Archiv flassbeck-economics | 09.05.2016 (editiert am 25.05.2016)

Zu harte Kritik an Ver.di?

Sind die Löhne in Deutschland auf dem richtigen Weg?

Manche Leser meinten, meine Kritik an den Lohnabschlüssen im öffentlichen Dienst sei zu hart gewesen, Ver.di habe doch gekämpft und mehr als ordentliche Reallohnzuwächse seien nun mal nicht zu erreichen. Kritisiert wurde aber auch, dass ich mich über schlechte Information beklagt habe. Die Leser sagen, ich hätte den vollen Text des Abschlusses bzw. eine vollständige Information schon gefunden, wenn ich nur lange genug gesucht hätte. Schließlich wurde auch angemerkt, dass sich die Informationsarbeit der Gewerkschaften in letzter Zeit verbessert habe.

Zunächst zur Informationspolitik: Es stimmt, dass nach ein paar Tagen wesentlich bessere Informationen zur Verfügung standen, als ich sie unmittelbar nach dem Abschluss finden konnte. Ich denke aber, dass die den Vertrag abschließende Gewerkschaft es schaffen sollte, ein paar Stunden nach dem Abschluss vollkommene Transparenz (einschließlich der Veröffentlichung von Jahreszahlen an prominenter Stelle auf ihrer home page) herzustellen. Dass die Informationsarbeit insgesamt besser geworden ist, kann ich nur hoffen, bestätigen kann ich es noch nicht.

Zum Abschluss selbst: Einer unserer Leser und Ver.di-Mitglied hat seiner Gewerkschaft unsere Bitte nach Klarheit übermittelt und folgende – in der Tat klare – Antwort bekommen:

Lieber Kollege …,

 wir informieren mit glasklaren und nachrechenbaren Zahlen zu der Tarifeinigung.

Die von der Presse gemeldete Zahl von 4,75 Prozent addiert die beiden Prozentsätze der Tabellenerhöhungen ab 1. März 2016 und ab 1. Februar 2017. Sie beschreibt damit, wie sich die bis Februar 2016 geltenden Entgelttabellen durch die beiden Erhöhungsschritte gegenüber den ab Februar 2017 geltenden Entgelttabellen verändern. Tatsächlich sind es allerdings wegen der Basiserhöhung durch den ersten Schritt nicht 4,75 Prozent, sondern – auf zwei Stellen hinter dem Komma gerundet – 4,81 Prozent.

 Eine andere Betrachtung ist die Berechnung je Kalenderjahr. Danach ergibt sich für 2016 ein Wert von 2,03 Prozent (2,4 Prozent x 10,8 : 12,8) und für 2017 ein Wert von 2,17 Prozent (2,35 Prozent x 11,8 : 12,8). 

 Unabhängig davon, welche Betrachtung vorgezogen wird, gilt aber, dass dies bei der derzeitig extrem niedrigen Inflationsrate (voraussichtlich unter 0,5 Prozent in diesem Jahr und kaum über 1,0 Prozent im nächsten Jahr) deutliche Reallohnzuwächse sein werden.

Da kann ich nur wiederholen, dass das Jahresergebnis, gemessen an dem, was zur Bekämpfung der Deflation und zur Rettung der Eurozone notwendig wäre, viel zu wenig ist. Reallohnzuwächse sind gut, aber nicht genug. Die Tarifpartner müssen beginnen zu verstehen, dass sie primär für die Preisentwicklung und – in der Währungsunion – das außenwirtschaftliche Gleichgewicht (und nicht primär für die Beschäftigung) zuständig sind. Wenn gewährleistet ist, dass die Reallöhne mindestens wie die Produktivität (bzw. deren langfristiger Trend) steigen (was bei zwei Prozent Zuwachs gegeben ist), ist die nächste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Inflationsraten wieder in Richtung Zielinflationsrate zulegen.

Das geht nur, wenn die nominalen Abschlüsse steigende Preise provozieren, das heißt, weit über dem jetzigen Abschluss von zwei Prozent liegen. Vier Prozent bei einer Inflationsrate von zwei Prozent sind eben viel besser als zwei Prozent bei Nullinflation, obwohl das in realer Betrachtung genau gleich ist. Die Gewerkschaften müssen auch lernen, so gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem auch ihren Mitgliedern zu argumentieren (was angesichts des allgemeinen deutschen Klagens über Nullzinsen nicht so schwierig ist), um nicht von vornherein in der Defensive zu sein. Die alten Argumente nach dem Motto „wir wollen ein ordentliches Stück vom Kuchen“ und „die Inflation frisst alles auf“, taugen bei Deflation schlicht nicht mehr als Hauptargumentationslinie.

Die Arbeitgeber in der Privatwirtschaft scheinen sich in diesem Jahr abgesprochen zu haben, quer über alle Branchen provozierend niedrige Angebote von deutlich unter zwei Prozent zu machen. Das kann nur bedeuten, dass sie mit Gewalt ihre Wettbewerbsposition verteidigen wollen. Damit kommen sie argumentativ leicht durch – weil die Reallöhne bei zwei Prozent nominal ja deutlich und sogar über der aktuellen Produktivität steigen.

Um zu verhindern, dass die Abschlüsse der Industrie wie im öffentlichen Dienst bei zwei Prozent nominal herauskommen, sollten die Gewerkschaften jetzt sofort eine Gegenoffensive starten. Sie müssen das Klagen der konservativen Parteien über die niedrigen Zinsen für sich instrumentalisieren. Sie müssen sagen, dass nur ein Sprung der nominalen Abschlüsse in Richtung vier Prozent dauerhafte Nullzinsen verhindern kann. Sie müssen aber auch das Argument aufgreifen, dass in den nächsten Jahren die deutsche Exportindustrie mehr und mehr zum Totengräber Europas wird, wenn nicht gegengesteuert wird. Den Unternehmen und in ihrer extremen Kurzsichtigkeit muss ein solidarischer Lohnabschluss für Europa entgegengesetzt werden. Wann, wenn nicht jetzt?

 

 

 

 

 

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