Spanische Flagge vor Euro-Scheinen
Eurozone | 10.06.2016 (editiert am 16.06.2016)

Der Euro, der Lohn und das Kapital

Wer die Auseinandersetzung zwischen Norbert Häring und einigen Autoren von Makroskop verfolgt hat, fragt sich vielleicht: Wer hat denn nun Recht, oder sogar, um was geht es hier eigentlich? Ein Klärungsversuch.

Außer Frage steht, dass in vielen Ländern der Eurozone die wirtschaftliche und soziale Lage äußerst prekär ist. Niemand bestreitet auch, dass nicht eine, sondern viele Ursachen diesen Zustand erklären. Unbestreitbar ist  auch, wie sich unschwer der folgenden Graphik entnehmen lässt,  dass die Leistungsbilanzsalden der Euroländer sich bis zur großen Finanzkrise 2007/2008 auffällig auseinander entwickelten.


Leistungsbilanzen Steinhardt


Inhaltlich geht es bei der Auseinandersetzung um die Frage, ob es Ursachen gibt, die sich auf die Einführung und Ausgestaltung des Euro zurückführen lassen und welche das sind.

Die Sinn-These

Hans Werner Sinn hat auf diese Frage eine eindeutige Antwort gegeben, die sich wie folgt liest:

„Die Einführung des Euro induzierte eine (…) Portfolio-Reallokation der Anleger, da Projekte in Ländern, die vormals als risikoreiche und problematische Standorte wahrgenommen worden waren, nach der Euroankündigung auf einmal an Attraktivität für internationale Finanzinvestoren gewannen. Es war, als wäre in den heutigen Krisenländern plötzlich ein Elektromagnet eingeschaltet worden, der das internationale Kapital anzog, als auf dem Gipfel von Madrid im Jahr 1995 klargemacht wurde, dass und wann genau, der Euro kommen würde.“ (hier, S.58)

Heiner Flassbeck und ich haben uns mit dieser These, die wir später als Sinn-These bezeichneten, in einem längeren Artikel kritisch auseinandergesetzt.

Die Quintessenz unserer Kritik lautete:

  • Die Sinn-These und die dafür vorgebrachten Evidenzen beruhen auf einem fehlerhaften Verständnis der Funktionsweise des Eurosystems.
  • Wäre seine Darstellung korrekt, dann würde die Sinn-These zwar für Spanien zutreffen, könnte aber noch immer nicht die unterschiedliche Entwicklung der Leistungsbilanzsalden zwischen Deutschland gegenüber Italien und Frankreich erklären.

In einem weiteren Beitrag habe ich versucht, darzulegen, unter welchen Annahmen die Sinn-These überhaupt verständlich wird. Ich habe dann argumentiert, dass diese Annahmen falsch sind und dass daher natürlich auch die Sinn-These zu verwerfen ist.

Zusammengefasst habe ich meine Ausführungen wie folgt:

„Die Vorstellung also, dass die Importüberschüsse in Spanien durch den Export von Kapital erklärt werden könnten, beruht auf der fehlenden Unterscheidung, zwischen 1.) dem Giralgeld der Banken einerseits, das von den Importeuren dazu verwendet wird, ihre Importe von Wirtschaftsgütern zu bezahlen, und 2.) Zentralbankreserven andererseits, die dazu dienen, den Zahlungsverkehr abzuwickeln.“

Ich habe darüber hinaus erwähnt, dass die Sinn-These auch in „linken Kreisen“ weit verbreitet ist und dazu beispielhaft die folgende These von Heine und Sablowski zitiert:

„Der Zustrom von Kapital ist bestimmend für den Importsog und die damit verbundenen Leistungsbilanzdefizite in den Krisenländern“

Norbert Härings Vorwurf …

Norbert Häring hat in einem Blog-Beitrag vehement gegen die Gleichsetzung dieser These mit der von Sinn protestiert und deutsche Keynesianer, namentlich Heiner Flassbeck und Peter Bofinger, beschuldigt, auf der Alleinschuld der Lohnpolitik zu beharren.

Darüber hinaus hat er mit Bezug auf den niederländischen Ökonomen Sevaas Storm auch eindeutig Stellung bezogen:

„Storm ist sich mit der „Konsens-Gruppe“ einig, dass die Finanzströme in der Führungsrolle waren. Der starke Zinsrückgang durch den Übergang zur Währungsunion löste danach in den Südländern einen Kreditboom aus, an dem sich auch die Banken der Nordländer mit großem Eifer beteiligten. So kam es zu dem Kapitalzustrom. Durch die Ausweitung des Kreditvolumens nahm die zahlungskräftige Nachfrage stark zu, was einen sich selbst verstärkenden Boom auslöste.“

Diese These scheint mir nun, zumindest teilweise, wiederum eine Variante der Sinn-These zu sein. Sie lässt zwar die Interpretation zu, dass spanische Banken für den Kreditboom verantwortlich waren, behauptet aber, dass die „Banken der Nordländer“ sich daran mit „großem Eifer“ beteiligten. Es wird also auch hier behauptet, dass es in einem Land A „Kapital“ gab, das einem Land B zufloss und dabei half, dort einen „sich selbst verstärkenden Boom“ auszulösen. Behauptet also wird, dass die Leistungsbilanzdefizite von B gegenüber A durch einen erheblichen Zufluss von Kapital der „Banken der Nordländer“ (also Land A) finanziert wurden.

und warum er ins Leere läuft

Erste Zweifel an dieser These sollten aufkommen, wenn man ganz unkritisch die Definition von Kapitalexporten der Bundesbank als richtig anerkennt und die auf dieser Basis ermittelten Kapitalexporte der Welt nach Spanien mit den Handelsbilanzdefiziten Spaniens vergleicht.


Spanien Steinhardt

Wichtig ist an dieser Stelle nicht, dass dieser Vergleich schon aufgrund der unbefriedigenden Definition des Begriffs des „Kapitalexports“ unsinnig ist. Denn die Sinn-These verwendet den Kapitalbegriff wie die Bundesbank, um ihre These empirisch zu unterfüttern. Behauptet wird ganz unzweifelhaft, dass mit diesem Geld das Gros der Waren aus dem Ausland, insbesondere Deutschland, bezahlt wurde. Wichtig ist, dass wenn sie in ihrem eigenen System konsistent argumentieren wollen, „Kapitalexporte“ den „Importsog“ ganz offensichtlich nicht erklären können.

Verwunderlich ist das alles nicht. Wie Dirk Ehnts in einem Beitrag zu dieser Diskussion im Detail gezeigt hat, beruht die Sinn-These und die dafür vorgebrachte Evidenz auf einem falschen Verständnis der Funktionsweise des Eurosystems.

Häring dagegen scheint der Meinung, man könne die stormsche Variante der Sinn-These vertreten und gleichzeitig der Darstellung Ehnts‘ über die Funktionsweise des Eurosystems zustimmen. Nur so lässt sich erklären, dass auch die Lektüre von Ehnts‘ Beitrag in Resignation endet:

„Ich verstehe immer noch nicht, warum Flassbeck und Mitstreiter diese Ergänzung ihrer These so beharrlich bekämpfen. Das Postulat: ‚Ihr sollt keine anderen Forderungen neben meinen erheben‘ ist der progressiven Sache nicht dienlich. Es spaltet.“ ( hier)

Nun bin ich gerne bereit, mit Norbert Häring für das „gleiche Ziel zu wirken“, habe aber größte Schwierigkeiten zu verstehen, welche Verhaltensweisen von „Flassbeck und Mitstreitern“ er für tadelnswert erachtet? Ist ein intoleranter Spalter, wer die Sinn-These für falsch hält? Und muss, wer sie für falsch hält, die „Alleinschuld der Lohnpolitik“ behaupten?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass keiner der Bescholtenen eine „Alleinschuld“ behauptet hat.  Ich habe auch nicht das geringste Problem mit seiner Aufforderung, sich um die „Dysfunktionalitäten des Finanzsystems zu kümmern“. Ganz im Gegenteil: Alle kritisierten Autoren haben sich in vielen ihrer Beiträge explizit bereits sehr kritisch mit dem Finanzsystem generell und dem Eurosystem ganz speziell auseinandergesetzt. Sie haben zudem Vorschläge zu dessen Reform unterbreitet. Um das zu sehen, genügt es, die unter dem Namen der Autoren archivierten Beiträge auf Makroskop kurz zu überfliegen.

Was Kapitalexporte nicht sind

Offene Türen rennt Häring auch bei mir ein, wenn er darauf hinweist, dass die Lohnsteigerungen in Spanien nicht ohne „Finanzströme“ möglich gewesen wären. Freilich wäre dann zu präzisieren, dass in Spanien die „Finanzströme“ vorwiegend von spanischen Banken generiert wurden.

Diese so generierten „Finanzströme“ kann man nun auch problemlos als „Kapital“ bezeichnen. Gesagt wird damit aber nicht mehr, als dass durch die Kreditvergabe einer spanischen Bank an spanische Unternehmen und Haushalte diese nun Geld zur Verfügung hatten, mit dem sie auch Güter aus dem Ausland, z.B. aus Deutschland, bezahlen konnten. Dieses Kapital ist aber nicht mehr als ein Guthaben auf einem Girokonto einer spanischen Bank. Was aber hat das alles mit dem Export von Kapital zu tun?

Man kann den spanischen Banken auch vorwerfen, dass sie faule Kredite vergeben haben oder darauf hinweisen, dass die spanische Bankenaufsicht versagt hat. Von mir aus kann man auch kritisieren, dass die EZB ihre spanischen Kollegen auf die Finanzierung einer Immobilienblase nicht hingewiesen hat. Wenn dieses Fehlverhalten des Bankensektors die Kreditvergabe spanischer Banken zu einem „Kapitalexport“ macht, dann erklärt sich auch die Immobilienblase in den USA durch einen „Kapitalexport“.

Wie Häring aus Krediten „Kapitalexporte“ macht

Wie kommen wir also von der Kreditvergabe spanischer Banken an spanische Unternehmen und Haushalte zu einem Kapitalexport? Häring gibt folgende Antwort:

„Ausländische Banken (oder die EZB) haben der spanischen Bank zusätzlichen Kredit gewährt, mit dem diese den Kauf der Baumaschinen auf Kredit und damit das Leistungsbilanzdefizit finanzieren konnte.“

Das stimmt so natürlich nicht. Sieht man von der Mindestreserveverpflichtung ab, dann braucht keine Bank von irgendeiner anderen Bank oder von ihrer Zentralbank einen Kredit, um Darlehen an das Publikum, also Unternehmen oder Haushalte, vergeben zu können.

Um sein Argument zu retten, scheint Häring zu argumentieren, dass die spanischen Banken gewusst, oder doch zumindest geglaubt haben, dass die von ihnen geschaffene Kaufkraft zum Import von Gütern benutzt wird:

„Im Ergebnis wurde die Kaufkraft in Spanien durch Kreditvergabe (…) ausgeweitet. Da sich die Kaufkraft auf ausländische Waren bezog, führte dies zu einem (…) erhöhten Leistungsbilanzdefizit. Dieses wurde durch den Geldmarktkredit der deutschen an die spanische Bank finanziert.“

Wahrscheinlich aber habe ich Häring missverstanden. Denn, dass eine Bank sich bei der Kreditvergabe Gedanken macht, wo dieses Geld irgendwann mal landet, ist doch sehr weit hergeholt. Banken vergeben Kredite auf der Basis einer Bonitäts-und Sicherheitenprüfung. Sie machen sich aber ganz bestimmt keine Gedanken darüber, ob der Bauarbeiter, dem ein Teil dieses so geschaffenen Geldes zufließt, es nun zum Kauf von Gütern im In-oder Ausland benutzt.

Sind Zentralbankreserven das „wahre“ Kapital?

Was wiederum niemand bestreitet, ist, dass Kredite von ausländischen Banken oder der EZB benötigt werden, wenn Unternehmen und Haushalte in einem Land A der Eurozone mehr in Geld bewertete Güter von Unternehmen in einem Land B der Eurozone kaufen als umgekehrt. Das kleine Wort „mehr“ ist dabei von großer Bedeutung. Denn selbst dann, wenn alle in Land A gekauften Güter aus dem Land B importiert worden wären, ist es noch immer nicht notwendig, dafür Kredite von ausländischen Banken oder der EZB zu erhalten.

Kauft die Bevölkerung in Land A alle Güter im Wert von 100 Millionen Euro von Ausländern, aber produziert wiederum allein für das Ausland Güter im Wert von 100 Millionen Euro – ist die Handelsbilanz zwischen den beiden Ländern also ausgeglichen – dann braucht es noch immer keine Kredite von ausländischen Banken oder der EZB.

Aber ist es nicht unbestreitbar, dass der deutsche Bankenkomplex – also deutsche Geschäftsbanken und die Bundesbank – gegenüber dem entsprechenden spanischen Bankenkomplex eine riesige Summe von Forderungen in ihren Büchern stehen haben?

Selbstverständlich ist das richtig. Wenn Spanier mehr Güter aus Deutschland als andersherum erworben hatten, dann ist es eine notwendige Folge davon, dass genau in Höhe dieser Differenz beim spanischen Bankenkomplex Verbindlichkeiten gegenüber dem deutschen Bankenkomplex und andersherum Forderungen des deutschen gegenüber dem spanischen Bankenkomplexes verbucht werden.

Was aber spricht dagegen, die Nettoforderungen des deutschen Bankenkomplexes gegenüber dem spanischen als Kapitalexport zu erachten? Spricht nicht die Tatsache, dass beim Zahlungsausgleich tatsächlich Zentralbankreserven fließen, sogar dafür, dass es sich bei den auf Euro lautenden Forderungen und Verbindlichkeiten um „Kapital“ handelt?

Wenn wir nun sowohl Giralgeld als auch Zentralbankreserven als „Kapital“ bezeichnen, dann ist klar, dass damit Spanier von Deutschen Güter erwerben konnten, zunächst einmal Kapital von Spanien nach Deutschland geflossen sein muss, und dass als Folge davon die absolut gleiche Summe an Kapital von Deutschland nach Spanien geflossen ist. Die Nettokapitalflüsse sind dann aber genau 0. Leider konnten wir also noch immer keine Kapitalexporte entdecken.

Freilich kann man nun einfach behaupten, meine Kapitaldefinition sei falsch. Zwar sei richtig, dass Kapital Geld sei, aber das Buchgeld der Banken sei kein Geld, sondern nur Bargeld oder Zentralbankreserven könnte man diesen erhabenen Status zuschreiben. Nun endlich wäre die Sinn-These als richtig erwiesen.

Masochistisches Fazit

Problematisch ist an diesem Argument „nur“, dass die Spanier nun Kapital (Zentralbankreserven) haben, das nicht imstande ist, irgendwelche Güter in Spanien oder im Ausland zu kaufen, geschweige denn in Spanien einen Immobilienboom auszulösen und das deutsche Publikum „etwas“ hat, das zwar in Euro bewertet ist und mit dem man (fast) alle gekauften Güter im Euroraum bezahlen kann, das wir aber nicht mehr Geld und damit auch nicht mehr Kapital nennen dürfen.

Direktinvestitionen eines ausländischen Investors, die als paradigmatisches Beispiel eines Kapitalexports gelten, sind dann aber nach dieser definitorischen Operation als Kapitalimporte zu bezeichnen. Denn eine Direktinvestition eines Investors aus Land A in ein Projekt in Land B in Höhe von 100 Währungseinheiten, führt – wenn wir von allen anderen Transaktion zwischen den beiden Ländern absehen – dazu, dass der Bankenkomplex B nun eine Forderung gegen Bankenkomplex A in Höhe von 100 hält. Ergo hat A Kapital importiert und B Kapital exportiert.

Möglicherweise hat Häring Recht, dass nur noch Masochisten bereit sind, einem Argument wie diesem bis hierher zu folgen. Der Masochist hat dann aber allen anderen etwas voraus:

Er weiß nun, dass die Sinn-These in all ihren Varianten entweder unverständlich oder schlicht falsch ist.

 

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