Archiv flassbeck-economics | 17.05.2016 (editiert am 25.05.2016)

Thomas Straubhaars Irrungen und Wirrungen

Der nächste Akt, aber immer die gleiche Melodie ist zu hören, wenn Thomas Straubhaar die deutsche Lohnzurückhaltung verteidigt. Diesmal mit Hilfe einer Bundesbank-Studie.

Sehr viele Leser haben uns auf einen Artikel von Thomas Straubhaar in der WELT hingewiesen (hier), in dem Professor Straubhaar unsere Argumentation bezüglich der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse zurückweist. Er bedient sich dabei eines Artikels, der von Bundesbank-Mitarbeitern verfasst wurde und „wissenschaftlich“ nachzuweisen scheint, dass die deutsche Lohnzurückhaltung nicht verantwortlich für diese Überschüsse und die europäischen Ungleichgewichte ist.

Das ist allerdings alles nicht neu. Weder Straubhaars Verteidigungsrede, noch die „Studie“, auf die er sich bezieht. Ich habe mich schon im Juni vergangenen Jahres (hier) mit seiner Argumentation im Detail auseinandergesetzt und nachgewiesen, dass er widersprüchlich argumentiert. Nun greift er aber eine Arbeit von Mitarbeitern der Bundesbank auf und fühlt sich von deren Ergebnissen bestätigt.

Er schreibt: „Es scheint angemessen, diesen aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren, dass eine einfache Schuldzuweisung bei den komplexen Ursachen und Folgen von Leistungsbilanzdefiziten geradewegs in die wirtschaftspolitische Irre führt. Deutschland weniger wettbewerbsfähig zu machen, damit die Unternehmen aus anderen Euro-Ländern mithalten können, hilft niemandem. Auch nicht den Schwachen.“

Doch auch die „Studie“ der Mitarbeiter der Bundesbank ist nicht neu und ich habe mich damit im März dieses Jahres kritisch auseinandergesetzt (hier). Mein Ergebnis damals: „Vermutlich hat die Lohnzurückhaltung in der Binnenwirtschaft Deutschlands große Erfolge gebracht. Aber auch hier braucht man keine Ökonometrie, um zu erkennen, dass das nicht der Fall ist. Binnenwirtschaftlich war die Lohnzurückhaltung eine Katastrophe. Also hat man etwas gemacht, was außenwirtschaftlich ohne Wirkung war und binnenwirtschaftlich schädlich. Wie dumm. Warum steht aber Deutschland dann im Verhältnis zu den meisten anderen Mitgliedern der Währungsunion so gut da? Gibt es noch etwas Drittes außer Binnenwirtschaft und Außenwirtschaft? Vielleicht Ökonometrie als solche oder Ideologie als solche?“

Dass ein Universitätsprofessor wie Thomas Straubhaar „Berechnungen“ von Bundesbank-Ökonomen benutzt, um mit dem „aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung“ zu argumentieren, ist schon ein Armutszeugnis. Ich kann nur wiederholen, was wir hier schon sehr oft zu seinem Hauptargument gesagt haben: Ein Land, das massiv an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen hat, schwächer zu machen (nämlich durch Aufwertung seiner Währung), ist im internationalen Geschäft der vergangenen Jahrhunderte der normalste Vorgang, den man sich überhaupt vorstellen kann. Umgekehrt gilt das übrigens auch: Durch Abwertung wurden immer und immer wieder Länder stärker gemacht, weil sie vorher an Wettbewerbsfähigkeit verloren hatten. Warum sollte das in der Währungsunion (wo es natürlich um reale Auf- und Abwertungen geht, also um Lohnrelationen) anders sein? Hat es den Schwachen niemals geholfen, wenn sie stärker wurden?

Es hilft alles nichts, man kann auch mit Hilfe der tollsten Studien einfache Logik nicht außer Kraft setzen. Man muss sich auch generell hüten, „Studien“ von Organisationen wie der Bundesbank einfach als wissenschaftliche Arbeiten zu betrachten. Erst wenn man zeigen kann, dass aus solchen Organisationen heraus Arbeiten entstehen, die sich kritisch mit der Position der eigenen (oder der heutigen politischen) Führung auseinandersetzen, werde ich glauben, dass dort die Mitarbeiter wirklich die Freiheit haben, Arbeiten mit einem ernstzunehmenden wissenschaftlichem Anspruch durchzuführen.

 

 

 

 

 

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