Passanten vor einem geschlossenen Geschäft
Eurozone | 13.06.2016 (editiert am 18.06.2016)

Lohn oder Kapital? – Teil 2

Die Position, die man der Neoklassik entgegenstellen muss, setzt auf das Verstehen von Abläufen und damit auf kausale Zusammenhänge, die es jenseits der Identität von Sparen und Investieren erlauben, eine plausible Geschichte abzuleiten.

Was ist die Gegenposition zur Neoklassik?

Die Gegenposition beginnt mit einer einfachen Überlegung in Sachen Erkenntnistheorie und einigen zentralen empirischen Beobachtungen. Zunächst muss man zur Kenntnis nehmen, dass die (ex post) immer gegebene Gleichheit von Sparen und Investieren eine reine Identität ist und man folglich daraus keine Aussagen über Abläufe bzw. kausale Zusammenhänge ableiten darf. So lange wir nicht wissen, wie sich bei einer Zunahme der Ersparnis beispielsweise, das gesamte Einkommen der Volkswirtschaft (also auch die gesamte Produktion, das BIP) verändert, ist die Aussage, dass am Ende aller Anpassungsprozesse dennoch die Ersparnis der Volkswirtschaft (also das, was nicht konsumiert wurde) genau gleich ist der Investition (das ist definitionsgemäß auch das, was nicht konsumiert wurde), ohne jede Bedeutung. Das gleiche gilt für Kapitalexport und Leistungsbilanzsaldo. Aus der Tatsache, dass beides definitionsgemäß gleich ist, folgt nichts hinsichtlich der Abläufe, die zu bedeutenden Salden führen (die ich zumeist „Ungleichgewichte“ nenne, weil das so üblich ist, aber eigentlich mit einem Ungleichgewicht im Sinne der neoklassischen Theorie nichts zu tun haben). Wenn also solche Salden entstehen, muss man nach Faktoren suchen, die geeignet sind, die Güterströme oder die Kapitalströme in einer Weise zu bewegen, die das Entstehen von solchen Salden begünstigt.

Auch hier will ich teilweise auf eine Erläuterung zurückgreifen, die ich vor einiger Zeit schon gegeben habe (hier zu finden): „Das heißt, dass man die Bewegungen im deutschen Außenhandelssaldo von einer leichten Überschussposition Ende der neunziger Jahre zu einer massiven Überschussposition in den letzten 15 Jahren nicht mit den Bewegungen der Salden gegeneinander erklären kann, wie das viele Neoklassiker und vorneweg Hans-Werner Sinn tun. Zu sagen, die deutschen Ersparnisse seien ins Ausland geflossen, weil man im Vergleich der Salden sieht, dass der Kapitalexport in dieser Zeit zugenommen hat, ist keine Erklärung im eigentlichen Sinne, es ist lediglich die Verbalisierung der Identität, die sich aus der reinen Saldenbetrachtung ergibt, also eine Beschreibung der Vorgänge, gibt aber keine Begründung.

Um den Vorgang wirklich zu verstehen, muss man sich anschauen, wie und wo sich Veränderungen ergeben haben, die nicht per Definition bereits in den Salden enthalten sind, aber Einfluss auf sie genommen haben (könnten). Haben sich zum Beispiel Preis- oder Zinsverhältnisse fundamental verändert, so dass Konsum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und der Unternehmen davon berührt waren? Wer also das Anschwellen des deutschen Kapitalexports wirklich erklären will, muss nach Faktoren suchen, die das verursacht haben können und er muss den Wirkungszusammenhang erläutern. Vor allem kann es nicht um wohlfeile Behauptungen gehen wie etwa die, in Deutschland lohne sich das Investieren eben nicht und daher fließe Anlage suchendes Kapital ins Ausland, wenn man das „Sich-nicht-Lohnen“ nicht an konkreten Fakten festmachen kann. Hat der Exodus des Kapitals zugenommen, müssten sich auch die Bedingungen, die für den Exodus verantwortlich sind, verschärft haben.“

Was man in Deutschland im Verhältnis zu seinen Nachbarn ohne Zweifel beobachtet, ist eine starke Veränderung bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit seit Beginn der Europäischen Währungsunion (EWU). Die Lohnmoderation in Deutschland (die politisch gewollt und auch unter massivem Druck auf die Gewerkschaften politisch angestoßen war) hat zu einer realen Abwertung geführt. Das ist unbestritten und unmittelbar evident, wenn man die Lohnstückkosten betrachtet

 

Lohnstückkosten von Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland im Zeitraum von 1999 bis 2015

 

In welcher Weise sich die verbesserte Kosten- und Preissituation der deutschen Unternehmen in größeren Export- und geringeren Importströmen niederschlägt und/oder in höheren Gewinnen, ist zunächst offen. Doch schon dieser Sachverhalt und die allereinfachste Marktreaktion (die Nachfrager reagieren auf neue Preissignale), könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben, deren Preise relativ günstiger geworden sind. Und in Deutschland wurden weniger Produkte der anderen gekauft, weil die relativ teurer geworden sind. Man beobachtet also einerseits die Veränderung der Preisrelationen nach einem exogenen Anstoß (hier der Lohnabschlüsse) und die Veränderung von Warensalden, die in diesem Fall dazu passt.

Bleibt nur noch die Frage, wie das finanziert wurde, wie also die Kapitalströme zu den Güterströmen passend „gemacht“ wurden. In einer Währungsunion ist das aber keine Schwierigkeit, weil alle grenzüberschreitenden Transaktionen genauso leicht finanziert werden können wie rein nationale Transaktionen. Paul Steinhardt hat das gerade noch einmal gezeigt (hier). Wenn ein französischer Bürger ein deutsches Auto kaufen will, geht er zu seiner Bank, nimmt einen Eurokredit auf und kauft das Auto bei einem Händler der deutschen Marke in Frankreich. Der bezahlt den Wagen der deutschen Firma mit den Euros, die er von seinem Kunden bekommen hat. Machen das sehr viele Franzosen, müssen die französischen Banken, die die Kredite vergeben, vielleicht irgendwann einen Kredit bei den deutschen Banken aufnehmen, zu denen die Mittel geflossen sind. Das ist alles extrem einfach, führt aber dazu, dass am Ende in der Zahlungsbilanzstatistik sozusagen eine offene Rechnung steht, die dann als Kapitalexport angesehen wird, obwohl es nur um einfache ausstehende Rechnungen für Produkte angesehen wird, die schon längst gekauft worden sind. Ersparnis oder Kapital, das noch in Investitionen in Frankreich fließen könnte, gibt es einfach nicht.

Wohlgemerkt, man muss diesen Fall nicht in jedem Detail überzeugend finden. Aber wer nicht nur Kritik um der Kritik willen übt, muss sich fragen, ob man einen überzeugenderen Fall findet, der das Entstehen der Salden erklären kann und auch eine gewisse Empirie für sich hat. Schließlich muss man auch Fragen stellen, wie die, warum die deutschen Arbeitnehmer überhaupt Lohneinbußen hingenommen haben, wenn sie nicht einmal auf den einfachsten aller Mechanismen setzen konnten, nämlich die unbestreitbare Tatsache, dass eine reale Abwertung durch Lohnmoderation den eigenen Unternehmen im Wettbewerb Vorteile bringt, wenn es keine Aufwertung der eigenen Währung und keine andersartige Gegenreaktion der Handelspartner gibt.

Warum kaufte man in Spanien mehr deutsche Produkte?

Wenn man sich ernsthaft mit der neoklassischen Alternative auseinandersetzen will, muss man genau diesen Fall im neoklassischen Sinne umdrehen, also unterstellen, dass deutsche Anleger ihre Ersparnisse aus irgendeinem Grund nach Frankreich oder Spanien exportieren wollen, ohne dass sich die Lohnstückkosten- und Preisverhältnisse zuvor geändert hätten. Zunächst ist die Frage, warum sie das mit dem Beginn der Währungsunion vermehrt hätten tun wollen. Denn an den Zinsverhältnissen, die für Spar- bzw. Anlageentscheidungen relevant sein könnten, hat sich mit dem Beginn der Währungsunion beispielsweise nichts an der relativen Attraktivität Frankreichs geändert. Im Gegenteil, der französische Zins ist noch näher an den deutschen herangerückt, so dass die beiden für einige Jahre fast vollständig gleich waren. Hier fehlt also schon der Ausgangsimpuls, der dafür hätte sorgen können, dass sich die Kapitalströme umdrehen und Frankreich in eine Verschuldungsposition gerät.

Aber auch die realwirtschaftliche Seite passt in diesem Fall überhaupt nicht. Denn selbst wenn die Kapitalströme der Ausgangspunkt gewesen sein sollten und die Güterströme ihnen gefolgt wären, wie hätte das gehen sollen? Der französische Bürger kauft ja nicht deswegen mehr deutsche Autos, weil seine Bank ihm anbietet, sie mit deutschen Ersparnissen zu finanzieren. Und der deutsche Bürger verzichtet – ohne Relativpreisänderung – schon gar nicht auf den Kauf von französischem Rotwein zugunsten deutschen Weins oder, weil er nicht mehr genügend Einkommen für den französischen Wein hat; denn warum sollte er sich aus heiterem Himmel (also ohne exogenen Anlass bei Warenpreisen oder Zinsen) dazu entschließen, die gleiche Menge an Ersparnissen wie zuvor zu bilden, sie aber nicht mehr zu Hause anzulegen, stattdessen aber in Frankreich, wenn das – zumindest für alle Konsumenten zusammen genommen – technisch gesehen nur dann klappt, wenn sie gleichzeitig ihren Konsum an französischen Waren reduzieren?

Die Güterströme mit den Kapitalströmen erklären zu wollen, funktioniert einfach nicht:

Die Geschichte wird nie plausibel. Es ist erstaunlich, wie leicht (man könnte auch sagen leichtfertig) der Großteil der deutschen Ökonomen diese von Hans-Werner Sinn aufgestellte These teilt. Freilich hat er sie auf den Fall Spanien bezogen. Dort gab es einen Hauspreisboom, der scheinbar eine gute Erklärung dafür bot, warum Deutsche ihre Ersparnisse ins Ausland transferieren wollten. Aber eine gute Erklärung ist auch das nicht, weil auch hier die Frage unbeantwortet bleibt, wie die güterwirtschaftliche Seite dazu passt: Warum kauften Spanier von dem Geld, das deutsche Anleger in den spanischen Wohnungsbau (also etwa in die Löhne spanischer Maurer) steckten, zunehmend mehr ausländische als spanische Güter? Denn ausweislich des Handelsdefizits war es so. Außerdem sollte eine stichhaltige Erklärung nicht nur Einzelfälle (wie Spanien) erfassen, sondern möglichst viele Fälle (wie Frankreich, Portugal, Griechenland etc.) abdecken, wo es eine solche gravierende Verschiebung der Salden eben auch gegeben hat, aber keinen Bauboom.

Im dritten Teil werde ich erklären, wieso nur eine solche an den internationalen Lohnrelationen ausgerichtete Erklärung der Handelsbilanzsalden zu einer überzeugenden nicht-neoklassischen Theorie passt und warum generell die Löhne im Zentrum der Makroökonomik stehen müssen.

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