Der Markt als kollektive Rationalität ist gescheitert

„Boom Bust Boom“ heißt das neueste filmische Werk des britischen Komikers und ehemaligen Mitglieds der Gruppe Monty Python, Terry Jones. Entsprechend komödiantisch ist die Aufmachung der in diesem Jahr erschienenen US-Produktion – trotz eines ernsten Themas: Die Finanzkrise von 2008. Diese Herangehensweise an – wie der Titel schon sagt – Zyklen von Aufschwung, Boom, Blasen und Pleiten entbehrt dennoch nicht einem informativen Gehalt und ist durchaus sehenswert.

Jones selbst führt als Moderator durch eine Rahmenhandlung, die mit der Beschreibung der bis heute andauernden Krise beginnt und dabei immer wieder Vergleiche mit der Großen Depression der 1930er-Jahre zieht. Dies wird zum Beispiel mit Rückblenden auf in diesem Kontext bezeichnende „State of the Union“-Reden der US-Präsidenten Calvin Coolidge und George W. Bush umgesetzt.

Schon die Ausschnitte zeigen, dass die Reden von Coolidge im Jahr 1928 („No Congress of the United States ever assembled, on surveying the state of the Union, has met with a more pleasing prospect than that which appears at the present time. In the domestic field there is tranquility and contentment, harmonious relations between management and wage earner, freedom from industrial strife, and the highest record of years of prosperity.“) und von Bush im Jahr 2006 („Our economy is healthy and vigorous, and growing faster than other major industrialized nations.“) weniger von Weitsicht als von Hybris kündeten. Im Rückblick hätte man sowohl 1928 als auch 2006 das Platzen der den Booms zugrunde liegenden Spekulationsblasen kommen sehen können.

Fast unweigerlich fragt man sich an diesem Punkt, ob eine Vorhersage von Wirtschaftskrisen generell überhaupt möglich ist, wenn schon die Ökonomen sie damals nicht kommen sahen. Während Bush die gesunde und prosperierende Ökonomie der USA pries, warnten immerhin eine Handvoll Akademiker am Rand der Disziplin – von denen einige im Verlauf des Films zu Wort kommen – vor den Finanzproblemen.

Mit Puppen und Zeichentrick-Episoden legt Jones dann den Fokus auf den Boom vor dem letzten “Bust”, der sich durch versteckte Risiken und eine Schein-Effizienz auszeichnete. Das beste Beispiel sind die sogenannten NINJA-Kredite (No Income, No Job, no Assets) und die dahinter stehende fatale Annahme der Banken, dass die Immobilienpreise immer weiter steigen würden. Leider versäumt der Film zu beleuchten, was zur Vergabe dieser Kredite beitrug. Dass etwa auch solche Kunden mit “sub-prime”-Krediten bedacht wurden, die aufgrund ihrer Finanzlage auch herkömmliche Kredite hätten haben können. Dass stattdessen die Unkenntnis der Kunden ausgenutzt wurde, um ihnen die teureren (höher verzinsten) “sub-prime”-Kredite anzudrehen.

Eine Stärke der Dokumentation ist es dafür, nicht nur die Parallelen in den Mechanismen und Abläufen zwischen der Großen Depression und der letzten Finanzkrise zu verdeutlichen, sondern in der Geschichte der Finanzkrisen insgesamt. Von der “Tulipmania” in Amsterdam im 17. Jahrhundert über die “South Sea Bubble” in England im 18. Jahrhundert und die “Railway Mania” im 19. Jahrhundert bis zum “Great Crash” von 1929 wird deutlich, dass Finanzkrisen endogen sind. Sie entstehen im Verlauf des Wirtschaftszyklus und gehören somit zum Kapitalismus. Durch die Spekulation mit geliehenem Geld (Kredit) zwingen die Finanzmärkte der Wirtschaft letztlich den ewigen Rhythmus von Aufschwung und Einbruch auf. Zeiten von Stabilität auf den Finanzmärkten führen wieder zu steigender Risikobereitschaft, da vorherige Krisen in Vergessenheit geraten. “Innovationen” verleiten Investoren zu dem Trugschluß: “this time it’s different” – als ob die kapitalistische Kinderkrankheit der Rezessionen und Depressionen überwunden wäre.

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass der Film den 1996 verstorbenen Hyman Minsky hervorhebt. Der lange weitgehend unbekannte Ökonom hatte schon in den 70er-Jahren wesentliche Behauptungen Milton Friedmans zur Stabilität der Finanzmärkte widerlegt. Im Gegenteil, so Minsky in Bezug auf Finanzmärkte, wirke Stabilität vielmehr destabilisierend. Damit war er ein einsamer Rufer in der Wüste. Erst der Ausbruch der letzten Krise hat seinen Thesen zu verspäteter Popularität verholfen. Und die letzten Jahrzehnte scheinen ihn zu bestätigen.

Jones´ “Boom Bust Boom” wirft damit auch für den universitären Wissenschaftsbetrieb Fragen auf: Warum wird dort etwa die Betrachtung der finanziellen Seite des Kapitalismus vernachlässigt? Warum werden statt Krisen auf den Finanzmärkten nur Modelle gelehrt, die letztlich auf Tauschhandel basieren und weitestgehend ohne eine realistische Finanzsphäre auskommen?

Es bedarf nicht mehr der Erwähnung, dass der Film die nach wie vor an den Universitäten gelehrte Neoklassik mit für die Krise verantwortlich macht. Die auf dieser Lehre fußende Ideologie des “freien” Marktes verleitete unter anderen den damaligen US-Notenbankpräsident Alan Greenspan zu dem Glauben, dass die Märkte sich selbst regulieren würden. Da sie an ihrem eigenen Überleben interessiert seinen, hätten Banken kein Interesse an hochriskanten Geschäften, so die gängige Auffassung. Derselbe Greenspan gestand später vor dem US-Kongress, dass seine Weltsicht des Marktes als kollektive Rationalität gescheitert wäre.

Dieses Scheitern lässt sich analytisch ohne weiteres nachvollziehen. In einer Krise wollen alle Akteure auf dem Finanzmarkt verkaufen, um das Risiko eines Verlustes an Vermögen durch fallende Aktienkurse zu vermeiden. Ein Markt aber ist just zu dem Zeitpunkt nicht mehr gegeben, indem alle Akteure mit ihrer Rationalität zum gleichen Entschluss kommen: es gibt keine Käufer, somit keine Nachfrage und auch keinen Preis. Genau dieses Szenario existierte aber während der Finanzkrise auf einigen Kreditmärkten. Das ist das Ende der kollektiven Rationalität.

Das Gleiche gilt für Haushalte und Unternehmen: wollen alle gleichzeitig mehr sparen, schränken sie ihre Ausgaben ein. Dies führt zwangsläufig bei einigen Akteuren zu sinkenden Einnahmen. Da aus Einkommen gespart wird, muss dieser Umstand zwangsläufig die Ersparnisse der einen in genau dem Ausmaß reduzieren, in dem andere ihre Ersparnis erhöhen. Die kollektive Rationalität versagt erneut.

Die zentrale Einsicht während der Großen Depression war es, dass der Staat in der Lage ist, den privaten Sektor aus dieser misslichen Lage zu befreien. Die Zentralbank kann nicht nur Aktienkurse stabilisieren, indem sie Finanzanlagen ankauft, sie kann auch den Banken unbegrenzt Geld leihen, um ihre Zahlungsunfähigkeit und den Zusammenbruch zu verhindern. Und nicht zuletzt kann der Staat durch zusätzliche Ausgaben Einkommen bei den privaten Haushalten schaffen, die diesen einen zusätzlichen Vermögensaufbau ermöglichen.

Leider versteift sich “Boom Bust Boom” zu sehr auf die Irrationalität des Menschen, der eben aufgrund jener Natur vor sich selbst geschützt werden müsse. Die daraus resultierende Schlussfolgerung, nämlich die der Regulierung des Finanzsektors, ist zwar richtig, aber zwangsläufig eingeschränkt. Übersehen wird die Notwendigkeit einer starken Ausweitung der privaten Verschuldung. Ohne sie wird es, wie schon zu Zeiten der Großen Depression, ein akutes Nachfrageproblem geben. Deutlich war dies in Spanien zu sehen, wo die nach dem Platzen der Kreditblase dramatisch hohe Arbeitslosigkeit erst durch die Lockerung der staatlichen Sparpolitik leicht gesenkt werden konnte. Gerade weil das Ziel des staatlichen Defizits von 3% des BIP deutlich verfehlt wird, hat das Land momentan akzeptable Wachstumsraten vorzuweisen.

Dass diese Lehre der Großen Depression in dem mit 74 Minuten recht kurz geraten Film fehlt, ist ein kleiner Wermutstropfen. Jones aber ist kein Ökonom, und so ist ihm diese Lücke um so mehr nachzusehen, als dass “Boom Bust Boom” trotzdem in die Riege der besseren Filme zur Finanzkrise fällt. Nicht zuletzt, da die immer wieder kurz eingespielten Erklärungen der Ökonomen dem deutschen Publikum zeigen, dass es auf internationalem Terrain eine andere Volkswirtschaftslehre gibt. Ökonomie kann auch ohne die immer gleichen ideologisch verbrämten Glaubenssätze auskommen (Sozialstaat abbauen, Löhne und Steuern senken, Rentenalter erhöhen).

U.a. kommen Andy Haldane, Randall, Wray, Dirk Bezemer, Willem Buiter, Steve Keen, James Galbraith, Perry Mehrling, Steven Kinsella und Daniel Kahneman zu Wort. Der Film kann über die Internetseite der Produzenten bezogen werden (Link).

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