Milch Zapfanlage
Ökologie | 27.05.2016 (editiert am 02.06.2016)

Milch, Schweine und die Marktwirtschaft

Sinkende Preise bringen die Bauern in Bedrängnis. Doch nicht sie, sondern Politik und Ökonomen müssen umdenken.

Der Preis für einen Liter Milch fällt von 40 auf 20 Cent. Auch der Preis für Schweinefleisch fällt dramatisch und folgt offenbar dem Gesetz, das man einst den Schweinezyklus nannte. Einige sind darüber froh, einige regen sich auf. Viele Bauern, sagt man, hängen sich auf. Die Leitartikel sind voll von Milch und voller Ratlosigkeit (hier und hier zum Beispiel). Auch diejenigen, die mit den Bauern sympathisieren, scheuen sich, ernsthafte Konsequenzen zu ziehen. Niemand stellt die grundsätzliche Frage, um die es geht. Die Frage nämlich, ob man in einem Bereich, wo so etwas passiert, überhaupt mit marktwirtschaftlichen Regeln arbeiten kann. Die Antwort ist einfach: Nein!

Komischerweise fragt keiner der klugen Kommentatoren, warum eigentlich der Preis für Automobile noch nie auf die Hälfte gefallen ist und was politisch wohl alles passieren würde, wenn ein solcher Tsunami drohte, die deutsche Automobilwirtschaft zu verwüsten. Die deutsche Automobilindustrie würde ganze Batterien an publizistischen Sturmgeschützen auffahren, um der Gesellschaft klarzumachen, dass hier Investitionen und Millionen Arbeitsplätze gefährdet wären. Wer würde sich hinstellen und sagen, da kann man nichts machen, so ist es in der Marktwirtschaft nun mal?

Der Markt muss es in der Landwirtschaft richten, sagt auch jetzt noch die deutsche Orthodoxie. Vierzig oder gar fünfzig Jahre haben deutsche und andere ordoliberale Ökonomen mit Zähnen und Klauen darum gekämpft, dass endlich dieses schreckliche anti-marktwirtschaftliche Brüsseler Agrarregime fällt, das vom Butterberg bis zum Milchsee reichte. Nach vielen Jahren des Kampfes haben sie es endlich geschafft: Keine agrarischen Marktordnungen mehr und keine Subventionen für die Produktion und Lagerung von Produkten, die einfach nicht zu einem angemessenen Preis abgesetzt werden konnten.

Kleine Schwankungen, große Auswirkungen

Und jetzt das. Vierzig Cent brauchen die Bauern für einen Liter Milch, um ihre Kosten zu decken, und der Preis fällt in kurzer Zeit von vierzig auf zwanzig Cent. Warum ist das so? Das ist leicht zu verstehen, aber schwer in Politik umzusetzen, weil der Kopf eines normalen Ökonomen so voll ist mit der „freien Marktwirtschaft“, dass er keinen Platz zum Denken mehr hat. Man macht lieber Aldi und Lidl dafür verantwortlich, aber das Phänomen ist viel älter als Aldi und Lidl und seine Ursachen gehen viel tiefer.

Die Preise für Milch und Schweine – wie die der meisten agrarischen Produkte – verhalten sich wie Rohstoffe und schwanken in der Tat stark. Das liegt daran, dass in diesen Märkten die sogenannte Preiselastizität der Nachfrage gering ist. Die Produkte sind homogen und die Verbraucher verbrauchen immer ähnlich viel Milch, ganz gleich, ob der Preis zwanzig oder vierzig Cent pro Liter beträgt. Auch Öl wird kurzfristig nicht weniger verbraucht, wenn der Preis steigt, sondern der Käufer opfert einen Teil seines Einkommens, den er für andere Güter verbraucht hätte, für die Mehrkosten von Öl. Sinkt der Preis, macht der Konsument einen Gewinn und freut sich über ein höheres verfügbares Realeinkommen.

Die geringe Elastizität der Nachfrage führt bei vielen Nahrungsmitteln dazu, dass schon kleine Schwankungen des Angebots große Auswirkungen auf den Preis haben können. Genau umgekehrt ist das in einem Markt, wo die Nachfrage extrem elastisch ist: Da wird jedes angebotene Produkt verkauft, wenn es weniger kostet. Aus der geringen Nachfrageelastizität entsteht der Schweinezyklus. Die Bauern produzieren viele Schweine, wenn es gerade günstig erscheint, weil nämlich der Preis hoch ist. Sie investieren also in Stallanlagen, um noch mehr Schweine zu produzieren. Dann aber kommt der Punkt, wo das große Angebot an Schweinen auf einen Markt drückt, der nicht viel mehr Schweinefleisch aufnehmen kann, weil die Verbraucher einfach nicht mehr Schwein essen, weil viel billiges Schweinefleisch da ist. Dann sinkt der Preis dramatisch schnell, weil das Produkt nicht lagerbar ist, und die Bauern sitzen in ihren übergroßen Ställen und können die Schweine nicht mehr loswerden. Die Folgen sind bankrotte Betriebe und der Beginn eines neuen verrückten Zyklus. Denn nun werden systematisch zu wenige Schweine produziert, so dass der Preis wieder übermäßig steigt und der Schweinezyklus beginnt von vorne.

Man kann nun auch leicht erklären, warum die Automobilpreise so extrem stabil sind bzw. sich nur nach oben bewegen. In diesen Märkten gibt es keinen ausgeprägten Schweinezyklus, weil die Reaktion der Verbraucher auf Preisschwankungen wesentlich größer ist. Ein Preisrückgang um zehn Prozent würde schon einem Verkaufsboom auslösen, weil auch diejenigen, die ein neues Auto erst in einem Jahr brauchen, heute sofort zuschlagen würden. Wer aber kauft heute Milch, die er erst in einem Jahr braucht? Zudem setzen in den Märkten für verarbeitende Produkte die Unternehmen alles daran, sich über Produktdifferenzierung einen spezifischen Kundenstamm zu schaffen, der nicht so leicht zur Konkurrenz überläuft.

Milch bleibt letztlich Milch

Die Landwirtschaft kann in der Regel nur wenig differenzieren. Sie versucht es zwar über „Bio“ als Qualitätssiegel oder über Direktvermarktung von Milchprodukten. Doch Milch bleibt letztlich Milch und ist für die Masse der Kunden weder klar unterscheidbar noch lagerbar. Bei all dem muss die Landwirtschaft immer kapitalintensiver werden, was große Investitionen verlangt, das Endprodukt aber praktisch nicht verändert.

Das eigentliche Problem liegt folglich in der Frage, wer in einem Markt mit solchen Grundbedingungen viel Geld investiert und neben der eigentlichen Produktion auch noch Nahrungsmittelverordnungen, Umwelt- und Tierschutzauflagen und anderen landwirtschaftlichen Verordnungen Genüge tun muss. Die Antwort ist auch hier einfach: Kein vernünftiger Mensch. Jedenfalls keiner, für den die Landwirtschaft wirklich den Lebensunterhalt garantieren soll und nicht nur ein Nebenprodukt oder ein Hobby ist. Folglich bekommt die Gesellschaft all das, was sie sich von ihrer Landwirtschaft erhofft, genau dann nicht, wenn sie die Marktwirtschaft walten und schalten lässt. Dann bekommt sie vielleicht riesige Agrarfabriken, die auch solche Preisschwankungen durchhalten, weil sie tausend verschiedene Produkte produzieren, aber man bekommt keine bäuerliche Landwirtschaft, die auch noch Landschaftspflege betreibt.

Das Umdenken, das man so gern den Bauern abverlangt, muss man deswegen der Politik und den Ökonomen abverlangen. Wer eine vernünftig strukturierte Agrarproduktion mit einer artgerechten Tierhaltung, hoher Produktqualität und einer gesunden Umwelt will, muss die Marktwirtschaft in diesem Bereich endgültig zu den Akten legen. Entweder man kehrt zu den alten Agrarmarktordnungen mit Milchseen und Butterbergen zurück, was weit weniger schlimm ist als Bauern, die an Bäumen hängen, oder man setzt auf eine weitgehende staatliche Ordnung, bei der die Bauern für die Landschaftspflege entschädigt werden und versprechen müssen, mit der Natur schonend umzugehen. Mindestpreise sind jedoch das Mindeste, was die Landwirte von der Gesellschaft verlangen können, weil auch sonst niemand in einer Marktwirtschaft investiert, wenn er bei der Preisentwicklung seines Endprodukts Überraschungen nicht ausschließen kann, die innerhalb von Monaten seine wirtschaftliche Existenz vernichten können.

 

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