Archiv flassbeck-economics | 22.04.2016 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 10

Mit dem heutigen zehnten Teil will ich diese Serie über die ökologischen Herausforderungen, die sich der Menschheit stellen, beenden. Was nach all den vorangegangenen Erörterungen bleibt, ist die Frage, ob und wie man Menschen, die auf der Erde unter vollkommen unterschiedlichen Bedingungen leben und arbeiten, dazu bringt, sich in ähnlicher Weise für Umweltschutz und für Fragen wie den Klimawandel zu interessieren und Schlussfolgerungen für ihr Verhalten daraus zu ziehen.

Als ich vor vierzig Jahren im Gefolge des Beginns der Nullwachstumsdiskussion in meiner Diplomarbeit zum ersten Mal etwas zu diesem Problem schrieb, war mein Ansatz, danach zu fragen, ob Umweltschutz in die Reihe der normalen Bedürfnisse des Menschen eingereiht werden kann. Meine Antwort von damals war ein entschiedenes „Nein“, und ich glaube auch heute noch, dass es die richtige Antwort war.

Ziel des normalen wirtschaftlichen Verhaltens des Menschen ist die Verbesserung seiner Lebensumstände. Zunächst geht es um die grundlegende Versorgung mit Lebensmitteln, dann um eine angemessene Unterkunft und so weiter. Mit der Industrialisierung ergab sich die Möglichkeit, den Lebensstandard allgemein zu erhöhen und in Segmente der Warenversorgung vorzudringen, die man mit Luxuskonsum oder Luxusinfrastruktur bezeichnen kann. Bevor der normale Bürger diese Segmente erreicht hat, spielen öffentliche Güter im Bereich des Erhalts der natürlichen Lebensgrundlagen keine große und prominente Rolle in der Bedürfnisskala, jedenfalls so lange keine Katastrophen passieren, die die Versorgung mit den normalen Gütern beeinträchtigen.

Erst wenn für viele Menschen ein Niveau der Versorgung erreicht ist, wo sie sich nicht mehr jeden Tag Gedanken machen müssen, wie sie über die Runden kommen, öffnet sich sozusagen ihre Präferenzordnung für Dinge wie Umwelt- oder Klimaschutz. Es ist kein Zufall, dass die Umweltbewegung in den siebziger Jahren begann, sondern Ergebnis eines solchen Prozesses. Nach zwei Jahrzehnten extrem erfolgreichen Wirtschaftens, das der Masse der Menschen ein Niveau der Versorgung mit normalen Gütern gesichert hatte wie niemals zuvor, realisierte man, dass diese Art des Wirtschaftens enorme negative Folgen für die natürliche Umwelt hatte.

Der letzte Satz ist nicht ganz richtig, weil er so klingt, als habe sich auf einmal die rationale Einsicht des Menschen (im Norden und Westen dieser Welt) in die Zusammenhänge ergeben und dann habe man sich geändert bzw. war bereit, sich zu ändern. Es war eher so, dass die Erfüllung und Übererfüllung vieler Wünsche auf der normalen Präferenzskala die Menschen nach neuen Bedürfnissen suchen ließ und die fanden sich, weil die natürliche Umwelt tatsächlich geschädigt war, da, wo man sie zwei Jahrzehnte vorher niemals gesucht hätte.

Auch in den fünfziger Jahren und Anfang der sechziger gab es schon Bücher, die eindringlich vor zunehmender Umweltzerstörung warnten, es hörte aber niemand darauf, weil alles Andere noch viel wichtiger war. Mikroökonomen würden sagen: Der sinkende Grenznutzen beim Verbrauch der normalen Güter machte den Weg frei für neue Güter und diese lagen schwerpunktmäßig im Bereich öffentlicher Güter wie Umweltschutz. In der Soziologie der siebziger Jahre nutzte man das Konzept der Hintergrunderfüllung: Alle Güter, deren Verfügbarkeit groß ist, treten in den Hintergrund und machen Platz frei für neue „Bedürfnisse“.

Überträgt man diese Überlegungen auf die globale Wirtschaft, ergibt sich allerdings eine erhebliche Schwierigkeit für die Möglichkeiten, eine globale Umweltpolitik zu betreiben. Da die Menschen weiterhin sehr unterschiedliche Chancen haben, die normalen Bedürfnisse abzudecken, kann man auch nicht unterstellen (oder gar verordnen), dass sie vergleichbare Bereitschaft haben, sich für Umwelt- oder Klimaschutz zu engagieren.

Das Problem der Entwicklungsländer mit den Vorstellungen der Industrieländer über Klimaschutz besteht darin, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes in einer anderen Welt leben, in einer Welt nämlich, in der es viel schwerer ist, den Menschen zu erklären, die Rettung des Planeten gehöre auf die Tagesordnung. Das ist aber nicht so, wie manche von sich selbst so ungeheuer überzeugte Nordmenschen glauben, weil die Politiker im Süden uneinsichtig sind. Es ist so, weil man Menschen, die jeden Tag dafür kämpfen müssen, sich angemessen zu ernähren, nur schwer erklären kann, dass sie auf das Wenige auch noch verzichten müssen, weil es wegen Klima- oder Umweltschutz teurer wird.

Das heißt, die Kosten der Verhinderung des Klimawandels können in einem Entwicklungsland im Süden – in Geldeinheiten ausgedrückt – viel niedriger als im Norden sein, ausgedrückt in dem Verzicht, den die Menschen leisten müssen, um sich dieses für sie unnötige Gut zu kaufen, sind sie sehr viel höher; dort, wo Menschen tagtäglich um ihr Überleben kämpfen, sind sie unendlich hoch.

Daraus folgt, dass nur eine erfolgreiche allgemeine Wirtschaftspolitik, eine Politik, die den Lebensstandard der Bürger deutlich erhöht, die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich die Menschen und die Politiker in den Entwicklungsländern unseren Maßstäben annähern und bereit sind, einen Teil der verfügbaren Güter wieder aufzugeben, wenn es zur Rettung des Planeten notwendig ist.

Genau hier aber liegt das zentrale Problem der nördlichen Einflussnahme auf die südliche Wirtschaftspolitik. Seit den siebziger Jahren werden den Entwicklungsländern systematisch die falschen Rezepte zur Belebung ihrer Wirtschaft angedient und aufgedrängt. Seit dem Beginn der neoliberalen Revolution ist es – außer in einigen asiatischen Ländern einschließlich Chinas, die fast immer eigenständige Konzepte verfolgten – nirgendwo mehr systematisch gelungen, ein Wirtschaftswunder in Gang zu setzen, das die Voraussetzungen für Umwelt- oder Klimaschutz entscheidend verbessert hätte. Vielmehr ist die Geschichte der Entwicklungspolitik eine Geschichte des westlichen Versagens, weil sich die Konzepte à la Washington Konsensus (also Neoliberalismus gepaart mit Monetarismus) niemals als erfolgreich erwiesen haben.

Wenn man heute im Norden davon spricht, man müsse den Entwicklungsländern auch im Sinne des Klimaschutzes helfen, ihre Wirtschaften aufzubauen, dann empfinden das viele Länder zu Recht als Drohung. Wir, und das gilt insbesondere für Europa, sind ja nicht einmal in der Lage, unsere eigenen Wirtschaften funktionsfähig zu halten. Europa verharrt seit der großen Finanzkrise in Deflation und Arbeitslosigkeit zugleich. Wieso sollen ausgerechnet wir in der Lage sein, für Länder, die unter völlig anderen sozialen und kulturellen Bedingungen leben, Rezepte zu entwickeln, die wirksam sind, die Unterernährung beenden (aber eben nicht durch Lebensmittellieferungen, sondern durch Hilfe zur Selbsthilfe) und der Masse der Menschen eine Perspektive zu bieten, die es erlaubt, in ihnen auch andere Präferenzen als die der reinen Güterversorgung zu wecken.

Insgesamt bedeutet das, dass es ohne eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik im globalen Rahmen auch keine erfolgreiche Klima- und Umweltpolitik geben wird. Einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik steht aber die neoliberale Ausrichtung eines Großteils der Ökonomen und der Politik entgegen. Bis es hier zu einer Wende kommt, wird, nach allem, was wir wissen, noch lange dauern. Deswegen dürfen sich auch die Klimapolitiker aller Ausrichtungen sich nicht zu schade sein, sich mit ökonomischen Fragen zu beschäftigen. Auch hier gilt, wer sich der Mehrheit der Ökonomen anvertraut, ist verloren.

 

 

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