Konjunktur | 17.06.2016 (editiert am 07.07.2016)

Die Konjunktur in der EU – Stagnation bei großen globalen Risiken – Teil 1

Die europäische Konjunktur verharrt im sechsten Jahr im Stagnationsmodus. Angesichts weltweiter Rezessionstendenzen ist eine europäische Wirtschaftspolitik, die auf Nichtstun setzt, gemeingefährlich.

Die Zeichen der Konjunktur stehen weltweit auf Sturm. Nachdem die amerikanische Zentralbank gerade wegen akuter Schwäche der US-Wirtschaft darauf verzichtet hat, die lang angekündigte Leitzinserhöhung vorzunehmen, sollte auch der letzte begreifen, dass das Thema der Stunde eine globale Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung ist. Und in der Tat, selbst die größten Jubler (wie die FAZ) scheinen zu ahnen, dass die schöne heile Welt des „uns geht es ja gut“ sich nicht mehr verkaufen lässt. Dass man dann auf die Alterung als Grund für die globale Schwäche kommt, ist allerdings so lächerlich, dass wir schon wieder ein „Genial daneben“ machen müssten. Doch zur Wirtschaftspolitik in Teil 2 mehr.

Deutschland hält sich im Moment noch über Wasser, doch was heißt das schon, wenn der Wasserpegel dauernd steigt. Die Auftragseingänge in der Industrie (Abbildung 1) verharren insgesamt immer noch auf dem Niveau von 2013 und nicht über dem von 2011. Dabei sind die Aufträge aus dem Inland noch schwächer als die aus dem Ausland. In den Zeiten, als es noch ernsthafte konjunkturelle Analysen gab, hätte man einer Wirtschaftspolitik, die so etwas zustande bringt, ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Nicht so heute: Von Monat zu Monat vertröstet man sich damit, dass es nun bald aufwärts gehen müsse und schweigt, wenn das nicht der Fall ist.


Abb. 1: Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe


Die Bremsspuren der globalen Schwäche sind dabei klar erkennbar. In Abbildung 2 sind die Auftragseingänge aus dem Nicht-Eurozone-Ausland, die seit 2011 das einzig belebende Element der deutschen Konjunktur waren, klar abgerutscht. Dass aus der Eurozone trotz deren eklatanter Schwäche noch immer so starke Auftragseingänge zu verzeichnen sind, zeigt, wie überlegen die deutsche Wettbewerbsposition ist.


Abb. 2: Auftragseingang im Vearbeitenden Gewerbe aus dem Ausland


Auch das ifo-Geschäftsklima, dass in den vergangenen zwei Monaten wegen eines ganz leichten Anstieges wieder bejubelt wurde, stagniert bei Licht betrachtet seit dem Ende des Aufschwungs im Jahre 2011 (Abbildung 3).


Abb. 3: ifo-Geschäftsklima und Auftragseingänge


In Europa kann man das, was bei der Industrieproduktion an minimalster Aufwärtsbewegung erkennbar ist, wirklich nicht als Aufschwung oder auch nur Belebung bezeichnen (Abbildung 4). Zwar ging es im April ganz leicht nach oben, aber das ist die berühmte Schwalbe, die noch lange keinen Sommer macht. Frankreich und Italien brauchen noch viele Schwalben, um an einen Aufschwung glauben zu können.


Abb. 4: Industrieproduktion im Euroraum insgesamt und in den "Kernländern"


In Südeuropa (Abbildung 5) bewegt sich auf niedrigem Niveau immer noch wenig. Portugal verzeichnet bei der Industrieproduktion im April einen kräftigen Schub, ob der jedoch von Dauer ist, darf bei dem stark schwankenden Kurvenverlauf bezweifelt werden. Spanien kommt nicht weiter vom Fleck und Griechenland ist wirklich in einer desaströsen Situation.


Abb. 5: Industrieproduktion in Spanien, Portugal und Griechenland


Auch bei den kleinen Ländern im Norden sieht es nicht besser aus (Abbildung 6). Österreich und Belgien bewegen sich im Schneckentempo nach oben, aber die Niederlande, die immer noch in einer großen Rezession stecken, erleiden erneut einen Rückschlag.


Abb. 6: Industrieproduktion in Österreich, Belgien und den Niederlanden


Die drei Länder, die das Baltikum formen und immer wieder als „Reformerfolgsländer“ dargestellt werden, dümpeln weiter vor sich hin (Abbildung 7). Estland erlebte im April nach vielen Monaten des Rückgangs mal wieder einen kräftigen Anstieg, aber eine grundlegende Veränderung ist das sicher nicht. Man sieht an diesen Beispielen, dass diese Länder vergangene Erfolge keineswegs ihrem Reformwillen verdanken, sondern, was wir immer wieder hervorgehoben haben (hier zum Beispiel), der allgemein guten Konjunktur zu Beginn der 2000er Jahre in Europa und der Tatsache, dass sie mit starken Lohnerhöhungen ihren heimischen Konsum angeregt haben. Wo dieser Kanal verschlossen ist, weil sie Druck auf die Löhne ausüben, gibt es auch kein Wachstum mehr.


Industrieproduktion im Baltikum


Auch in den meisten übrigen ost- und mitteleuropäischen Staaten verläuft die Entwicklung sehr verhalten (Abbildungen 8 und 9). Zwar geht es in der Slowakei, Polen und Ungarn immer noch leicht aufwärts, aber das ist kein Tempo mehr, das zu Hoffnung auf ein durchgreifendes Aufholen Anlass geben könnte. Und in Slowenien und Tschechien herrscht schon wieder Stillstand. Ähnliches gilt für Bulgarien, Rumänien und Kroatien, wo es leichte Aufwärtstendenzen gibt, aber die Lage so fragil ist, dass jederzeit wieder ein Abschwung einsetzen kann.


Abb. 8: Industrieproduktion in einigen osteuropäischen Staaten


Abb. 9: Industrieproduktion in Bulgarien, Rumänien und Kroatien


Lesen Sie im zweiten Teil nächste Woche, wie es mit den übrigen Indikatoren bestellt ist und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen dringlich zu ziehen sind.

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden