Archiv flassbeck-economics | 09.05.2016 (editiert am 25.05.2016)

US Wirtschaft schafft erstes Quartal nur im Kriechgang

Die US-Wirtschaft bewegt sich auf die Stagnation zu. Ob die Regierung mit einer Konjukturpolitik reagiert, steht in den Sternen. Dabei hätte Amerikas Infrastruktur ein massives öffentliches Investitionsprogramm dringend nötig.

Es hatte sich schon seit geraumer Zeit immer deutlicher abgezeichnet: Die Wachstumsverlangsamung, die Mitte letzten Jahres begonnen hatte, setzte sich auch in 2016 fort. Nach mageren 1,4 Prozent Wachstum (Jahresrate, also Quartalsrate multipliziert mit vier ergibt diesen Wert ungefähr) im Herbst meldete das Bureau of Economics Analysis in seiner Ende April erschienenen Vorabschätzung für das erste Quartal gar nur noch 0,5 Prozent Jahresrate, was ein Quartalswachstum nahe Null bedeutet (s. hier). Amerikas Wirtschaft stagnierte folglich im ersten Quartal nahezu. Noch wird das Rezessionsrisiko allgemein als nur niedrig eingeschätzt. Doch wenn nicht schon sehr bald eine spürbare Gegenbewegung einsetzt, dann wird zumindest Stagnation vom Risiko zur Realität.

Die Verschlechterung der Wirtschaftsentwicklung fand auf breiter Flur statt und betraf fast alle Ausgabenkomponenten. Der wichtigste Motor der US Wirtschaft, der private Konsum, wuchs mit nur 1,8 Prozent Jahresrate, wobei allein die Ausgaben für Dienstleistungen wirklich wuchsen, während die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter sogar deutlich sanken. Wie bereits in den beiden Vorquartalen schrumpften auch die privaten Investitionen, und zwar nunmehr mit einer Jahresrate von 3,5 Prozent. Besonders stark war der Einbruch im Wirtschaftsbau. Doch auch die Ausrüstungsinvestitionen sanken mit fast zweistelliger Jahresrate; während selbst die Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte nunmehr kaum noch zulegten. Im Wohnungsbau kam es – entgegen der allgemeinen Verschlechterung – zu einer Wachstumsbeschleunigung auf knapp 15 Prozent (Jahresrate). Auf einen Fortbestand dieser Entwicklung setzen viele Hoffnungen. Wenig überraschend schwächelt dagegen auch der US Außenhandel weiter, die Importe stagnierten, Amerikas Exporte dagegen sanken sogar mit einer Jahresrate von 2,6 Prozent. Die Staatsausgaben sahen insgesamt ein leichtes Wachstum, das allein von den Bundesstaaten und Kommunen getragen war. Die Ausgaben der Bundesregierung dagegen fielen, speziell die Verteidigungsausgaben, die gemeinhin eine hohe Volatilität aufweisen und im Vorquartal kräftig gestiegen waren.

Graphik 1: Wachstumsbeiträge zum Vorquartal (in Prozentpunkten)

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Abbildung 1 zeigt die Entwicklung ab 2013 bis zum konjunkturellen Rand ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen, sie zeigt also, welche BIP-Komponenten jeweils wie stark zum Wachstum beigesteuert haben. Der private Konsum war hiernach der einzige nennenswerte Wachstumsmotor, brachte aber kaum mehr als die Hälfte seines „normalen“ Beitrags. Der Wachstumsbeitrag der Staatsausgaben war mit 0,2 Prozentpunkten zumindest positiv, aber kaum bedeutsam. Bruttoanlageinvestitionen, Lagerinvestitionen sowie die Nettoexporte dagegen waren allesamt Wachstumsbremsen. Der Lagerabbau hält seit nunmehr drei Quartalen an. Der Gegenwind vom Außenhandel ist auch nichts Neues. Die gute Entwicklung im Wohnungsbau konnte zuletzt den kräftigen Einbruch bei den Unternehmensinvestitionen, der im Energiesektor konzentriert ist, aber immer weiter um sich greift, nicht mehr wettmachen.

Graphik 2: Wachstum zum Vorjahresquartal (in Prozent)

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Das Konjunkturbild wirkt ein wenig schöner, wenn man die in Europa gebräuchliche Betrachtung anhand von Wachstumsraten gegenüber dem Vorjahresquartal anstellt (s. Graphik 2). Das Wachstum des privaten Konsums und des BIP insgesamt haben danach die Verlangsamung seit Mitte letzten Jahres nur bestätigt, blieben aber zuletzt im Vergleich zum Vorjahr stabil. Investitionen und Importe erlebten einen Absturz. Beim Export dagegen deutet sich in dieser Betrachtung eine Stabilisierung auf der Nulllinie an. Die Umkehr bei den Staatsausgaben, das leichte Wachstum ab Ende 2014 nach vorheriger Schrumpfkur, ist hier besonders gut erkennbar. Doch die Bedeutung der Staatsausgaben als Konjunkturstütze bleibt letztlich nur gering. Der amerikanische Staat vernachlässigt weiterhin seine Verantwortung und verweigert einen konstruktiven Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung, nur fällt das Versagen heute nicht mehr ganz so krass aus.

Graphik 3: Konjunkturimpuls der Fiskalpolitik laut Brookings Institute

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Das bestätigt auch die jüngste Schätzung des fiskalpolitischen Konjunkturimpulses durch das Brookings Institute in Washington DC (s. hier). Sie zeigt einen zuletzt minimal positiven Beitrag durch die Fiskalpolitik. Im Vergleich zu der übereilten Sparpolitik der Vorjahre möchte man hier zunächst fast eine Gratulation aussprechen. Zur Erinnerung: Die Sparpolitik ab 2011 war von der republikanischen Mehrheit im US Kongress erzwungen worden. Einige republikanische Vertreter gaben sich dabei nicht einmal die Mühe, diese Politik als irgendwie positiv zu rechtfertigen, sondern bekannten explizit, dass es insbesondere darum ginge, eine erfolgreiche Politik durch die Obama Administration zu verhindern. Es handelt sich da wohl um eine sehr merkwürdige Form von Patriotismus, die ich hier nicht weiter zu erklären versuchen werde.

Man vergleiche diese Entwicklung während der Obama Präsidentschaft mit den fiskalpolitischen Geschehnissen in den Jahren 2002 bis 2004 unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush, die auf Kriegsausgaben und Steuergeschenken für Super-Reiche basierten. Da kann man den Glauben an einen vermeintlichen Zwang zum Haushaltsausgleich dann halt schon mal vergessen wie es scheint. Zumindest was neue Steuergeschenke an die Kumpels der Milliardärsklasse angeht, würden die haushaltspolitischen Vorstellungen von Donald Trump (sowie seiner nunmehr frisch ausgeschiedenen republikanischen Mitstreiter für die Nominierung zur Präsidentschaftswahl im Herbst) wohl auf eine Wiederholung dieser früheren Erfahrungen hinauslaufen. Über das Anzetteln neuer Kriege möchte ich hier lieber nicht spekulieren.

Aber wäre denn eine solche Kehrtwendung in der Steuer- und Fiskalpolitik nicht zumindest aus konjunktureller Sicht eine positive Entwicklung? Die jüngste „Strategische Analyse“ des Levy Economics Institutes, die im März veröffentlicht wurde (s. hier) und auf der 25. Hyman Minsky Konferenz vor drei Wochen vorgestellt wurde, wirft hierzu einige Zweifel auf. Die periodische Untersuchung des Levy Institutes ist kein Instrument der Konjunkturforschung im engen Sinne. Insbesondere bietet sie keine kurzfristige Konjunkturprognose, sondern ist eher mittelfristig orientiert. Drei wichtige Bremsfaktoren für das US Wirtschaftswachstum werden darin identifiziert: das schwache weltwirtschaftliche Umfeld, die zu schnelle Haushaltskonsolidierung der letzten Jahre und der heute zu restriktive Kurs der Fiskalpolitik, und der krasse Anstieg der Einkommens- und Vermögensungleichheit. Was den Außenhandel angeht, könnte neben einer Belebung der Weltwirtschaft allein eine Dollarabwertung Amerika Hilfe verschaffen. Eine expansivere Fiskalpolitik wäre zwar grundsätzlich angezeigt, aber wenn sie gleichzeitig die Ungleichheit nur noch weiter verschärfte, würde dies ihre Wirksamkeit entsprechend untergraben.

Ich teile diese Einschätzung des Levy Institutes. Ob sich im nächsten Jahr überhaupt eine neue Fiskalpolitik ergeben wird, steht natürlich weiterhin in den Sternen. Mein eigener Ratschlag wäre da ein massives öffentliches Investitionsprogramm. Amerikas Infrastruktur hat es wirklich dringend nötig. Dabei könnte man sich auf die auch umweltpolitisch dringend gebotene Transformation des Energie- und Transportwesens sowie auf Bildung und Forschung und Entwicklung konzentrieren. Aber das Vernünftige wird wohl erst geschehen, nachdem man zuvor im „trial and error“ Verfahren alle möglichen Dummheiten ausprobiert hat; wie schon Winston Churchill bemerkte („You can always count on Americans to do the right thing – after they’ve tried everything else“).

Der Blick auf die jüngste „GDPNow“ Prognose der Federal Reserve Bank von Atlanta (s. hier) zeigt für das zweite Quartal zurzeit ein Wachstum von 1,7 Prozent an. Das läge am unteren Rand der „Blue Chip Consensus“ Prognose“ der anscheinend weiterhin recht optimistischen Konjunkturprognostiker der US Wirtschaft. Ich kann diesen Optimismus nicht so recht teilen.

Und so ergänze ich hier zum Abschluss nur noch kurz ein paar Meldungen der letzten Woche. Danach wurde für den Außenhandel im Monat März eine weitere Abschwächung angezeigt, wobei die Importe besonders stark fielen. Dieser Faktor allein würde zwar zu einer Revision des BIP Wachstums nach oben führen. Allerdings sind sinkende Importe aber auch ein negatives Indiz für die Binnennachfrageentwicklung. Die Meldung zur Autokonjunktur im März war dagegen recht freundlich. Für die letzten Monate insgesamt betrachtet zeichnet sich meines Erachtens aber dennoch nur ein Fortbestand des hohen Niveaus vom letzten Jahr ab, kein weiteres Wachstum. Die wichtigste Meldung kam dann am letzten Freitag: laut Arbeitsmarktbericht für den Monat April hat sich nunmehr auch das Beschäftigungswachstum deutlich verringert. Nur 160 Tausend neue Arbeitsplätze wurden im April geschaffen. Auch die Zahlen für die beiden Vormonate wurden nach unten revidiert. Auch dies macht wenig Hoffnung auf eine deutliche Konjunkturbelebung im laufenden Quartal. Es steigen allerdings die Chancen dafür, dass die Federal Reserve im Juni die Zinsen wieder nicht erhöhen wird. Eine kriechende Wirtschaft braucht keine forschen Zinserhöhungen.

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