Archiv | 06.05.2016 (editiert am 25.05.2016)

Professor Sinns Outing in der taz

Wie wichtig Interviews sein könnten, wenn es denn genügend gut geführte Interviews gäbe, haben vergangene Woche Ulrike Herrmann und Malte Kreutzfeld von der taz bewiesen (hier). Sie haben Professor Hans-Werner Sinn auf eine Art und Weise befragt, die auch dem Leser, der nicht vom Fach ist, klar machte: Hier weiß einer in vielen Punkten einfach nicht mehr weiter, weil seine Argumentation widersprüchlich und unfundiert ist. Kompliment an die taz-Journalisten!

Die Reaktion unserer Leser war entsprechend: Ein „kurioses Interview“ war der Tenor und wir sollten es doch noch einmal unter die Lupe nehmen. Ich will mich auf den zentralen Punkt konzentrieren, an dem Professor Sinn die „Reformen“ von Rot-Grün verteidigt und sofort selbst den methodischen Fehler macht, den er den Interviewern vorwirft.

Er beweist damit, dass er das Wichtigste, um dass es bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der „Reformen“ Anfang der 2000er Jahre geht, nicht verstanden hat oder nicht verstehen will: Nämlich dass man die Effekte der Lohnzurückhaltung auf die Binnenwirtschaft einerseits und die Außenwirtschaft andererseits trennen muss, um erklären zu können, was geschehen ist – und, noch viel wichtiger, verstehen zu können, dass die von ihm vertretene neoklassische Arbeitsmarkttheorie falsch ist.

Auf die Frage, ob er nicht die Wirkungen der Einführung des Mindestlohnes falsch eingeschätzt hat, sagt er, es handele sich dabei „um eine sogenannte differenzielle Berechnung.“ Man habe nur sagen wollen, dass es (irgendwann!) mit dem Mindestlohn 900.000 Stellen weniger geben werde, als es angesichts der guten Konjunktur ohne den Mindestlohn gegeben hätte.

Auf den Einwand, dass eine gute Konjunktur ja der Beleg dafür sein könnte, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze koste, sagt Professor Sinn dann wörtlich: „Sie wissen ja nicht, wie es sonst gewesen wäre. Im Übrigen zeigt die Vergangenheit, dass die Senkung von Mindestlöhnen Beschäftigung schafft.“ Als Beleg führt er an, dass die „Reformen“ zur Jahrtausendwende extrem positiv gewirkt haben. Seine Ideen, sagt er, „wurden durch die Hartz-Reformen aufgegriffen und haben Wunder bewirkt.“ Und dann stellt er fest: „Die Lohnzurückhaltung hat die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Arbeitnehmer verbessert.“

Das ist eine tolle Abfolge von Gedanken bzw. von geistigen Sprüngen, die so etwas wie einen geistigen Offenbarungseid bedeuten. Zunächst sagt er, ohne Mindestlöhne hätte die deutsche Konjunktur im Jahr 2015 explodieren und 900 000 Arbeitsplätze schaffen können. Das ist offensichtlicher Unsinn. Zumindest aber sagt er, dass sich ohne Mindestlöhne die konjunkturelle Situation zwischen 2015 und 2030 (man weiß ja nicht, was mittelfristig ist) so verbessert hätte, dass 900 000 Arbeitsplätze entstanden werden. Das ist ohne jede Bedeutung, denn in einem beliebigen Zeitraum gibt es immer so viele Änderungen und Schocks, dass man einer bestimmten Maßnahme bestimmte Effekte nicht mehr ursächlich zurechnen kann.

Dann aber macht er unmittelbar den gravierenden methodischen Fehler, den er den Interviewern vorwirft. Man weiß zwar prinzipiell nicht, wie es sonst gewesen wäre – bei den Hartz-Reformen weiß man es aber ganz genau. Da „zeigt die Vergangenheit“ auf einmal ganz genau, dass eine bestimmte Maßnahme Arbeitsplätze schafft – im Gegensatz zum Mindestlohn, wo man das ja nur aus der „differenziellen Berechnung“ ableiten kann. Woher weiß Herr Sinn in diesem Fall, was ohne Hartz-Reformen geschehen wäre? Vielleicht hätte es bei vernünftig steigenden Löhnen ein Wunder in der deutschen Binnenkonjunktur gegeben und heute würde jeder sagen, schaut mal, wie gut die Deutschen sich in der Währungsunion verhalten haben, weisen ein leichtes Defizit in der Leistungsbilanz auf, die Binnenkonjunktur ist stark und die anderen Länder sind alle kerngesund und prosperieren.

Wes Geistes Kind er ist, zeigt er endgültig damit, dass er das „Wunder der Hartz-Reformen“ unmittelbar mit der „Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit“ zu erklären versucht. Das genau hätte nicht passieren dürfen. Das ist mehr als ein Fehler, das ist Wunschdenken oder Demagogie, je nachdem für wie wichtig man Herrn Sinn hält. Wissenschaftlich ist das genau nicht. Professor Sinn outet sich genau damit als ein Mensch, der die Wissenschaft dauernd anführt, mit ihren Prinzipien aber nichts am Hut hat. Er widerlegt damit übrigens auch seine eigene Kapitalstromtheorie der europäischen Ungleichgewichte, aber das tut schon nichts mehr zur Sache.

Ein Wissenschaftler hätte folgendes sagen müssen: Wir wissen seit vielen Jahrzehnten, dass man zwei Effekte einer Lohnzurückhaltung unterscheiden muss bzw. zwei Kanäle der Übertragung von lohnpolitischen Impulsen. Es gibt die binnenwirtschaftliche Wirkung und die außenwirtschaftliche. Neoklassiker sind der Meinung, Lohnzurückhaltung wirkt auf beiden Feldern positiv, die meisten Keynesianer (schon Keynes selbst hat das in seinem berühmten 19. Kapitel der General Theory so geschrieben) glauben, dass es nur einen positiven Effekt gibt, nämlich den außenwirtschaftlichen, der aber nur dann eintreten kann, wenn andere Länder sich nicht dagegen wehren, etwa indem sie ihre Währungen abwerten.

Ein aufrichtiger Wissenschaftler hätte ergänzen müssen: Ich bin Neoklassiker, muss aber zugestehen, dass die positiven binnenwirtschaftlichen Wirkungen dieser Lohnsenkung schwer zu entdecken bzw. nicht vorhanden sind, denn der deutsche Binnenmarkt stagnierte genau seit der Zeit. Dagegen sind die positiven außenwirtschaftlichen Wirkungen eindeutig identifizierbar, weil es in der Währungsunion bis zur Krise keine Gegenreaktionen der anderen Länder gab. Folglich muss man die außenwirtschaftlichen Wirkungen relativieren, weil es offensichtlich ist, dass diese nur ein Land ein einziges Mal unter den besonderen Umständen einer neu gegründeten Währungsunion erfolgreich durchsetzen konnte. Ein generell einsetzbares Mittel ist das nicht, da haben die Keynesianer Recht.

Dieses Interview zeigt sehr gut, woran es in Deutschland und insbesondere in der sogenannten deutschen Wirtschaftswissenschaft mangelt: Das, was ich hier aufschreibe, hätten zehn oder zwanzig kritische Geister auf beiden Seiten des theoretischen Spektrums schon unmittelbar nach dem Interview schreiben und den Herrn Sinn damit auffordern müssen, seine Position als Neoklassiker generell zu revidieren oder sich aus der wissenschaftlichen Diskussion zu verabschieden. Stattdessen laufen aber 80 Prozent oder mehr der sogenannten Wirtschaftswissenschaftler der primitivsten aller Thesen hinterher, nämlich der, dass die Hartz-Reformen die Richtigkeit der neoklassischen Theorie bewiesen haben. Es ist eine Schande, aber wenn nur genügend viele dabei mitmachen, dann wird, wir kennen das zur Genüge, ganz schnell aus der Lüge die Wahrheit.

 

 

 

 

 

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