Warum mit Kapitalexporten die Eurokrise nicht erklärt werden kann

Ich habe am Wochenende in Berlin anlässlich einer Veranstaltung einer sich gegenwärtig konstituierenden euroskeptischen Initiative von Menschen aus dem linken politischen Spektrum an einer Diskussion über die Ursachen der Eurokrise teilgenommen. Die These, dass Kapitalexporte zumindest ein gewichtiger Faktor zur Erklärung von Leistungsbilanzdefiziten sind, fand dort große Zustimmung.

Diese These liest sich bei einigen marxistisch argumentierenden Autoren, so z.B. bei Frédéric Heine und Thomas Sablowski, wie folgt:

Der „Zustrom von Kapital ist bestimmend für den Importsog und die damit verbundenen Leistungsbilanzdefizite in den Krisenländern“ (hier).

Wir haben uns auf flassbeck-economics mit dieser Auffassung, die prominent von Hans-Werner Sinn vertreten wird und daher als „Sinn-These“ bezeichnet werden soll, schon mehrmals kritisch auseinandergesetzt (z.B. hier und hier). Mehr noch, Heiner Flassbeck und ich haben argumentiert, dass die Sinn-These schlicht falsch ist.

Uneingeschränkt zuzustimmen ist zunächst Heines und Sablowskis Behauptung, dass die Krisendiagnose von zentraler Bedeutung für die Formulierung einer tragfähigen politischen Strategie zur Überwindung der wirtschaftlichen und sozialen Malaise im Euroraum ist. Ob die Sinn-These also richtig oder falsch ist, hat immense Bedeutung für die politische Praxis. Daher möchte ich für alle, die wir bislang noch nicht von der Richtigkeit unseres Urteils über die Sinn-These überzeugen konnten, im Folgenden darlegen, dass diese These schon deshalb falsch ist, weil sie nicht in Einklang mit der Realität der Abwicklung des Zahlungsverkehrs in Europa gebracht werden kann.

Die Sinn-These in der Version „linker Theoretiker“ beruht auf dem „Onkel Dagobert“ Bild eines Kapitalisten: Der sitzt auf Säcken voller Geld und zerbricht sich den Kopf, wie er dieses Geld gewinnbringend anlegen kann. Um die Eurokrise zu erklären, wird Onkel Dagobert nach Deutschland versetzt. Er sieht dort keine Anlagemöglichkeiten mehr für sein „Kapital“ und ist deshalb der Verzweiflung nahe. Zu seiner Freude wird dann Mitte 1997 verkündet, dass der Euro eingeführt wird. Mit der Einführung des Euro nämlich wird das Wechselkursrisiko zwischen den Ländern, die dem Euro beitreten, ausgeschaltet. Onkel Dagobert kann nun, ohne Wechselkursveränderungen befürchten zu müssen, Investments im europäischen Ausland ins Auge fassen. Er schaut nach Spanien und sieht dort – wie er zumindest glaubt – lohnendere Investitionsmöglichkeiten als in Deutschland. Er nimmt daher seine Säcke voll Geld und transportiert sie nach Spanien, um sie dort z.B. in Immobilien zu investieren. Das Geld von Onkel Dagobert wird dann etwa dazu benutzt, Baumaschinen aus Deutschland zu importieren und Löhne an Bauarbeiter in Spanien zu bezahlen, die sich davon z.B. einen Mercedes aus Zuffenhausen kaufen.

Die These also ist, dass auf diese Weise die Leistungsbilanzdefizite Spaniens faktisch durch ausländisches Kapital „finanziert“ wurden. Nach diesem Muster haben sich in Spanien erschreckende Nettoauslandsschulden in Höhe von sage und schreibe 1000 Milliarden Euro aufgetürmt. Für Sinn sind diese „Außenschulden“ gar das Problem der Eurozone, „weil Spanien ein großes Land ist und insofern auch die Schulden riesige Ausmaße haben“.

Richtig ist daran, dass die Nettoverbindlichkeiten spanischer gegenüber ausländischen Rechtssubjekten immer genau dem Leistungsbilanzdefizit entsprechen. Richtig aber ist nicht, dass daraus folgt, dass es „Kapitalexporte“ waren, welche die Leistungsbilanzdefizite finanzierten. Warum nicht?

„Kapital“, das, wie behauptet, einen Investitionsboom zu initiieren erlaubt, ist ganz wesentlich kein Bargeld, sondern Buchgeld. Onkel Dagobert sitzt daher auch nicht auf Säcken von Geld, sondern sein Girokonto bei einer Geschäftsbank weist ein Guthaben aus. Geld in dieser Form wird auch nicht physisch von einer Person an eine andere weitergegeben, sondern, indem dem Zahlungsempfänger ein Betrag x gutgeschrieben und dem Auftraggeber der Überweisung derselbe Betrag x belastet wird. Beteiligt sich Onkel Dagobert an einem spanischen Immobilienentwickler mit 1 Million Euro, dann reduziert sich das Guthaben auf seinem Konto um diesen Betrag und das Guthaben des spanischen Immobilienentwicklers erhöht sich entsprechend um 1 Million Euro. In diesem Fall macht es zweifellos Sinn, von einem Kapitalexport Onkel Dagoberts nach Spanien zu reden, denn nun hat ein Spanier Geld, das er verwenden kann, um eine Investition in eine Immobilie zu tätigen, und Onkel Dagobert hat ein Recht, an den möglichen Gewinnen dieser Investition zu partizipieren.

Ist diese Situation aber vergleichbar mit der „Auslandsverschuldung“, die sich aufgrund von Leistungsbilanzdefiziten ergibt? Nehmen wir an, ein Leistungsbilanzdefizit entstehe alleine aufgrund des Kaufs einer Baumaschine eines spanischen Bauunternehmers von einem deutschen Maschinenbauer im Wert von 1 Millionen Euro. Nun ist klar, dass diese Transaktion isoliert betrachtet dazu führt, dass das Guthaben des deutschen Bauunternehmers auf seinem Girokonto um diesen Betrag steigt. Handelt es sich hier um einen Kapitalexport von Spanien nach Deutschland? Diese Frage wird man verneinen, denn der Spanier hat sein Geld ja nicht nach Deutschland transferiert, um eine Rendite zu erwirtschaften, sondern um eine Baumaschine zu bezahlen. Tatsache aber ist dennoch, dass nun mehr Geld in Deutschland und weniger in Spanien ist.

Tatsache ist auch, dass unter der Annahme, dass das Leistungsbilanzdefizit Spaniens alleine durch diese Transaktion hervorgerufen wurde, eine spanische Organisation nun eine Verbindlichkeit gegenüber einer ausländischen Organisation eingehen muss. Es ist auch nicht schwer, zu sagen, wer diese spanische Organisation ist. Es ist die spanische Bank, die das Girokonto ihres Kunden zur Abwicklung des Kaufs der Baumaschine mit 1 Million Euro belastet hat. Denn hat die spanische Bank 1 Million Euro mehr an die deutsche Bank als andersherum die deutsche Bank an die spanische Bank überwiesen – was annahmegemäß der Fall ist – dann muss die deutsche Bank eine Forderung und die spanische Bank eine Verbindlichkeit in Höhe von 1 Million Euro buchen, damit die Bilanzen sowohl der spanischen als auch der deutschen Bank wieder im Gleichgewicht sind. Würde eine solche Buchung nicht erfolgen, „fehlten“ der spanischen 1 Million Euro an Passiva und der deutschen Bank 1 Million Euro an Aktiva.

Die in Euro bewerteten Forderungen und Verbindlichkeiten beziehen sich aber auf Zentralbankreserven. Bezeichnen wir Zentralbankreserven als „Geld“, dann ist klar, dass bislang kein Geld geflossen ist. Geld fließt erst dann, wenn die spanische Bank ihre Verbindlichkeiten gegenüber der deutschen Bank begleicht. Verfügt die spanische Bank über ausreichend Zentralbankreserven, dann schlägt sich das auf der spanischen Bilanz durch eine entsprechende Reduktion ihres Guthabens bei der spanischen Zentralbank nieder. Bei der deutschen Bank steigt hingegen deren Guthaben um den gleichen Betrag auf ihrem Zentralbankkonto, das sie bei der Deutschen Bundesbank hält.

Bislang also konnte bei der spanischen Bank kein Zufluss von Geld identifiziert werden. Ein Zufluss von Geld kann allerdings dann notwendig sein, wenn die spanische Bank nicht über ausreichend Zentralbankreserven verfügt. In diesem Fall kann sie sich diese von einer anderen Bank bzw. von ihrer Zentralbank besorgen. Buchhalterisch schlägt sich dieser Zufluss durch eine Gutschrift auf dem Zentralbankkonto der spanischen Bank und einer entsprechenden Kreditverbindlichkeit gegenüber einer anderen Bank bzw. der spanischen Zentralbank nieder. Klar aber dürfte sein, dass für unseren Beispielsfall dem Zufluss von Geld ein gleich hoher Abfluss von Geld gegenübersteht. Es gibt also keinen Nettozufluss von Geld, der für einen Investitionsboom und einen „Importsog“ sorgen könnte.

Was aber, wenn die spanische Bank sich mehr Geld von einer ausländischen Bank leiht, als sie für den Zahlungsausgleich benötigt? Könnte es nicht sein, dass mit diesem Geld ein Investitionsboom und ein sich daran anschließender „Importsog“ ausgelöst wird? Wäre es nicht möglich, dass – um beim Beispiel Spanien zu bleiben – die spanischen Banken sich Geld von den deutschen Banken geliehen haben und dann dieses Geld z.B. als Darlehen zur Refinanzierung des Baus einer Immobilie verwendet haben? Die Antwort ist schlicht nein. Sie scheitert an der Realität der Kreditvergabe von Banken. Banken geben bei der Kreditvergabe keine Zentralbankreserven weiter.

Wie wir schon mehrmals dargelegt haben (z.B. hier), erfolgt die Kreditvergabe alleine dadurch, dass eine Bank einen Kredit als Aktiva und eine Gutschrift auf einem Girokonto als Passiva verbucht. Und es ist ganz überwiegend diese Operation spanischer Banken, die den Investitionsboom und den sich daran anschließenden „Importsog“ in Spanien erklärt. Die Vorstellung also, dass die Importüberschüsse in Spanien durch den Export von Kapital erklärt werden könnten, beruht auf der fehlenden Unterscheidung, zwischen 1.) dem Giralgeld der Banken einerseits, das von den Importeuren dazu verwendet wird, ihre Importe von Wirtschaftsgütern zu bezahlen, und 2.) Zentralbankreserven andererseits, die dazu dienen, den Zahlungsverkehr abzuwickeln.

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