Löhne und Preise in Deutschland

Oder warum Europa der Deflation auch in zwanzig Jahren nicht entkommen kann – Teil 3

In der ganzen Diskussion um Löhne und Lohnverhandlungen wird üblicherweise die Produktivität als gegeben angenommen. Die Produktivität fällt sozusagen vom Himmel. Sie wird als Ergebnis des technischen Fortschritts angesehen und der, so die übliche Sichtweise, hat nichts mit der Lohndynamik oder der gesamtwirtschaftlichen Dynamik zu tun. Das ist mehr als fragwürdig.

In einem marktwirtschaftlichen System fällt nichts vom Himmel, sondern alles ist Ergebnis der wirtschaftlichen Dynamik, die ihrerseits von der Wirtschaftspolitik einschließlich der Lohnpolitik stark geprägt wird. Insbesondere die Investitionstätigkeit, die der wichtigste Träger des technischen Fortschritts ist, ist abhängig von der Dynamik der Gesamtwirtschaft und von dem Druck, den der Wettbewerb für jedes einzelne Unternehmen schafft.

Wenn wir von Produktivität sprechen, dann sprechen wir hier von der Produktivität der Arbeitskraft oder Arbeitsproduktivität. Im Gegensatz zu dem, was die neoklassische Kapitaltheorie behauptet, liegt hier die entscheidende Größe, die über Erfolg oder Misserfolg von wirtschaftlicher Entwicklung entscheidet. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Entlohnung der Arbeit darüber entscheidet, wie groß die Anstrengungen der Unternehmen sind, um Arbeit durch Kapital zu ersetzen.

Und das, machen wir uns nichts vor, ist genau das, was die Menschheit voran bringt. Ja, die ganze Geschichte der Industrialisierung ist gekennzeichnet davon, dass die Menschen versucht haben, Dinge effizienter und mit weniger Mühsal für den Menschen herzustellen. Steigen die Löhne kräftig und für alle Unternehmen in gleichem Maße, ist das zentrale Bestreben, das die Unternehmen antreibt, der Versuch, über Rationalisierungsprozesse Kosten zu sparen und mit weniger Arbeitskräften auszukommen. Das führt aber nicht, auch das habe ich dort gezeigt, wie die Neoklassik vermutet, zu Arbeitslosigkeit bei gegebenen Einkommen, sondern zu steigendem Einkommen bei gegebener Beschäftigung.

Dieser Prozess läuft auf der mikroökonomischen Ebene in der Weise ab, dass alle Unternehmen gezwungen sind, sich an eine bestimmte Lohnerhöhung anzupassen, ganz gleich, wie hoch ihr individueller Produktivitätsfortschritt ist. Ist der allgemeine Lohn durch die durchschnittliche Produktivitätszunahme und das Inflationsziel vorgegeben, müssen die Unternehmen die Kostenbelastung entweder durch eigene Produktivitätsanstrengungen ausgleichen oder die Preise erhöhen, wenn sie ersteres nicht können. Dienstleistungsbetriebe oder der öffentliche Dienst, die ein weit geringeres Potential haben, um die Produktivität zu erhöhen, sind ständig gezwungen, die Preise den steigenden Kosten anzupassen. Industriebranchen, die besonders produktiv sind, sind dagegen in der Lage, die Preise zu senken, weil ihr Produktivitätszuwachs deutlich über dem des Durchschnitts der Volkwirtschaft liegt.

Ein Unternehmen, das im Wettbewerb mit anderen Unternehmen in der gleichen Branche steht, versucht unter diesen Umständen, produktiver als seine Konkurrenten zu sein, um sich Vorsprünge im Wettbewerb zu erarbeiten. Das ist die Art von konstruktivem unternehmerischem Wettbewerb, den Joseph Schumpeter vor hundert Jahren als charakteristisch für den Erfolg des Kapitalismus beschrieben hat.

Genau diesen für den Erfolg der wirtschaftlichen Entwicklung absolut notwendigen Prozess hat man in Deutschland mit der „Arbeitsmarktflexibilisierung“ zu Beginn dieses Jahrhunderts weitgehend eliminiert. Aber auch im Rest der Welt wurde das, was die Gewerkschaften in Deutschland einst die „Produktivitätspeitsche“ genannt hatten, mehr und mehr abgeschwächt. Wenn die allgemeine Lohnerhöhung die Summe von Produktivitätszunahme und Inflationsziel für die Volkswirtschaft nicht ausschöpft, sinkt für die Unternehmen der Anreiz, mehr zu investieren, weil sie ihre Kapazitäten systematisch nicht voll auslasten können.

Noch schlimmer war es, das Instrument zu demolieren, das in Deutschland in der Vergangenheit ganz besonders erfolgreich gemacht hatte. Der Flächentarifvertrag, also die Lohnerhöhung unabhängig von Branche und Art des Betriebes, war lange Zeit das, was Deutschland gegenüber anderen Ländern eine besonders gute Produktivitätsentwicklung beschert hatte. Den Flächentarifvertrag aufzuweichen und „individuelle“ Lösungen für Betriebe in Abhängigkeit von ihrer wirtschaftlichen Situation zuzulassen, wie das die Rot-Grüne Regierung unter Gerhard Schröder durchsetzte, war ein absurder und fataler Verstoß gegen die Regeln, die eine erfolgreiche Marktwirtschaft kennzeichnen.

Unternehmen, die die allgemeine Produktivitätsvorgabe nicht einhalten können oder nicht in der Lage sind, ihre Preise so stark wie ihre Konkurrenten zu erhöhen (weil die Qualität ihres Angebots zum Beispiel nicht ausreichend gut ist), sich aber dadurch im Wettbewerb behaupten können, dass sie erfolgreich mit ihren Arbeitnehmern über Lohnzugeständnisse verhandeln, ist das Ende der normalen Marktwirtschaft. Das bedeutet nämlich nichts anderes als die massenhafte Subventionierung solcher Unternehmen durch die Arbeitnehmer.

Wie ich in der Serie über die Automatisierung im Januar gezeigt habe, hat die gesamte Konstellation von Kosten und Nachfrage in der neoliberalen Welt dazu geführt, dass die Unternehmen hohe Gewinne machen können, ohne wirklich kräftig zu investieren. Wie anders soll man interpretieren, dass die Investitionsquoten (siehe die Abbildung aus diesem Beitrag) fast in der gesamten westlichen Welt tendenziell sinken, obwohl die Wirtschaftspolitik alles für die Unternehmen tut, was man sich neoklassisch vorstellen kann.

Investitionsquote

Daraus folgt, dass die Lohnpolitik mittelbar und unmittelbar Einfluss auf die Produktivitätsentwicklung hat. Alles, was Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren in Sachen „Lohnflexibilität“ getan hat, war geeignet, den Produktivitätsfortschritt abzuschwächen. Nimmt man das zur Kenntnis und will etwas dagegen tun, ist es unangemessen, in die Lohnformel die aktuelle Produktivitätsrate aufzunehmen. Vielmehr muss man zurückgehen zu einer Produktivitätsrate wie sie vorherrschte, als es noch normale Lohnverhältnisse gab.

Würde man nur, wie das in der folgenden Abbildung getan ist, die Lohnformel ausrichten an der Rate von 1,5 Prozent für die Produktivität und die Zielinflationsrate (die graue Kurve), kommt man für Deutschland auf 3,4 Prozent als die Norm, die für Lohnsteigerungen gelten müsste, wenn es keine Eurokrise gäbe.

Lohnentwicklung

Da Deutschland aber weit unter der grauen Kurve liegt, gibt es einen Nachholbedarf für den Fall, dass man andauernde europäische Deflation und einen Zerfall der EWU verhindern will. Folglich müssten die deutschen Nominallöhne für viele Jahre mindestens um 4,5 Prozent steigen, will man ein solches Horrorszenario (vor allem für deutsche Arbeitsplätze) ausschließen. Daran gemessen, ist jeder Vorschlag (oder auch jede unkommentierte Prognose, die eine solche Rate unterstellt), in der Größenordnung von zwei Prozent zu bleiben, unverantwortlich.

Dass die deutschen Arbeitgeber einschließlich der öffentlichen Hände sich offenbar entschlossen haben, ein Exempel zu statuieren und die Schwäche (bzw. in manchen Fällen den vorauseilenden Gehorsam) der Gewerkschaften auszunutzen, ist ein schlimmes Signal. Es zeigt, dass Deutschland bereit ist, mit großer Brutalität, seine merkantilistische Politik fortzusetzen und den Zusammenbruch der Europäischen Währungsunion dabei in Kauf zu nehmen.

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