kurzfristig mit Hilfe der Europäischen Währungsunion für sich entschieden hat.

Eigentlich müsste man spätestens jetzt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches erkennen, dass die ganze Operation Lohnzurückhaltung für die Binnenwirtschaft sinnlos war. Man hat einige Jahre auf Reallohnsteigerungen verzichtet, die natürlich auch eine Konsumbremse waren und in der Binnenwirtschaft Unternehmen und Arbeitsplätze vernichtet haben. Was jetzt passiert, stellt dafür einen gewissen Ausgleich dar (den die Arbeitgeber aber mit einer Wende nach unten sofort wieder in Frage stellen), weil ganz Europa (auf der deutschen Schmierseife sozusagen) in die Deflation geschliddert ist. Der deutsche Binnenmarkt holt deswegen ein wenig von dem auf, was er in den Jahren zuvor verloren hat.

Das aber ist kein Grund zum Jubeln, weil das alles mit einer Deflation erkauft wurde, die droht, Europa für viele Jahre oder gar Jahrzehnte zu lähmen? Hinzu kommt die unsäglich schlechte wirtschaftliche Entwicklung in ganz Europa, die vom größten Gläubigerland Deutschland maßgeblich geprägt ist, aber wieder auf Deutschland negativ zurückwirkt.

Wären die deutschen Nominallöhne durchgängig seit Beginn der Europäischen Währungsunion um vier Prozent gestiegen, hätte der deutsche Binnenmarkt die ganze Zeit um real zwei Prozent zugelegt und würde jetzt (wegen der sinkenden Rohstoffpreise) sogar ein wenig mehr als diese zwei Prozent real zulegen. Die ganze Zeit wären Arbeitsplätze im Inland geschaffen worden und die Europäische Währungsunion wäre nicht unheilbar erkrankt.

Per Saldo bleibt die Spaltung Europas via deutschem Exportboom und irrsinnigen Leistungsbilanzüberschüssen. Diese Spaltung geht jedoch nicht weg, wenn die deutschen Nominallöhne nicht stärker als 2 oder 2 ½ Prozent steigen, es sei denn, die großen Länder wie Italien und Frankreich machen eine ähnliche Wahnsinnsoperation wie die südeuropäischen Länder und senken Ihre Nominallöhne absolut beträchtlich. Das brächte noch mehr Deflation und einen Binnenmarktkatastrophe plus noch mehr Arbeitslosigkeit in diesen Ländern, was keine demokratische Regierung überstehen würde.

Im Ergebnis bleibt es bei dem, was wir hier all die Jahre vertreten: Ohne dass Deutschland auf den internationalen Märkten wieder Anteile abgibt, die es sich in der Vergangenheit durch die mit der relativen Lohnsenkung verbundene reale Abwertung erschlichen hat, gibt es keine Lösung. Dafür müssen die deutschen Nominallöhne viele Jahre weit stärker als im Moment steigen. Vier bis Fünf Prozent für zehn Jahre ist immer noch die Größenordnung, um die es geht.

Jetzt die der europäischen Deflation geschuldeten deutschen Binnenmarkterfolge zu bejubeln und so zu tun, als könnten diese kleinen, quasi automatischen Korrekturen der deutschen Reallohnentwicklung die außenwirtschaftlichen Probleme lösen, ist zynisch. Dass Arbeitgeber und Parteien, die sich mit ihren Erfolgen brüsten wollen, das nicht verstehen wollen, kann man nachvollziehen. Dass Gewerkschaften und von ihnen bezahlte Wissenschaftler in diese von der anderen Seite aufgestellte Falle tappen, ist dumm. Es ist aber nicht nur dumm, sondern für Europa eine schlichte Katastrophe, weil, wie das IMK so schön sagt, die Löhne steigen „unter Wahrung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit“. Genau hätte nicht passieren dürfen.

Lesen sie im dritten Teil, warum der schwache deutsche Produktivitätsfortschritt auch mit der Lohnzurückhaltung zu tun hat und was konkret in dieser Lohnrunde zu tun wäre.

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